Neues Leben
Ronny Keller ist noch nicht im Reinen mit seinem Schicksal

Seit dem Derby am 5. März 2013 im Stadion Kleinholz zwischen Olten und Langenthal ist Ronny Keller querschnittgelähmt. Ein Schicksalsschlag, an dem der neue Verwaltungspräsident des HC Thurgau nach wie vor gelegentlich zu beissen hat.

Michael Schenk
Merken
Drucken
Teilen
Ronny Keller will so selbstbestimmt, kraftvoll und «normal» wie möglich sein.

Ronny Keller will so selbstbestimmt, kraftvoll und «normal» wie möglich sein.

Chris Iseli/AZ

Nein, ein Treffen mit Stefan Schnyder hat nicht stattgefunden», sagt Ronny Keller. Geschrieben, ja, das habe man sich. Ansonsten aber «sollte man die Vergangenheit lassen, wie sie ist». Nach einem wuchtigen Check des Langenthalers krachte der 35-jährige Ostschweizer, damals in Diensten des EHC Olten, kopfvoran in die Bande und blieb querschnittgelähmt liegen. Bruch des vierten Brustwirbels. Seither ist nichts mehr wie es einmal war. Zwei Stunden dauert Kellers morgendliche Toilette heute mit allem Drum und Dran. «Ich habe mich arrangiert und gestalte mein Leben so erfüllt wie möglich», sagt er.

Just dieser Tage indes dürfte die eine oder andere Schock-Erinnerung an den Unfall und die aufreibende Reha-Zeit danach wieder spürbarer als sonst in ihm hochkommen. Keller liegt im Spital. «Ich habe mir die Schrauben und das Gestänge an der Wirbelsäule rausnehmen lassen», sagt er. Sieben bis zehn Tage muss er in der Klinik bleiben.

Ein Muss sei diese OP nicht gewesen, aber «irgendwie fühlte ich mich gestört und wollte das Zeug weghaben», sagt Keller. Andere in seiner Situation hätten vielleicht gesagt, was solls, lassen wir den Plunder drin... Keller freilich hat den Biss, der ihn als Eishockeyaner bis in die NLA und da zu 229 Einsätzen mit dem ZSC Lions, Kloten, Lausanne und zum Meistertitel 2000 mit den Lions führte, nicht verloren. Auch deswegen musste das Metall wohl raus – weil er einer ist, der so selbstbestimmt, kraftvoll und «normal» wie zuvor sein will. Selbst, wenn dies so nie mehr so der Fall sein wird...

Starker Einsatz für «Wings for Life»

Natürlich gebe es nach wie vor Momente, an denen es ihm nicht gut gehe, gibt Keller zu. Tage an denen er das Schicksal verflucht. «Das wird auch noch eine Zeit lang so sein, denke ich.» Mehrheitlich aber hat Keller viel zu tun, und zu wenig Zeit zum Grübeln. Im Sommer hat er mit seiner Frau das Tauch-Brevet gemacht. «Das war eine sehr gute und schöne Erfahrung.» Und auch sonst ist er wieder regelmässig sportlich unterwegs. Sei es beim wöchentlichen Tennis-Game mit dem Velo oder beim Krafttraining.

Eine starke Oberkörpermuskulatur ist für ihn unumgänglich, um im Alltag die Selbstständigkeit zu optimieren. Von Wettkampf jedoch will Keller nichts wissen. «Wer weiss, vielleicht kommt das eines Tages wieder, vielleicht aber auch nie mehr.» Heute wären Paralympics für ihn wohl noch zu kompromisslos.

Sein Arbeitspensum im Treuhandbüro Rüegg und Partner in Uster hat der «Wings for Life»-Botschafter inzwischen auf 50 Prozent erhöht. «Wings for Life» ist eine gemeinnützige Stiftung für Rückenmarksforschung mit dem Ziel, eine Heilung für Querschnittslähmung zu finden. Seit Oktober ist Ronny Keller zudem Verwaltungsratspräsident des HC Thurgau. Da, wo sein einstiger Mitspieler, Christian Weber, Coach ist.

Top 4 in der NLB als Ziel

«Wir funktionieren gut zusammen», sagt Keller. Weber sei einer, der ausgezeichnet mit jungen Spielern umgehen könne. «Das brauchen wir.» Das 3-Millionen-Budget, das tiefste der Liga, schränke die sportlichen Ambitionen doch stark ein. «Darum», so Keller, «ist es ein Ziel von mir und meinen Kollegen im Verwaltungsrat, neue Mittel zu generieren, um mittelfristig unter die besten vier NLB-Teams vorzurücken.»

Abgesehen davon, dass Ronny Keller in der Region schon vor einem Unfall populär war, ist er es heute noch mehr. «Schön möglich, dass das beim Erreichen unserer Ziele mit dem HC Thurgau hilft», gibt er offen zu. «Schaden tut es sicher nicht.» Die Bereitschaft, das Amt des Klubbosses zu übernehmen, zeigt, dass Eishockey für Keller nichts von seiner Faszination eingebüsst hat.

«Nein, ich bin so nah dran, wie es geht.» Insofern hegt er auch vis-à-vis Olten, da, wo sein Leben eine drastische Wende nahm, keinen Groll. Keller: «Wir haben im Kleinholz einen Trailer für «Wings for Life» gedreht und es hat sich nicht anders angefühlt, als wenn ich in Basel, Zürich oder Bern gewesen wäre.» Ronny Keller ist auf dem Weg zurück in einen Alltag, aber noch lang nicht angekommen...