Benvenuto Savoldelli, am Donnerstag sind Sie nicht mehr EHC-Olten-Präsident, damit beenden Sie ein grosses Kapitel in Ihrem Leben. Wie ist Ihre Gefühlslage?

Benvenuto Savoldelli: Ich konnte mich nun ein Jahr darauf vorbereiten. Aber es ist schon ein mulmiges Gefühl. Immerhin war ich 21 Jahre dabei. Man muss sich vorstellen: Meine Kinder kennen nichts anderes als ihren Vater, der eng mit dem EHC Olten verbunden ist. Das ist verrückt. Was mich glücklich schätzt und den Abschied etwas einfacher macht, ist die Tatsache, dass wir eine Crew am Start haben, die den Klub mit Herzblut einen Schritt vorwärtsbringen und diesen Aufstieg in Angriff nehmen will. Wobei sie dasselbe Credo verfolgen wie ich: Nicht mehr Geld auszugeben, als wir haben, das freut mich.

Blicken wir zurück auf Ihre Amtszeit: Was würden Sie als Ihre grösste Errungenschaft bezeichnen?

Das ist mit Sicherheit, dass ich 2004/2005 den Klub zusammen mit dem damaligen Präsidenten Hans-Ruedi Bättig und weiteren Unterstützern vor dem Bankrott retten konnte. Ich mag mich noch gut erinnern: Ende August musste ich in die Kabine. Die meisten Spieler wussten noch nicht einmal, wer ich bin, und ich musste ihnen verkünden, dass sie ihren ersten Lohn der neuen Saison nicht erhalten werden. Das war eine grosse Krise. Am Ende konnten wir knapp den Abstieg in die 1. Liga vermeiden.

«Man macht so ein Amt nicht, damit man von jedem ein Danke und ein Merci zu hören bekommt.»

«Man macht so ein Amt nicht, damit man von jedem ein Danke und ein Merci zu hören bekommt.»

Sie haben dann das Blatt gewendet.

Dass ich es doch noch in die Wege leiten konnte und Leute wie Hans-Ruedi Bättig überzeugen konnte, dass sie in einer sehr schwierigen Zeit in den Verwaltungsrat kommen, war sehr wichtig. Eigentlich müsste man die Leute, die damals in den VR gestossen sind, unter Beistandschaft stellen. Der Klub war faktisch finanziell kaputt.

Die Entwicklung danach ist umso unglaublicher.

Wenn man die Entwicklungen der Zuschauerzahlen und des Budgets betrachtet, sind das grosse Sprünge. Früher besuchten die Heimspiele im Schnitt 1000 Fans, heute sind es 4000. Das Budget war damals bei 1,2 Millionen Franken, heute das Fünffache. Und die Werbeeinnahmen betrugen 250 000 Franken, heute sind es über drei Millionen. Das ist natürlich nicht nur auf meinem Mist gewachsen, es brauchte viele engagierte Leute, aber es macht mich stolz, dass der Verein in dieser Zeit Fortschritte erzielen konnte.

Spüren Sie heute die Wertschätzung Ihrer Arbeit rund um den Verein?

Es gibt sehr viele Leute, die sich bewusst sind, was ich für diesen Klub getan habe. Es gibt ja auch Leute, die sagen, dass es ohne mich den Klub nicht mehr gäbe – ob es effektiv so ist, ist schwierig zu beurteilen. Aber wenn man so ein Amt ausübt, darf man auch nicht zu viel erwarten. Man macht es nicht, damit man von jedem ein Danke und ein Merci zu hören bekommt. Man macht es, weil es Spass und Freude macht, weil man davon überzeugt ist. Wenn man dann Anerkennung erhält, ist das gut, aber erwarten sollte man es nicht, sonst ist die Enttäuschung nur umso grösser.

Was war Ihre grösste Enttäuschung?

Das war sicher der Unfall von Ronny Keller. Das hat mir böse zu denken gegeben, das war eine schwierige Zeit, auch für die Mannschaft. Man muss dabei dem damaligen Trainer Scott Beattie ein grosses Kompliment machen, wie er das in der Kabine verarbeitet hat, dass er die Jungs überhaupt überzeugen konnte, weiterhin die Schlittschuhe zu schnüren, war grosse Klasse. Dieser Unfall war schrecklich. Wenn man solche Sachen sieht, hinterfragt man sich schon: «Was machen wir hier eigentlich?» Aber ich staune wieder, wie schnell man ein solches Ereignis verarbeiten kann, wie schnell der Alltag wieder kommt. Von diesem unglaublich tragischen Vorfall abgesehen wurmt es mich, dass wir während meiner Amtszeit nie den NLB-Meisterkübel nach Olten holen konnten.

Was würden Sie rückblickend besser machen?

Wir haben es bisher nie fertig gebracht, so viele Leute in den Verwaltungsrat zu bringen, um die Aufgaben besser verteilen zu können. Das ändert sich jetzt zum Glück. Und vielleicht hätten wir mal, statt einen Spieler zu holen, auf der Ebene der Geschäftsstelle mehr Leute anstellen sollen. Womit auch die Arbeit im VR strukturierter geworden wäre.

Haben Sie noch mitgeholfen bei der Suche Ihres Nachfolgers?

Gewisse Ratschläge und Tipps habe ich gegeben. Die beiden Hauptpersonen, Marc Thommen und Rolf Riechsteiner, wollten sich zuerst nicht über den Beirat hinaus engagieren. Dann hat sich Thommen doch für das Amt entschieden und hat die anderen begeistern können. Dann kam einer nach dem andern dazu.

Warum gelang Ihnen die Begeisterung der Leute zuerst nicht?

Frischer Wind tut gut. Es hat auf sportlicher Ebene einen grossen Schnitt gegeben, dann soll dieser auch auf Führungsebene möglich sein. Dann kann man neu beginnen und die anvisierten Ziele anpeilen. Die Strategiepapiere sind ausgearbeitet und unterschrieben.

Treten Sie mit einem gutem Gewissen ab?

Ja, ich muss ehrlich sagen: Ich hätte das Amt mit einem solchen Zeitaufwand gar nicht mehr seriös ausführen können. Das wäre neben all den anderen Jobs nicht mehr zu vereinbaren gewesen. Irgendwann wäre ich sonst wohl wirklich kaputt gegangen.

«Ich hätte das Amt mit einem solchen Zeitaufwand gar nicht mehr seriös ausführen können.»

«Ich hätte das Amt mit einem solchen Zeitaufwand gar nicht mehr seriös ausführen können.»

Sie hatten die Notbremse schon vor einem Jahr gezogen. Ihr Körper hatte Ihnen «die rote Karte» gezeigt, wie Sie es sagten. War von Anfang an klar, dass Sie beim EHCO kürzertreten werden?

Es wurde zu viel, was aber auch mit meiner Art zusammenhängt. Wenn ich irgendwo Chef bin, will ich die Fäden in der Hand halten. Irgendwann kann man das aber nicht mehr durchhalten. Für mich war klar, dass ich dort kürzertrete, wo ich am längsten dabei bin und wo ich es ehrenamtlich mache. Es war ein beträchtlicher Aufwand und am Ende bekam man keine finanzielle Entschädigung dafür. Im Gegenteil: Man musste noch froh sein, wenn man das eigene Portemonnaie nicht öffnen musste, um Löcher zu stopfen. (schmunzelt) Es gibt dann auch Abnützungserscheinungen, wenn man lange dabei ist. Leute, die mit deiner Philosophie teilweise nicht mehr einverstanden sind.

Man hörte oft, Savoldelli ist ein hervorragender Finanzjongleur, ein ausgezeichneter Sanierer, der den Verein auf sichere Beine gestellt hat, aber es fehlt ihm das Visionäre.

Es gibt ein bekanntes Zitat von Helmut Schmidt (ehemaliger deutscher Bundeskanzler, Anm. der Red.), der mal sagte: «Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen». Im Ernst: Der Sport ist derart unberechenbar. In der letzten Saison sind wir nach zwei Playoff-Heimspielen ausgeschieden. Das wird wieder ein Defizit geben. Mich wurmt es, zwei Jahre nacheinander ein Minus zu schreiben, nachdem man zwölf Jahre in Serie schwarze Zahlen geschrieben hat.

Rote Zahlen sind nicht kompatibel mit Ihrer Philosophie?

Es tut weh, ein Minus zu schreiben. Man sieht es immer wieder. Martigny ist das letzte Beispiel: Wenn man das Gefühl hat, mit Geld könnte man eine super Mannschaft zusammenstellen und die Leute und Sponsoren interessiert es trotzdem nicht, dann gibt es am Ende nichts anderes, als den Konkurs anzumelden. Martigny ist ja nicht der erste Klub, wir standen auch schon sehr nahe am Abgrund. Glücklicherweise sind wir über Jahre stetig gewachsen. Das ist schon etwas anderes, als wenn du von einem Jahr zum anderen den Erfolg aus dem Nichts zu kaufen versuchst.

Es wurde vor einem Jahr ein Dreijahresplan verfasst mit Ziel Aufstieg in die NLA. Geht es nun etwas zu schnell beim EHCO?

Vom Zeitpunkt her ist es sicher richtig, die NLA anzuvisieren. Wir haben eine gute Infrastruktur, die für die NLA reicht. Die Mannschaft wurde stark umgebaut. Mit der neuen Klubführung ergeben sich neue Möglichkeiten punkto Sponsoring. Da kommt viel frischer Wind rein. Es ist ja kein Geheimnis, dass wir seit Jahren versuchen, vorne mitzuspielen.

Architekt, Unternehmer, FDP-Politiker: Marc Thommen soll das Amt des scheidenden Präsidenten Benvenuto Savoldelli übernehmen.

Architekt, Unternehmer, FDP-Politiker: Marc Thommen soll das Amt des scheidenden Präsidenten Benvenuto Savoldelli übernehmen.

Hat denn der EHCO das Potenzial, NLA zu spielen?

Ich bin überzeugt, dass es vorhanden ist, wenn man nicht die gleichen Fehler wie früher begeht und man auch in der NLA realistisch bleibt. Das heisst, haushälterisch mit den Finanzen umgeht. Ich meine, wir haben im Schnitt 4000 Leute im Stadion. Olten ist eine Hockeystadt. Wobei man anmerken muss: Auf der einen Seite sind die Leute sehr begeisterungsfähig, anderseits fallen sie schnell ins Negative, wenn einige Spiele schlecht laufen.

Haben Sie Tipps, die Sie Ihren Nachfolgern auf den Weg geben können?

Tipps brauchen Sie nicht. Aber ich habe immer ein offenes Ohr, wenn sie etwas wissen wollen. Ich habe einen enormen Erfahrungsschatz, von dem sie profitieren können. Ich möchte diesem Verein auch verbunden bleiben. Es ist ja nicht so, dass ich nun weg vom Fenster bin.

Was muss die neue Führung verbessern?

Der Klub ist derart schnell gewachsen, dass man die Strukturen, gerade auf Geschäftsleitungs-Ebene, teilweise aus finanziellen Gründen, gar nicht anpassen konnte. Ich meine, die Geschäftsstelle ist völlig unterdotiert. Geschäftsführer Peter Rötheli hat sieben, acht Aufgaben. Das müsste man entflechten, damit die Geschäftsstelle auch so aufgestellt ist, wie sie unserem Budget entspricht. Ich glaube, das haben die neuen Leute gespürt und werden diese Strukturen verbessern.

Wird man Sie weiterhin im Kleinholz zu Gesicht bekommen?

Ja, natürlich. Ich verbleibe auch im Pentadon-Club. Der Unterschied ist nur, dass ich jetzt dann etwas häufiger ausrufen kann als früher und nach einer 1:8-Niederlage nicht eine Trainerentlassung verkünden muss, sondern dann ein Bier trinken darf (schmunzelt). Spass beiseite: Ich freue mich auf die kommende Zeit, auch mal die Aussenansicht einzunehmen.