Hinter Nathalie Schneitter liegt ein stressiges Wochenende. Die ehemalige Mountainbikerin, Olympionikin und Schweizer Meisterin kümmert sich seit ihrem Rücktritt im Jahr 2016 um die Event-Organisation der «Bike Days», die am Wochenende in Solothurn stattgefunden haben und hatte dort die Leitung der Expo inne.

Der Sport lässt die 32-jährige fröhliche Solothurnerin nicht los. Ihre alte Liebe, das Mountainbiken hat sie noch immer nicht aufgeben, wie sie sagt: «Ich trainiere nicht mehr so fokussiert und nach Plan wie früher. Doch trotz meinem Rücktritt sitze ich noch immer mindestens zehn Stunden pro Woche im Sattel. Ich fahre einfach gerne Fahrrad, egal wo und wie.»

Mittlerweile hat sie ein neues Sportgerät in ihr Inventar aufgenommen: das E-Mountainbike. Seit ihrem Rücktritt vom Profisport fährt die ehemalige «Cross Country»-Fahrerin nun auch «Elektrovelo».

Der Drang nach neuen Erfahrungen

Noch während ihrer Profikarriere hätte sie sich das nicht vorstellen können, sagt sie. Zu negativ behaftet war damals das Image der elektrifizierten Fahrräder, die vorwiegend von älteren Semestern genutzt wurden.

«Vor vier Jahren hätte ich mich wohl nur bei Nacht und Nebel auf ein E-Mountainbike gesetzt», sagt Schneitter lachend. Doch letztlich waren ihre Neugier und der Drang nach neuen Erfahrungen dann doch grösser.

Was sie letztlich sogar zum Bleiben bewegt hat? Die Fähigkeit des E-Mountainbikes, auch technisch anspruchsvolle Terrains zu überwinden und mehr aus den Strecken herauszuholen.

Ein Glücksgriff

Als bekannt gegeben wurde, dass 2019 zum ersten Mal eine E-MTB-WM durchgeführt wird, war die Sportlerin ganz Ohr. Auch die erstmals und in mehreren Ländern stattfindende «E-MTB-World-Series» weckte ihre Aufmerksamkeit.

«Niemand verfügt bis jetzt über Erfahrungen mit solchen Rennen. Das macht die ganze Sache extrem spannend und war für mich Grund genug, mich anzumelden.» Ein Glücksgriff: In der World-Series kann Schneitter gleich die zwei ersten beiden Rennen für sich entscheiden.

In Monaco landet sie Mitte April in der Kategorie «Cross Country» auf dem ersten Platz. Anfang Mai schafft sie es, diesen Triumph in Ascona-Locarno zu wiederholen und sich in der Kategorie «Enduro» zusätzlich Platz vier zu sichern. Scheinbar mühelos fährt sie allen davon, in der Realität sieht es etwas anders aus.

Ungeschlagen im Weltcup

Die fehlenden Erfahrungswerte erschweren das Rennen, vor allem das Batteriemanagement ist eine Kunst für sich. «Ein E-Bike mit leerer Batterie zu fahren, macht keinen Spass. Deswegen muss man nicht nur die eigenen Kräfte genau einteilen, sondern auch die der Batterie des Bikes», sagt Schneitter, der dieser Nervenkitzel gefällt.

Doch es ist auch genau diese Komponente, welche die Rennen momentan unberechenbar macht – denn noch hat keiner ein Erfolgsrezept gefunden. Auch Schneitter nicht, deren Batterie in Locarno fast ausstieg.

Dennoch liegt sie in der Gesamtwertung der Serie momentan mit zehn Punkten Vorsprung an der Spitze. Eine Glanzleistung. Doch zugleich ist es auch ein Erfolg, der sie überrascht. Aus diesem Grund steht es auch noch in den Sternen, ob Nathalie Schneitter die zwei letzten und alles entscheidenden Rennen Mitte September am Lago Maggiore und Anfang Oktober in Barcelona bestreiten wird.

Sport muss sich noch erfinden

Fest steht dafür, dass sie an diesem Wochenende in Albstadt (DE) am E-MTB-Rennen teilnehmen wird, das anlässlich des «MTB Cross Country World Cups» stattfindet und der erste Wettkampf ist, der auf einer offiziellen Weltcupstrecke gefahren wird.

Der Ausgang des Rennens entscheide, ob sie an der E-Mountainbike-WM in Kanada (28. August) teilnehmen wird, sagt Schneitter. Im Moment lässt sie noch alles auf sich zukommen. Denn obwohl E-Bikes einen riesigen Boom erleben und jedes dritte neu verkaufte Velo in der Schweiz ein elektronisch betriebenes ist: Noch sind nicht alle technologischen Fragen geklärt, das Regelwerk für die Rennen steckt in Kinderschuhen. Jedes Rennen bringt neue Erkenntnisse hervor, der Sport muss sich zuerst noch selbst erfinden.

«Dass dieser Sport so jung ist, finde ich extrem spannend. Noch kann man ihn mitgestalten und entwickeln», sagt Schneitter. Doch weil er deswegen auch kaum fassbar ist, fällt es ihr schwer, ihren Erfolg einzuschätzen, ihre Rolle zu erkennen und wieder alles auf eine Karte zu setzten.

Fokus auf die kommenden Wettkämpfe

Eine Rückkehr zum Profistatus schliesst sie aus: «Momentan gefällt mir die Kombination aus Arbeit und Wettkampf. In den letzten paar Wochen ist das Trainieren sowieso ein wenig in den Hintergrund gerückt».

Die Vorbereitungen auf die «Bike Days» haben viel Zeit und Kraft verschlungen, doch ist das nationale Velofestival mittlerweile gut über die Bühne gegangen. In wenigen Tagen winkt das Rennen in Deutschland, bald schon die WM.

Und wer weiss, zu welchen Leistungen Nathalie Schneitter fähig ist, kann sie erst einmal ihren Fokus auf die kommenden Wettkämpfe legen.