Rad
«Du hast das Gefühl, du kommst nicht vom Fleck»

Mario Müller nimmt zum dritten Mal am Ausdauerrennen Tortour teil und verarbeitet damit auch den Tod seines Rennfahrerkollegen. Start des Rennens ist am Donnerstagabend um 19 Uhr, Samstag um Mitternacht muss er spätestens im Ziel eintreffen.

Raphael Wermelinger
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Mit 54 Jahren nimmt Mario Müller zum dritten Mal die Tortour auf sich.

Mit 54 Jahren nimmt Mario Müller zum dritten Mal die Tortour auf sich.

Bruno Kissling/Oltner Tagblatt

Zweimal ist er die 1000 Kilometer nonstop um die Schweiz bereits gefahren. 2010 im Zweierteam, zwei Jahre später dann allein. Am Donnerstag um 19 Uhr startet der Neuendörfer Mario Müller zum dritten Mal in die Tortour. Diese beginnt und endet neu in Zürich, in den vergangenen Jahren war Schaffhausen jeweils der Austragungsort.

Die Strecke hat Müller bis ins Detail verinnerlicht. «Von Zürich geht es Richtung Glarnerland, Niederurnen, dann links weg über den Kerenzerberg und hinunter nach Chur, Disentis. Dann über den Gotthard, Lukmanier und Furka», sprudelt es nur so aus ihm heraus, «nach Aigle ins Wallis, über den Col du Pillon, am Jaunpass vorbei Richtung Bulle und ins Emmental. Dann der letzte Aufstieg auf der Lüderenalp, nach Küsnacht, Hütten und schliesslich zurück nach Zürich.»

Etliche Teilstücke kennt der passionierte Radfahrer bereits. Einige hat er im Vorfeld inspiziert – insbesondere den Startabschnitt. «Die Passage, die mir mental nicht passt, ist von Chur nach Disentis. Das ist eine richtige Psycho-Strecke», sagt er, «meistens hast du Gegenwind und kommst gefühlt nicht vom Fleck.» Wenn er dieses Teilstück geschafft habe, sei er zwar noch lange nicht im Ziel, «dann kann ich mir aber das erste Mal auf die Schulter klopfen». Grossen Respekt hat er auch vor den drei Alpenpässen in Serie sowie dem Gegenwind im Rhonetal. «Diese 180 Kilometer können dir das Genick brechen», weiss Mario Müller.

17 Zeitstationen muss er auf der Strecke in einer vorgegebenen Zeit passieren. Diese liegen jeweils 50 bis 80 Kilometer auseinander. Spätestens am Samstag um zwölf Uhr Mitternacht, nach 53 Stunden, muss er im Ziel eintreffen. Orientiert und navigiert wird Müller von seinen Betreuern im Begleitfahrzeug. Es sind zwei Dreierteams, die sich in der Halbzeit abwechseln.

«Sie müssen mich ans Trinken erinnern, nach jeder Viertelstunde. Der Bidon muss jede Stunde leer sein, weil ich 80 bis 100 Gramm Kohlenhydrate zu mir nehmen muss», kümmern sich die Helfer auch um seine Ernährung. Zwei- bis viermal wird er «richtige Mahlzeiten» zu sich nehmen unterwegs. «Natürlich nicht direkt vor den Alpenpässen», merkt Müller lachend an.

Zu seiner Ausrüstung gehört nebst Flickwerkzeug, Ersatzteilen und einem Ersatzvelo auch ein Liegestuhl. Denn für ein maximal 15-minütiges Nickerchen soll zwischendurch schon auch mal Zeit sein. Koffeinampullen alleine reichen nicht für die «Erholung». Kleidertechnisch ist er ebenfalls auf alles vorbereitet. Er muss mit null Grad auf den Alpenpässen rechnen, aber auch mit heissen Temperaturen. «Ich habe mir die Wettervorhersage absichtlich noch nicht im Detail angesehen», sagt Müller, «ich lasse es dann einfach auf mich wirken und bin von tropischer Hitze bis kurz vor Schneefall für alles gewappnet.»

Der 54-Jährige ist angefressen von Ausdauerrennen. Auch am legendären Race Across America hat er schon im Viererteam teilgenommen. Es mal alleine zu schaffen, ist seine Vision, sein Traum. Was er sich ebenfalls mal erfüllen will, ist, dereinst alle von der Tour de France bekannten Pässe der Alpen und Pyrenäen abzufahren. «Die Fahrer sind in meinen Augen alle Helden», sagt Müller.

Mit dem diesjährigen Start an der Tortour will er sich nicht nur selbst wieder etwas beweisen. Seine Teilnahme hat auch einen traurigen Hintergrund: «Der Unfall von Roger Nachbur ging mir nahe. Ich kannte ihn gut und beschloss nach seinem Tod, dass ich auch nicht mehr fahre.» Der damals 38-jährige Roger Nachbur war während der Tortour 2020 korrekt fahrend mit einem Töff zusammengeprallt. «Ich habe lange pausiert, hatte am Anfang auch Angst, wieder aufs Rad zu steigen», so Müller. «Die Zeit heilt glücklicherweise Wunden. Und Roger Nachbur hätte sicher nicht gewollt, dass andere wegen seines Todes mit dem Velofahren aufhören.» Deshalb will er die Tortour in diesem Jahr symbolisch auch für ihn zu Ende fahren: «Es soll keine Trauerfahrt werden, aber ich werde sicher oft an ihn denken unterwegs.»

Mario Müller will es ins Ziel schaffen, egal wann und egal auf welchem Platz. «Schön wäre, wenn ich meine Bratwurst nicht erst um zwölf Uhr Mitternacht essen könnte», wünscht er sich. «Ich würde lieber zwischen 20 und 22 Uhr eintreffen, wenn die anderen noch nicht alle im Bett sind.» Abschätzen könne er dies unmöglich vor dem Start. Was er sich nach der Tortour gönnt, weiss er dafür jetzt schon. «Das erste Gipfeli seit beinahe einem Jahr», schwärmt er, «was gibt es Besseres als Kafi und Gipfeli.»

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