Radsport

Multitasking zwischen Fahrerkünsten und Live-TV

Der Schweizer Jonathan Fumeaux holt sich bei Marcello Albasini, sportlicher Leiter des Schweizer Teams IAM Cycling, am Teamfahrzeug während der fünften Etappe der Tour de Suisse 2014 von Ossingen nach Büren an der Aare einen neuen Bidon.

Der Schweizer Jonathan Fumeaux holt sich bei Marcello Albasini, sportlicher Leiter des Schweizer Teams IAM Cycling, am Teamfahrzeug während der fünften Etappe der Tour de Suisse 2014 von Ossingen nach Büren an der Aare einen neuen Bidon.

Mit dem Schweizer Team IAM unterwegs an den Tour-de-Suisse-Etappenort Büren a. d. Aare. Dabei fällt auf, dass nicht nur die Radprofis extrem gefordert sind.

Marcello Albasini stösst einen lauten Seufzer aus. In der letzten Kurve vor dem Zielband ist es in Büren an der Aare zum Sturz gekommen. «Schade, kam es noch dazu», zieht der sportliche Leiter des Schweizer Teams IAM Cycling Bilanz über die fünfte Etappe der diesjährigen Tour de Suisse. Der beste Fahrer seines Teams ist der Australier Heinrich Haussler auf Platz 8.

Gut 95 der insgesamt 183,6 Kilometer langen Etappe führten gestern durch den Kanton Solothurn. Kurz nach dem Start in der Zürcher Gemeinde Ossingen war eine dreiköpfige Spitzengruppe ausgerissen. Diese Rennsituation hatte auch noch Bestand, als der Tour-Tross via Erlinsbach auf Solothurner Boden ankam. Entsprechend ruhig verlief das Rennen im Teamfahrzeug von IAM, wo wir als Beifahrer von Marcello Albasini zu Gast sind. «Bei dieser Lage sorgen das Leader- und die Sprinter-Teams für die Nachführarbeit», erklärt der 56-Jährige.

Doch dann wird es auf der Strecke zwischen Wiedlisbach und Feldbrunnen-St. Niklaus doch plötzlich hektisch. «IAM ans Ende des Pélotons», vermeldet Radio Tour, der Funkkanal der Rennleitung der Tour de Suisse. Albasini schert aus der Wagenkolonne aus und tritt mächtig aufs Gaspedal. Am Ende des Feldes wartet bereits der Schweizer IAM-Fahrer Reto Hollenstein. Albasini reicht ihm zahlreiche Trinkflaschen aus dem Fenster. Eine nach der anderen schiebt sich der Fahrer in sein Renndress, bis er keinen Platz mehr hat und wieder zum Feld aufschliesst, wo er seine Teamkollegen mit den Bidons versorgt.

Multitasking für Fortgeschrittene

Es fällt einem als Beifahrer nicht nur in dieser Szene auf: Die wichtigste Eigenschaft eines sportlichen Leiters im Radsport scheint das Multitasking zu sein – Multitasking für Fortgeschrittene. Schon alleine das Steuern des Teamfahrzeugs hinter dem Fahrerfeld würde einem durchschnittlichen Autofahrer so einiges abverlangen: Schlenker zum Ausweichen in letzter Sekunde, heftige Bremsmanöver und rasante Tempi durch enge Gassen. Dazu informiert Albasini seine Fahrer über den teameigenen Funk immer wieder über bevorstehende Etappenereignisse und erinnert sie an die am vor dem Rennen abgesprochene Taktik. Sich selber hält der sportliche Leiter mit den Live-Bildern auf dem kleinen TV-Bildschirm im Auto auf dem Laufenden. Und immer mal wieder versorgt er eben auch noch seine Fahrer durchs Fahrerfenster mit Trinkflaschen. Als wir wieder uns wieder in der Fahrzeugkolonne eingegliedert haben – an neunter Stelle aufgrund von Mathias Franks Klassierung im Gesamtklassement als bester IAM-Fahrer –, kehrt wieder Ruhe ein.

Albasini markiert sich nochmals die kritischen Stellen im Etappenplan für die verbleibenden 80 Kilometer. Unterbrochen wird er dabei ganz kurz von einem etwas übereifrigen Blitzkasten an der Ziegelfeldstrasse in Olten: Der Apparat blitzt permanent, als der Tour-Tross vorbeizieht. Albasini und Jonathan Fazan, der Mechaniker sitzt ebenfalls im Auto, nehmen es mit einem Lächeln zur Kenntnis.

30 Kilometer vor dem Ende der Etappe führt die Strecke bereits einmal über die Ziellinie in Büren an der Aare. Nun folgt eine hektische Phase. Hat Albasini seine Fahrer im bisherigen Etappenverlauf über Funk vor allem über neuralgische Stellen hingewiesen, so steht nun die Teamtaktik im Vordergrund. «Versucht euch zu sammeln und positioniert euch im vorderen Teil des Feldes», funkt er. Das sei in diesem Moment wichtig, weil nach dem letzten kleineren Anstieg auf der Zusatzschlaufe eine Abfahrt komme, in der auch der Wind eine Rolle spielen könne, erklärt er uns.

Mit der Teamleistung zufrieden

Mit den Bildern der Live-Übertragung im Schweizer Fernsehen versucht Albasini zu überprüfen, ob seine Anweisungen befolgt werden. Es ist ein ständiger Tanz auf zwei Hochzeiten, nicht auf das vordere Fahrzeug aufzufahren und gleichzeitig seine eigenen Fahrer auf dem kleinen Bord-Bildschirm auszumachen. Schliesslich ist er zufrieden mit dem, was er sieht. Sein Team ist vor dem Schlussspurt gut positioniert – doch dann verhindert der Sturz in der letzten Kurve, dass für IAM mehr als der achte Platz von Heinrich Haussler drinliegt. «Das Team ist gut gefahren. Der Sturz zum Schluss hat uns aufgehalten. Ich bin aber zufrieden mit der Leistung meiner Fahrer», bilanziert Albasini.

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