Anfang Juni erreicht Doris Schweizer den absoluten Tiefpunkt: Bei einem Mehretappenrennen in England ist ihr Tank endgültig leer. Nichts geht mehr. Die dänische Profi-Equipe Veloconcept Women Team, bei der die 27-jährige Oltnerin unter Vertrag steht, zieht die Notbremse und schickt Doris Schweizer nach Hause. Die medizinischen Untersuchungen und Tests gleich im Anschluss zeigen ein klares Bild: chronische Überbelastung, im physischen und psychischen Bereich.

Diese Diagnose ist das vorläufige Ende einer mehrmonatigen Berg-und-Tal-Fahrt, die für Doris Schweizer in den letzten Wochen vor dem Aus in England immer mehr zu einer reinen Talfahrt verkommen war. Eine Talfahrt, die die letztjährige Schweizer Meisterin im Zeitfahren und auf der Strasse hätte stoppen können, aber ihr Kopf wollte nicht. «Ich war in einem Hamsterrad gefangen und machte einfach immer weiter, bis gar nichts mehr ging», sagt sie im Nachhinein.
Schwieriger Saisonstart

Fehlstart in die neue Saison

Rückblende: Der Start in die neue Saison verlief für Doris Schweizer nicht wie gewünscht. Sie erlitt einen Schicksalsschlag in der Familie, kämpfte mit technischen Problemen bei ihrem Rennrad und zog sich zu allem Übel im März bei einem Etappenrennen auch noch eine Entzündung der Achillessehne zu. «Ich musste daraufhin zehn Tage pausieren, wollte aber für die Frühjahresklassiker unbedingt wieder fit sein», so Schweizer. Trotz grossen Schmerzen biss sie sich durch und beendete die Rennen. Die Folge: Die Entzündung war zurück und Doris Schweizer musste erneut pausieren.

Das tat sie jedoch mehr schlecht als recht. Bereits eineinhalb Wochen später stand sie am Start des Mehretappenrennens Emakumeen Bira, bei dem sie im Vorjahr die Bergwertung gewonnen hatte. Die Erwartungen waren also hoch. Zu hoch. «Ich wusste schon vor dem Start, dass ich meine Leistung nicht werde abrufen können, aber ich wollte unbedingt meinem Team helfen und an den Start gehen. Eine erneute Pause wollte ich um jeden Preis verhindern», sagt Schweizer. Es kam, wie es kommen musste. Am letzten Tag des Rennens folgte der Einbruch. Eine längere Pause wäre dringend nötig gewesen, um die Batterien wieder voll aufzuladen.

Doris Schweizer wollte unbedingt am Giro d'Italia teilnehmen

Doris Schweizer wollte unbedingt am Giro d'Italia teilnehmen

Doch Doris Schweizer ignorierte die Symptome. Sie machte einfach weiter, spulte ihre Trainingskilometer ab und wollte unbedingt am Giro d’Italia – ihrem erklärten Saisonziel – teilnehmen. Von ihren Problemen erzählte sie niemandem – weder ihrem Team noch ihrem Freund. «Das war keine bewusste Entscheidung. Ich war einfach gefangen in diesem Hamsterrad und habe es nicht geschafft, jemandem davon zu erzählen», so Schweizer. Einen Monat lang quälte sie sich weiter – trotz permanenten Kopfschmerzen, Magenproblemen und Schlafstörungen.

Die körperlichen Symptome schlugen auch auf die Psyche von Doris Schweizer. «Ich habe das Velo gehasst. Es brauchte extrem viel Überwindung, überhaupt zu trainieren, denn ich habe alles gegeben, aber es kam nichts raus. Das hat mich zur Verzweiflung getrieben», sagt sie. «Aber noch schlimmer war es, an ein Rennen zu gehen, denn ich wusste schon im Voraus, dass ich nicht konkurrenzfähig bin.»

Gut erholt

Heute, rund ein Monat nach der Diagnose, geht es Doris Schweizer wieder besser. Sie sitzt bereits wieder täglich auf dem Velo, auch wenn die Trainingsintensität noch relativ gering ist. Und auch der Spass ist wieder zurück. «Für mich war klar, dass ich so nicht aufhören kann. Letztes Jahr hatte ich meine beste Saison und ich weiss, dass ich noch besser fahren kann. Deshalb bin ich überzeugt, dass ich bald wieder Rennen fahren werde, und blicke der Zukunft wieder positiv entgegen», so Schweizer. Ob es noch in diesem Jahr für die ersten Renneinsätze reicht, lässt sie offen. Realistischer ist wohl, dass Doris Schweizer erst in der kommenden Saison wieder in den Rennzirkus zurückkehren wird.

Unabhängig davon, wann sie wieder Rennen fährt, hat sie im letzten halben Jahr viel gelernt. «Ich werde künftig meine Trainings und meine Rennen sorgfältiger planen und auch mal Nein sagen. Zudem werde ich in den Trainingsblöcken mehr Wert auf die Regeneration legen», sagt Doris Schweizer, die sich im nächsten Jahr einen Top-10-Platz am Giro d’Italia zum Ziel gesetzt hat.