Samuel Ehrat, am vergangenen Wochenende trafen Sie mit Volley Schönenwerd auf Näfels. Sie haben die letzten sieben Saisons für die Glarner gespielt. Wie war die Rückkehr an Ihre alte Wirkungsstätte?

Samuel Ehrat: Es war ein sehr spezieller und emotionaler Match für mich. Auch in Anbetracht der Situation, in welcher sich Näfels gerade befindet. Der Verein hat momentan Mühe, ein neues, junges Team aufzubauen und ist in einer schwierigen Lage. Empfangen worden bin ich durchweg positiv.

Das Spiel war eine klare Sache. Schönenwerd setzte sich mit 3:0 durch.

Wir konnten uns in jedem Satz gleich zu Beginn einen Vorsprung erarbeiten. Am Ende waren auch die Satzresultate deutlich. Man merkte, dass Näfels vor allem im mentalen Bereich noch nicht auf der Höhe ist. Sie haben schon die vorherigen Spiele verloren und sind unter unserem Druck sehr schnell auseinandergebrochen.

Für Schönenwerd war es der vierte Sieg im vierten Saisonspiel. Haben Sie mit diesem Start gerechnet?

Nein, das ist ein absoluter Traumstart. Ich wusste, dass wir ein gutes Team mit viel Potenzial, aber auch noch ein sehr junges Team sind. Dass wir im ersten Spiel einen Gegner wie Titelverteidiger Lausanne mit 3:0 besiegten, war doch eine kleine Sensation. Wir zeigten in allen vier Spielen ein gutes Niveau, waren aber noch nicht überragend. Auch beim Sieg gegen Lausanne sehe ich noch Steigerungspotenzial.

Wie aussagekräftig sind diese vier bisherigen Siege?

Lausanne wird sich wohl noch steigern im Verlauf der Saison. Bei den anderen drei Gegnern hat sich jetzt gezeigt, wo diese etwa stehen werden in der Tabelle. Das sind auf jeden Fall Teams, die wir schlagen können, oder sogar müssen. Mit Amriswil wartet nun ein richtiger Gradmesser. Für uns ist das Spiel eine Standortbestimmung, die uns zeigen wird, wie die Aussichten nach vorne sind und ob wir auch mit so einem Gegner mithalten können.

Letzte Saison musste sich Volley Schönenwerd mit dem sechsten Platz begnügen. Der Start in die neue Saison weckt Hoffnungen.

Ich habe tatsächlich schon gehört, dass wir jetzt Meister werden. Aber ich trete auf die Bremse. Wie gesagt, wir sind ein sehr junges Team. Eine Saison ist lang und wir müssen zuerst beweisen, dass wir das Niveau auch über längere Zeit halten können. Und vor allem auch in der Phase, in der es darauf ankommt; in den Playoffs und im Cup allenfalls. Grundsätzlich denken wir Spieler gar noch nicht so weit voraus.

Gibts überhaupt etwas zu kritisieren an den ersten vier Auftritten?

Klar, es haben einige Dinge noch nicht so funktioniert, wie wir das gerne hätten. In den ersten beiden Spielen waren wir im Angriff in der Mitte noch nicht so durchschlagskräftig. Das hat sich zuletzt gebessert. Es gibt noch diverse andere Sachen. Die Annahme war bis jetzt solide, aber es gibt sicher noch Luft nach oben. Auch am Block arbeiten wir momentan intensiv.
Sie haben es angetönt. Morgen Sonntag ist Amriswil zu Gast in der Betoncoupe Arena in Schönenwerd. Die Thurgauer haben nach vier Spielen ebenfalls das Punktemaximum auf dem Konto.

Was dürfen die Zuschauer erwarten?

Ich erwartet ein Volleyballspiel auf hohem Niveau. Amriswil verfügt dieses Jahr über ein unglaubliches Kader mit sehr viel Qualität und vor allem auch routinierten Spielern. Für uns wird es nicht einfach, doch wir geben alles. Ich hoffe, dass es ein riesen Fight wird und dass viele Zuschauer kommen. Denn wir brauchen die Rückendeckung der Fans.

Was spricht für Schönenwerd?

Der jugendliche Leichtsinn (lacht). Wir sind jung, frech und haben nicht zu viel unnötigen Respekt vor dem Gegner. Es gibt mehrer Punkte: Unsere Aussenangreifer sind sensationell auf hohe Bälle. Vor allem auch im Bereich der Schweizer Spieler haben wir ihnen etwas voraus. Sie haben drei Schweizer. Wenn einer nicht performt, kommen sie vielleicht schon ins Schleudern mit dem Wechseln. Wir sind deutlich ausgeglichener aufgestellt.

In der vergangenen Saison standen Sie mit Näfels in beiden Finals – Meisterschaft und Cup. Wieso kams im Sommer zum Wechsel zu Volley Schönenwerd?

Nach sieben Saisons hatte ich das Gefühl, dass es Zeit für etwas Neues, für einen Wechsel ist. Ich wollte noch etwas Neues sehen und mal für einen anderen Verein spielen. Dieses Gefühl kam schon während der Saison auf. Einerseits hat sich dann Schönenwerds Sportchef Daniel Bühlmann bei mir gemeldet. Gleichzeitig bekam ich ein Angebot, dass ich in meiner Heimatstadt Basel, ich stamme aus der Region, eine Wohnung übernehmen konnte. Das war für mich die ideale Option. Ich bin wieder näher bei der Familie und den Freunden, wohne in meiner Lieblingsstadt und spiele immer noch NLA-Volleyball bei einem coolen Verein.

Gab es Alternativen?

Amriswil war die zweite Option. Für Volley Schönenwerd spricht natürlich die geniale und einmalige Infrastruktur. Es macht Spass, hier zu trainieren. Und auch das Projekt, das der Verein verfolgt, ist vielversprechend. Mit Luca Ulrich und Christopher Frame hat Schönenwerd im Sommer zudem zwei Spieler verpflichtet, die ich schon von der Nationalmannschaft her kannte. Zusammen mit denen, die schon hier waren, bilden wir einen coolen Kern aus Schweizer Spielern.

Wie würden Sie das Schönenwerder Team charakterisieren?

Jung, wild und lustig. Es macht enorm Spass mit dieser Truppe. Alle sind topmotiviert im Training. Vor allem auch die ganz jungen Spieler, die ich noch nicht kannte, haben mich mit ihrem Einsatz und Biss im Training beeindruckt. Trainer Dervisaj geht sehr gut um mit den Spielern. Er will, dass wir Freude haben am Volleyball und fördert dies auf eine sehr spezielle Art.

Obwohl Sie neu zum Team stiessen, wurden Sie gleich zum Captain gewählt. Was bedeutet Ihnen das?

Mir wäre es egal, wenn ein anderer Spieler Captain wäre. Schliesslich steht die Mannschaft im Vordergrund. Als Mittelblocker musst du ein Teamplayer sein. Und wenn ich dem Team auch als Captain helfen kann, mache ich das sehr gerne. Ein guter Captain sollte mannschaftsdienlich sein, eine Führungsrolle einnehmen. Eine gute Kommunikation ist wichtig, weil man das Bindeglied zwischen Coach und Spielern ist. Man sollte auch nicht der grösste Hitzkopf sein auf dem Feld.

Welche Qualitäten bringen Sie als Spieler, welche den Schönenwerdern in den letzten Jahren gefehlt haben?

Schönenwerd hatte schon in der Vergangenheit gute Mittelblocker, allerdings auch viel Verletzungspech auf dieser Position. Ich bin bislang zum Glück verschont geblieben vor grösseren Verletzungen. Ich hoffe, dass ich eine gewisse Konstanz ins Team bringen kann. Und Durchschlagskraft in der Mitte, denn es ist etwas unglaublich Wertvolles, wenn das Team über eine gefährliche Mitte verfügt, auf die sich der Gegner konzentrieren muss.

Wer wird Schweizer Meister 2019?

Schwierige Frage. Favorit ist ganz klar Amriswil in meinen Augen. Wir geben alles dafür, dies zu verhindern.