Schiesssport
Jan Lochbihler an der EM: «Chlapf a Grind», eine historische Medaille und ein dünner Strohhalm für Olympia-Teilnahme

Der Holderbanker Profischütze Jan Lochbihler verpasst an der Europameisterschaft in Kroatien den Olympia-Quotenplatz, brilliert dafür mit dem Team und wahrt leise Hoffnungen auf die Olympischen Spiele in Tokio.

Raphael Wermelinger
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Nur über die Wildcard könnte Jan Lochbihler in diesem Jahr noch zu seiner zweiten Teilnahme an Olympischen Spielen kommen.

Nur über die Wildcard könnte Jan Lochbihler in diesem Jahr noch zu seiner zweiten Teilnahme an Olympischen Spielen kommen.



Patrick Lüthy

Er hält aktuell den Weltrekord in der Disziplin 50-Meter-Dreistellung – beim Weltcup in Rio 2019 schoss er 1188 von möglichen 1200 Punkten. Und er steht in der Weltrangliste auf dem neunten Platz. Trotzdem ist der Holderbanker Jan Lochbihler, Stand jetzt, nicht für die Olympischen Spiele in Tokio qualifiziert.

An der Europameisterschaft im kroatischen Osijek verpasste er die Chance, sich den letzten Quotenplatz für Olympia zu sichern. Als 19. schaffte er die Qualifikation für den Finaldurchgang nicht. «Der Druck war enorm, nicht nur bei mir», blickt er zurück. «Man hat gespürt, dass es mehr um diesen letzten Quotenplatz ging als um den EM-Titel.»

Fünf Punkte fehlten für den Finaleinzug. «Eigentlich brutal viel, aber auch gar nichts», sagt er. «An der Weltspitze passiert das so schnell. Eine Neun, dann gleich noch eine, weil du den Wind nicht siehst. Dann bist du schon im Verteidigungsmodus und musst wieder aufholen – ein Auf und Ab», beschreibt er den Wettkampf.

1179 Punkte wären für den Finaleinzug nötig gewesen. «Brutal viel Holz. Nur neun Punkte unter dem Weltrekord, das ist wirklich extrem. Das Niveau war sehr hoch», so Lochbihler. Und dies trotz der schwierigen Bedingungen mit viel Wind und wechselndem Licht.

Langer Kampf gegen die Folgen der Coronainfektion

Die will er aber nicht als Entschuldigung vorschieben. Auch nicht seine langwierige Coronaerkrankung. Im Dezember infizierte er sich, kurz darauf realisierte er: «Da stimmt etwas mit Lunge und Herz nicht.» Bei der kleinsten Anstrengung schnellte sein Puls auf 160 rauf. Plötzlich stand nicht mehr Olympia im Zentrum, sondern seine Gesundheit.

Ungewohnt für den 29-Jährigen: «In unserem Sport haben wir selten mit Verletzungen zu tun. Eher mit chronischen Beschwerden im Rücken oder an den Gelenken. Die Situation war für mich und auch für meinen Trainer absolutes Neuland.»

Hilfe bekam er von Christian Protte, dem Verbandsarzt von Swiss Shooting. «Leider gibt es noch keine Pille gegen Corona», sagt Lochbihler lachend. «Wir mussten uns langsam vortasten, Alternativmedizin wirken lassen und wir setzten auf eine gesunde Ernährung mit viel Schlaf.»

Er musste lange mit angezogener Handbremse trainieren. Die Zeit, sich für die Olympischen Spiele zu qualifizieren, wurde immer knapper – eine schwierige Zeit für ihn. Das Coronavirus habe ihm Ressourcen gestohlen, die er für das Schiessen gebraucht hätte, sagt er rückblickend.

In Kroatien habe ihn dies aber nicht mehr direkt beeinflusst: «Ich war bereit für die EM, mental auf der Höhe und auch das Material stimmte.» Dies unterstrich er nach seinem 19. Platz im Einzel im Teamwettkampf. Mit Christoph Dürr und Fabio Wyrsch gewann er Bronze – die erste Schweizer Medaille in der Dreistellung seit über 40 Jahren.

Nach dem «Chlapf a Grind» im Einzel habe ihm dies gutgetan: «Ich darf sagen, dass ich super geschossen habe. Wir putzten die Russen raus oder auch die starken Italiener. Das war wirklich historisch.»

Natürlich hätte er den dritten Platz lieber im Einzel eingeheimst. Dieser hätte ihm nach Rio 2016 die zweite Olympia-Teilnahme garantiert. «Ich kann nicht alles auf die EM abschieben. Ich hatte einige Chancen in den letzten zwei Jahren, konnte sie aber immer haarscharf nicht nutzen», sagt er.

Wieso es dieses Jahr besonders schwierig ist: Im Vergleich zu Rio 2016 gibt es in Tokio für die Schützen 40 Quotenplätze weniger. Und die werden auf alle Regionen verteilt. «Ich könnte nach Amerika oder Australien gehen und hätte den Quotenplatz auf sicher, weil das Niveau dort so tief ist. In Europa haben wir die besten Schützen, aber nicht mehr Plätze. Deshalb ist der Kampf so eng», schildert Lochbihler.

Einen «verdammt dünnen» Strohhalm gibt es noch, obwohl die Quotenplätze weg sind: Die Wildcard, welche das Internationale Olympische Komitee vergibt. Als Weltrekordhalter und Neunter der Weltrangliste kann er durchaus Ansprüche stellen, wagt aber keine Prognose: «Das ist zu politisch. Einerseits sollten die Weltbesten am Start sein, andererseits schaut das IOC auch darauf, dass jedes Land vertreten ist, und vergibt die Wildcard deshalb vielleicht in ein Land, das im Schiesssport noch nicht gross ist.»

Das Gefühlschaos um seine Olympia-Teilnahme geht also noch ein bisschen weiter für Jan Lochbihler. Gleichzeitig muss er sich auf die anstehenden Wettkämpfe fokussieren. Bis Ende Woche laufen an der EM noch die Wettkämpfe über die nicht-olympische 300-Meter-Distanz. In der nächsten Woche ist er in der Schweiz – in Magglingen, bei der Freundin in der Ostschweiz und kurz bei den Eltern in Holderbank. Dann geht es zurück nach Kroatien, wo der Europacup und der Weltcup anstehen.