Gianluca Vanacore zieht seinen Karate-Gi aus der Trainingskiste, sucht den schwarzen Gürtel hervor, packt die Schoner und verschwindet. Kaum die Dauer einer Kampfbegegnung später, steht der Sportklassenschüler der Kantonsschule Solothurn auf dem hauseigenen Rasen. Der 15-Jährige kreist kurz seine Gelenke und führt eine Technik vor, bei dem er das rechte Bein locker und fast senkrecht in die Höhe streckt.

Talent alleine genügt nicht

Dass der Karateka die verschiedenen Bewegungsabläufe auch ohne Aufwärmen perfekt zum Abschluss bringt, ist nicht nur eine Frage des Könnens, sondern des jahrelangen Trainings: Als Fünfjähriger wurde er in Biberist von einem Sensei - Lehrmeister - in den Sport eingeführt, ein Jahr später bestritt er die ersten Turniere. Mit zehn holte Gianluca in der Kategorie U12 den ersten Meister-Titel im Kata, dem stilisierten Kampf gegen einen imaginären Gegner, und Kumite, dem Freikampf. «Am Anfang reicht ein gewisses Talent schon. Um jedoch auf einem guten Niveau mithalten zu können, braucht es mehr», sagt der gebürdige Italiener.

Wechsel nach Liestal

Damit er sich den Traum von einer EM- und WM-Teilnahme erfüllen kann, trat er im vergangenen Herbst in die Sportklasse über und wechselte im Januar in das Team des Kampfsportcenters Budo Sport nach Liestal. «Die Mannschaft ist super und ich werde viel mehr gefordert. Auch das tägliche Zugfahren finde ich nicht so schlimm», erklärt das U16-Nationalmannschaftsmitglied. Sechsmal wöchentlich fährt er ins Baselbiet, am Dienstag- und Donnerstagmorgen absolviert er eine Laufeinheit in Solothurn und jede zweite Woche steht ein Training mit dem nationalen Kader in Magglingen auf dem Programm. Der Wechsel hat sich bereits nach wenigen Monaten ausbezahlt; seit Jahresbeginn stand der Biberister international zweimal auf dem Siegertreppchen, im März holte er sich an der Swiss Karate League in Sursee die Silbermedaille und die ersten Punkte für die Schweizer Meisterschaft.

Sport für die Familie

Von der Pokalsammlung und der absoluten Körperbeherrschung angetan ist auch die Familie: Mutter Serena besitzt der braune Gürtel, der jüngere Bruder Alessio ist amtierender U12-Schweizer-Meister im Kumite. Einzig Vater Michele ist nicht auf der Karate-Matte vorzufinden; er unterstützt das Nachwuchstalent lieber im Hintergrund und kümmert sich um den administrativen Teil.

Hängiges Einbürgerungsgesuch

Im November stehen nicht nur die Schweizer Meisterschaften, sondern auch die WM an: «Wenn es so weitergeht, hätte ich gute Chancen in Spanien mit dabei zu sein», sagt Gianluca. Was den 15-Jährigen einzig aufhalten könnte, ist das hängige Einbürgerungsgesuch - der Pass könnte auch erst im Dezember bereit sein, «dann gehe ich halt erst im nächsten Jahr», sagt er lachend. Bis dahin wird er noch einige nationale und internationale Turniere bestreiten und während den Zugfahrten Richtung Liestal viel Musik hören. Die Hoffnung im November den Gegner nebst dem obligaten japanischen Grusswort «Osu», auch mit dem spanischen «Hola», vor dem Kampf begrüssen zu dürfen, gibt er jedenfalls nicht auf.