Angesprochen auf die legendären Rocky-Filme mit Silvester Stallone richtet sich der vierfache Familienvater im Stuhl auf und es huscht ihm ein verschmitztes Lächeln übers Gesicht. «Wissen Sie», holte er von tief unten Luft, «es gibt Szenen, die mir gefallen.» Und zwar all jene, in denen mit simpelsten Mitteln, in rudimentären Räumlichkeiten Trainings-Schweiss fliesst. Von verchromten Hochglanz-Muckibuden dagegen hält Peter Kissling nichts. Und noch weniger vom Kampfstil, den Rocky in den Hollywood-Streifen darbietet. Da gibt’s immer erst hundertfach auf die Rübe bis das Hirn zu Hirnmasse zermalmt ist, ehe der Held beginnt, sich zu wehren und einer K.O. geht. «Von meinen Boxern ist noch nie einer K.O. gegangen», sagt Kissling stolz - denn das will etwas heissen.

Schliesslich ist der Mann aus Grenchen seit 45 Jahren Trainer des BC Solothurn. Unter seiner Ägide gewannen die Ambassadoren zwischen 1973 und 1994 nicht weniger als 27 Schweizermeister-Titel. Es waren die Glanzzeiten des Solothurner Boxsports. «Ich hatte auch das Glück, dass mir diese talentierte und sehr willige Generation Boxer zur Verfügung stand», räumt Kissling ein. Denn den Grund, weshalb der BCS seit 1994 auf nationalem Parkett ohne Titel ist, ortet der bald 75-Jährige, darin, «dass es einfach viel weniger Junge gibt, die um jeden Preis Meister werden wollen und den Biss, die Entschlossenheit und den Durchhaltewillen aufbringen, der dazu nötig ist.»

Zurück zum Trommelfeuer der zentriert im Zifferblatt landenden Hacken und Geraden in den Rocky-Klassikern. «Ich habe nie einen Boxer in den Ring geschickt, wenn ich nicht überzeugt war, dass er sich verteidigen kann», sagt Kissling. Eine gute Defensive sei genau so wichtige wie eine starke Offensive. «Wenn einer ständig Prügel kassiert, vergeht ihm schnell die Lust», so diplomierte Boxtrainer. Ausserdem tue das der Gesundheit nicht sehr gut. Im Schwergewicht haben Untersuchungen gezeigt, dass Schläge mit einer Wucht von bis 590 kg am Kopf landen. «Wenn aber die Deckung und Haltung der Führungshand stimmt», so Kissling, könne nicht viel passieren. Selbst wenn sich Kopftreffer «natürlich nie ganz vermeiden lassen.» Die Hände müssen immer oben sein, mahnt der der Schweizermeister von 1968 im Schwerweltergewicht. Eine Ausnahme lässt er nur bei Muhammad Ali gelten. Der 1999 vom Internationalen Olympischen Komitee zum Sportler des Jahrhunderts gewählte Amerikaner liess die Hände oft hängen, um den Gegner zu provozieren. «Aber er war so blitzschnell und unglaublich beweglich, dass das eben ging», sagt Kissling begeistert. Ali hat den gebürtigen Aargauer aus Glashütten inspiriert und personifiziert für ihn quasi die Faszination Boxen.

Boxen gab Halt

Seit 45 Jahren steht Trainer Kissling zweimal wöchentlich im Wildbach Schulhaus und im Landhaus auf der Matte. Gefehlt hat er während der Zeit nur viermal. Vornehmlich im Halbjahr, als es ihm nicht gut ging. Damals, als er seine Frau «die mir bei allem, was ich tat, immer eine sehr grosse Unterstützung war», verlor, und er selber mit Krebs im Spital lag. Ein halbes Jahr, während dem sich der leidenschaftliche Schwingfan abkapselte. Der Boxsport indes hat dem Grossapparate-Schlosser und Giesserei-Meister viel Halt gegeben. Und das tut er heute zusammen mit seinem Rottweiler-Hund, mit dem oft stundenlange unterwegs ist, immer noch. Ein grosser Wunsch von Kissling ist, dass «wir vom BC Solothurn einmal noch ein richtiges, eigenes Trainingslokal finden und Sponsoren, um es zu finanzieren.» Man fühle sich zwar wohl da, wo man jetzt sei, aber «etwas Fixes mit installierten Geräten, wäre schon toll.» Kissling wär’s zu gönnen, wenn sich sein Wunsch noch erfüllte und er das erste Training im «eigenen» Heim leiten könnte; denn ans Aufhören, denkt der Vollblut-Boxer mit harmonischem, weichen Kern noch lange nicht.