Pro und Kontra
Muss der EHCO den Vertrag mit Marco Truttmann um jeden Preis verlängern?

Der beste Spieler des EHC Olten der vergangenen vier Jahre hat ein Angebot von Erzrivale SC Langenthal auf dem Tisch. Logisch, setzt man bei den Powermäusen alles daran, seinen Leistungsträger zu halten. Aber ist das wirklich nötig?

Silvan Hartmann und Marcel Kuchta
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Zwischen Genie und Wahnsinn: Welches Argument überwiegt?

Zwischen Genie und Wahnsinn: Welches Argument überwiegt?

KEYSTONE/MARCEL BIERI

Pro: «Ein erfolgreiches Team braucht extravagante Typen»

Der EHCO sollte alles daransetzen, den Vertrag mit Marco Truttmann zu verlängern. Er hat das Werkzeug, die Oltner in die NLA zu führen.

Peng! – und drin ist die Scheibe. Dieser Mann fackelt nicht lange. Auch in dieser Spielzeit hat Marco Truttmann nach einem persönlich eher flauen Saisonstart schon mehrmals aufs Neue bewiesen, dass er ein Team zum Sieg führen kann. Gegen Ticino, Zug Academy, oder auch gegen Thurgau war er für den Siegtreffer besorgt. Immer wieder lässt er die Oltner Herzen höherschlagen. Fehlt etwa ein Truttmann im Oltner Powerplayspiel, ist dieses nicht viel mehr wert als ein laues Lüftchen.

Seit 2012 ist er ein unverzichtbarer Wert im Kader des EHC Olten und besticht mit Statistiken, die Bände sprechen: 230 Spiele, 116 Tore, 169 Assists. Diese Skorerpunkte sind sein ultimativer Gradmesser. Dass Truttmann damit einen beachtlichen Leistungsausweis mitbringt, weiss auch er selber: So kann er sich erlauben, hin und wieder unmotiviert und lustlos auf dem Eis rumzukurven, um dann in einem letzten Angriff, einer letzten Überzahlsituation mit einem entscheidenden Treffer für den grossen Unterschied zu sorgen. Dann darf auch der treffsicherste Schweizer EHCO-Spieler der letzten Saison statt einer ungenau abgespielten Scheibe eines Teamkollegen hinterherzurennen, mal divenhaft seine Hände verwerfen.

Noch selten hat ein Team mit lediglich pflegeleichten Spielern einen Titel geholt. Ein erfolgreiches Team lebt von solch spektakulären, extravaganten Charakteren. Von Spielern, die in einem Atemzug zwischen Genie und Wahnsinn pendeln und genau deshalb für die grosse Gefahr sorgen.

Der EHC Olten sollte alles daransetzen, den Vertragspoker um Truttmann mit all seinen positiven wie auch negativen Eigenschaften zu gewinnen und eine Vertragsverlängerung zu erreichen. Denn: Truttmann hat das Werkzeug, die Oltner in die NLA zu führen. Eines der hochgesteckten Ziele, das der Verein in den nächsten drei Jahren mit aller Kraft erreichen will.

Lässt man Truttmann hingegen ziehen, muss sich der EHCO die Frage gefallen lassen, mit wem man die grosse Lücke, die er hinterlassen würde, füllen könnte. Die Verantwortlichen werden schon bald auf eine Antwort stossen: Es gibt kaum einen anderen Schweizer Stürmer mit vergleichbaren Profil, der für Olten finanziell tragbar wäre. Truttmann muss beim EHCO bleiben!

Kontra: «Ein Abgang als Signal für einen Kulturwandel»

Wenn der EHC Olten in die NLA aufsteigen will, dann muss er sich von Künstlern wie Marco Truttmann früher oder später trennen.

Kann man als ambitionierter B-Klub von einer Vorwärtsstrategie sprechen, welche innert dreier Jahre den Aufstieg in die NLA zum Ziel hat, gleichzeitig aber riskieren, seinen besten Schweizer Spieler zur Konkurrenz – und dann noch zum grossen Rivalen Langenthal! – ziehen zu lassen? Der Verstand sagt: Nein. Spieler wie Marco Truttmann gelten in der NLB gemeinhin als unersetzlich.

Aber neben dem Verstand gilt es bei solchen Personalentscheiden auch auf das Bauchgefühl zu achten. Ist ein Spieler wie Truttmann der richtige Mann, um die Oltner in absehbarer Zeit ans Ziel ihrer Träume zu führen? Die wichtigste und einzige Währung des Ostschweizers sind seine Skorerpunkte. Läuft es ihm auf dem Feld, dann ist er für die Mannschaft unersetzlich. Aber es gibt eben auch die Phasen, in denen es ihm nicht läuft. Dann ist er launisch. Dann taucht er unter. Dann kann er für das Team zur Belastung werden.

Wenn ein designierter Teamleader mit seiner Körpersprache und seinem Einsatz ein schlechtes Vorbild ist, dann kann er die Chemie empfindlich stören. Ein wahrer Führungsspieler trägt seine Mannschaft auf seinem Rücken – unabhängig von seiner persönlichen Performance. Deshalb ist Truttmann kein Leader im klassischen Sinne. Aber seien wir ehrlich: Wenn er einer wäre, dann hätte er in der NLA eine schöne Karriere gemacht. Zum Glück für den EHCO wurde er für die höchste Liga als zu leicht befunden – und durfte deshalb über vier Jahre lang im grünweissen Dress zaubern.

Aber jetzt ist es vielleicht an der Zeit, in Olten ein neues Zeitalter einzuläuten. Einen Kulturwandel, um die latente Lethargie, dieses Ruhen in der Komfortzone, aus dem Kleinholz zu vertreiben. Der Eindruck hält sich hartnäckig: Der EHCO hat zu viele Künstler in seinem Team. Das zeigte sich schon in den letzten Playoffs, als man auf die Intensität und Härte von Gegner Ajoie keine passende Antwort hatte.

Truttmann ist so etwas wie der König der Oltner Künstlerfraktion. Er verkörpert das Schöne, das Elegante, das Spektakuläre im Eishockey. Aber wenn der EHC Olten in absehbarer Zeit aufsteigen will, dann muss er in der entscheidenden Phase der Meisterschaft neben Talent andere Qualitäten aufs Eis bringen: Härte, Entschlossenheit, Intensität. Truttmanns Abgang wäre für den EHCO zweifellos ein Schock. Aber vielleicht auch der dringend benötigte Impuls in Richtung Aufstieg.