Young Boys

Ruhig bleiben und Kaffee trinken - mehr kann Wölfli im Moment nicht machen

Mit Fussball soll noch lange nicht Schluss sein: Marco Wölfli will sich noch mindestens während viereinhalb Jahren die Torhüterhandschuhe anziehen.

Mit Fussball soll noch lange nicht Schluss sein: Marco Wölfli will sich noch mindestens während viereinhalb Jahren die Torhüterhandschuhe anziehen.

Als sich Marco Wölfli letztes Jahr im Meisterschaftsspiel gegen Thun die Achillessehne riss, verlor der Routinier den Platz im Tor der Young Boys und in der Nationalmannschaft. Nun muss er Geduld beweisen, um den jungen Yvon Mvogo wieder abzulösen.

Fussballprofis bleiben bis zum Mittag im Bett liegen? Von wegen: Punkt 8.15 Uhr erscheint Marco Wölfli im «Eleven« zum Frühstück. «Das ist ein Ritual», sagt der YB-Goalie. Seinen Kaffee trinkt er am liebsten schwarz. «Heute gehen wir in den Kraftraum. Wegen der Meisterschaftspause dürfte es ein hartes Krafttraining geben.»

Aufkommende Wehmut

Wenn Wölfli, wie am Donnerstagabend, die Schweizer Nationalmannschaft spielen sieht, dann tut ihm das weh – aber nicht in der Ferse, die wieder komplett ausgeheilt ist. Als im vergangenen Dezember die Achillessehne riss, bedeutete das für ihn, dass er nicht mit an die WM in Brasilien konnte. «Ottmar Hitzfeld war wirklich sehr fair und hielt meinen Platz lange offen, aber wenn die Achillessehne reisst, dann braucht es Geduld. Jetzt bin ich froh, dass ich nichts forciert habe und die Heilung sehr gut verlaufen ist.»

War die Verletzung sogar sein definitives Aus in der Nati? «Sag im Fussball niemals nie, aber zuerst muss ich mir wieder bei YB einen Stammplatz erobern. In meiner jetzigen Situation mache ich mir noch keine Gedanken über ein Nati-Comeback.»

Treue Seele

Exakt sein halbes Leben spielt der 32-jährige Grenchner, Vater eines zweijährigen Buben, nun schon für die Young Boys. Damals, als Wölfli 1998 seinen ersten Profivertrag unterschrieb, gehörte YB noch zu den finanziell angeschlagenen Sorgenkindern im Schweizer Fussball. «Einerseits entspricht das meinem Charakter, andererseits waren es sportlich immer gute Phasen, wenn es darum ging, den Vertrag zu verlängern», erklärt Wölfli seine Treue. «Vielleicht hätte ich woanders etwas mehr Geld verdienen können, aber ich bin glücklich bei YB. Das ist wichtiger.»

Hinter Wölfli hängt an der Wand des «Eleven» ein riesiges, uraltes Foto. Anhand der Frisur könnte es den legendären Seppi Küttel zeigen, Cupsieger mit YB 1976 – oder ist es die Löwenmähne von George Best? Die Bewegungsunschärfe macht den Charme des Fotos aus und sie kann auch als ein Symbol für Wölflis Zukunft interpretiert werden. Sie liegt im ungewissen, verschwommenen Bereich.

Trainerentscheidungen werden akzeptiert

Obwohl Marco Wölfli weiterhin die Nummer 1 auf seinem Leibchen tragen darf, lässt YB-Trainer Uli Forte keinen Zweifel daran, dass jetzt Yvon Mvogo die Nummer 1 im Tor ist. «Klar, dass mir die Entscheidung des Trainers nicht gefällt, aber ich muss sie respektieren», sagt Wölfli offen. «Nörgeln bringt nichts, ich muss meine beste Leistung in den Trainings und den Einsätzen zeigen, die ich machen darf. Dann sehen wir, wie es weitergeht.»

Die medienwirksame Übergabe des Schweizer Filmpreises soll also nicht sein letzter grosser Auftritt gewesen sein. «Ich habe mich zwar in der Hauptrolle nicht wiedererkannt, aber den Film fand ich trotzdem grossartig», sagt Wölfli über «Der Goalie bin ig», geschrieben von YB-Fan Pedro Lenz.

Cupniederlage schmerzt zweimal

Wenigstens der Schweizer Cup sollte Marco Wölfli gehören, aber der war für YB etwa so toll wie das Wetter im vergangenen Sommer: Bereits in der zweiten Runde setzte es eine peinliche Niederlage gegen den Zweitligisten Buochs ab. «Es war ein kollektives Versagen der ganzen Mannschaft, aber für mich war es besonders bitter, weil ich auf ein erfolgreicheres Comeback hoffte.» Wie lange er Geduld haben wird und auf seine Chance warten will, weiss Marco Wölfli nicht. «Man darf Karriereentscheide nicht emotional fällen.

Jetzt zum Beispiel zu sagen, wenn ich bis zum 1. November nicht wieder gesetzt bin, dann suche ich mir eine andere Mannschaft, das wäre komplett falsch. Ich bleibe ruhig. Ich müsste es mir sehr gut überlegen, bevor ich ein anderes Angebot annehmen würde.»

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1