Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist.» Wie zahlreiche andere Sportler bemüht auch Mario Birrer diesen Satz, wenn er auf sein Karriereende angesprochen wird. Und schöner hätte sein Abschied vom Spitzensport kaum ausfallen können: Am Sechs-Tage-Rennen im Berliner Velodrom sicherten sich der Steher und sein Schrittmacher Helmut Baur in der vergangenen Woche den Sieg im Weltpokal. «Es herrschte unglaubliche Stimmung. Jeden Abend waren über 15 000 Zuschauer in der Halle», schwärmt der Baselbieter.

Falls Sie nicht wissen, was ein Steherrennen ist – hier sehen Sie Bilder eines Rennens und die Regeln der speziellen Rennform:

Wissen Sie nicht was "Steherrennen" sind? - Hier finden Sie Bilder und die Regeln

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Die Entscheidung über ihren Abtritt von der grossen Bühne fällten Birrer und Baur aber nicht kurzfristig, sondern bereits 2011. Nach dem dritten Platz an der EM in Nürnberg entschlossen sich die beiden, sich auf die EM 2013, die an gleicher Stelle stattfinden sollte, zu fokussieren. «Wir mochten die Bahn und peilten den Titel an. Im Erfolgsfall wollten wir noch eine Saison als Titelverteidiger absolvieren und danach aufhören», erinnert sich Mario Birrer. Das Vorhaben gelang – und wie. Seit dem EM-Titel bestritt das Duo rund 40 Rennen, gewann drei Viertel davon und beendete die meisten anderen auf dem Podest. Sogar die Titelverteidigung glückte.

Radsport liegt in der Familie

Mit dem Radsport in Verbindung kam Birrer als Kind durch seinen Vater. Dieser fuhr Motocross-Rennen und holte sich die Kondition dafür auf dem Velo, wobei er ab und zu von seinem Sohn begleitet wurde. «Ich war noch keine neun Jahre alt, da hatte ich schon drei Pässe befahren», erinnert sich der gebürtige Basler, der in Therwil aufgewachsen ist und immer noch dort wohnt. Daneben spielte er zuerst Fussball und danach Handball beim lokalen Verein. Mit 13 Jahren schloss er sich zudem dem Veloclub Binningen an. «Der Bruder des Präsidenten war unser Nachbar und motivierte mich dazu.»

Vom Handball aufs Velo

Im späteren Teenageralter musste der Sportbegeisterte sich zwischen dem Handball und dem Radsport entscheiden und wählte Letzteren, «Weil ich dabei mehr Freude verspürte». Er nahm an zahlreichen Strassenrennen im In- und Ausland teil, schaffte es in die Regionalmannschaften beider Basel, aber nie in die Nati. 2005 folgte der Sprung in die Elite. «Ich war ein Jahr lang Profi in der Schweiz und drei Jahre in Frankreich.»

Bereits vorher hatte Birrer seine ersten Steherrennen bestritten. «Das waren sozusagen bezahlte Trainings», erklärt er. «Ich fuhr mit dem Velo nach Zürich, bestritt das Rennen, kassierte das Preisgeld und fuhr abends mit dem Zug zurück.» Als im Laufe der Jahre klar wurde, dass er es als Radprofi auf keinen grünen Zweig schaffen würde («Die Anderen waren einfach besser.»), verschob sich sein Fokus von der Strasse auf die Bahn. «Ich erkannte, dass ich mit weniger Aufwand und einer anderen Belastung meine Karriere verlängern konnte.» Anstatt 35 000 Kilometer spulte er «nur» noch 10 000 pro Jahr auf dem Velo ab und begann in der Immobilienbranche zu arbeiten.

Seinen Erfolg verdankt der Immobilienbewirtschafter auch ein wenig dem Schicksal. «Steherrennen sind Teamwork, ohne einen guten Schrittmacher ist man nur halb so gut!» Mario Birrer ist froh, dass Helmut Baur vor ein paar Jahren «gerade frei geworden» war. Der 71-jährige Deutsche und der 34-jährige Schweizer verstanden sich auch abseits der Bahnen bestens. «Wir haben unzählige Nächte in Hotelzimmern verbracht. Helmi ist wie ein zweiter Vater für mich geworden», sagt der Steher.

Zwischen 1500 und 2000 Kilometern legte der Sportler in den letzten Jahren fast jedes Wochenende im Auto zurück, um irgendwo in Europa an einem Rennen teilzunehmen. «Reich bin ich dabei nicht geworden», lacht Mario Birrer. Dafür haben sich Freundschaften mit Bahnbetreibern, Sponsoren und sogar Konkurrenten entwickelt. «Wir sind eine grosse Familie geworden. So etwas Tolles hätte ich als Radprofi nicht erleben können!»