«Es wird sicher nicht einfach werden, aufs Podest zu kommen», blickt Melliger den kontinentalen Titelkämpfen entgegen. Der ehemalige Europameister und Olympia-Silbermedaillengewinner aus Neuendorf sieht das Jahr 2012 darum auch etwas als Übergangsjahr. «An einem guten Tag sind wir fähig, eine Medaille zu gewinnen.»

Springen könnten die Schweizer Pferde alle und Reiten die, die drauf sitzen auch. «Aber der Kopf ist auch bei uns Reiterinnen und Reitern sehr wichtig», so Melliger. Just für diesen Teil des Erfolges ist der ehemalige Weltklassereiter unter anderem denn auch zuständig. «Wir besprechen die Parcours zusammen, legen die Taktik fest und ich versuche, dafür zu sorgen, dass die Reiter einen möglichst freien Kopf bekommen», beschreibt Melliger einen wichtigen Teil seines Jobs. Einer Aufgabe, die er nun schon seit rund acht Jahren ausübt. Erfolgreich notabene. Unter dem Solothurner gewannen die Nachwuchsteams bereits zweimal Europameisterschafts-Gold.

Schon Adenauer hats gesagt

Die Arbeit zusammen mit den jungen Sportlerinnen und Sportlern mache ihm sehr viel Freude, sagt Melliger. Auch wenn man die Erfolge, sprich die Medaillen, die man als Reiter gewinnt und diejenigen als Trainer nicht miteinander «vergleichen kann». Der morgen Donnerstag 59 Jahre alt werdende Willy Melliger übrigens ist nie für eine Schweizer Junioren-Equipe oder Junge Reiter gestartet. Weil es das zu seiner Zeit schlicht noch nicht gegeben hat. «Um Erfahrung zu sammeln, und sich auf die grossen Turniere und Championate vorzubereiten», so Melliger, «sind solche Nachwuchskader respektive -Titelkämpfe wie eine EM natürlich enorm wertvoll.»

Nun, wie hat schon der erste Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland, Konrad Adenauer, gesagt: «Die Erfahrungen sind wie die Samenkörner, aus denen die Klugheit empor wächst.» Apropos Deutschland – unsere nördlichen Nachbarn werden mit Sicherheit auch in Ebreichsdorf zu den Topfavoriten zählen. Selbst wenn Melliger sagt: «Es ist schwierig, aufgrund der Saison EM-Favoriten auszumachen. Ich denke, da haben einige Nationen ihre Karten noch nicht aufgedeckt.»

Dem politischen Frieden zuliebe

Was die Einzelkonkurrenz angeht, traut Melliger der Solothurner Juniorin Emilie Stampfli durchaus Edelmetall zu. Aber auch die Aargauerin Chantal Müller (Veltheim), die mit Tabasca ausgezeichnet beritten ist, oder der vom Namen her Bekannteste im Schweizer Aufgebot, Martin Fuchs aus Bietenholz, sind sicherlich immer für einen Coup gut.

Im Vollberitt seiner Möglichkeiten gehörte mit Sicherheit auch Willi Melligers Sohn, Kevin, auf diese Liste – also zu den Leistungsträgern im Team. Kevin Melliger wäre heuer in seinem letzten Jahr bei den Junioren startberechtigt. Da seine beiden Spitzenpferde indes beide verletzt sind, lässt ihn sein Vater gleich zu Hause. «Es wäre vertretbar gewesen, ihn trotzdem mitzunehmen», so Vater Willi, «aber ich habe – auch aus politischen Gründen – darauf verzichtet.»

Ansonsten die Munkeleien losgegangen wären, dass da der Sohn eh nur des Vaters wegen mit von der Partie ist. Nun ja, so ein EM-Start oder WM-Start treibt eben nicht nur Ansehen und Kurs eines Reiters in die Höhe, sondern kann auch dem Franken-Wert eines Pferdes ungeheuer Flügel verleihen – insofern ist politisches Fingerspitzengefühl in diesem Business schon gefragt.