Schon weit bevor man in den Parkplatz des Schützenhaus Solothurn-Zuchwil einbiegt, sind Schüsse zu hören. Nach dem Betreten der 25- und 50-Meter-Anlage und mit Ohrschutz bestückt, wird einem klar, dass der Trainingsbesuch nichts für schwache Gemüter ist: Die Wucht der abgefeuerten Patronen versetzt den Körper bei jedem Schuss in Alarmbereitschaft.

Weniger laut geht es im Schiesskeller der 10-Meter-Luftpistolenschützen zu. Philipp Kohler stellt seinen Platz bereit. Der Derendinger montiert eine weisse Zielscheibe auf den Scheibenwagen und drückt auf den Knopf der Scheibenzug-Anlage.

Training mit der Luftpistole

Training mit der Luftpistole

Innert weniger Sekunden befördert das Wägelchen die Ausbildungsscheibe direkt vor den Kugelfang. «Zum Einschiessen geben wir etwa zehn Schuss auf die weisse Scheibe ab», erklärt Adrian Saner, Trainer der Stadtschützen Solothurn. Auf diese Weise werde der Abzug und der Atem kontrolliert, das Schussbild visiert sowie der Stand stabilisiert.

90 Prozent im Kopf

«Der Stand ist das wichtigste. Wenn dem Schützen im Stand nicht wohl ist, dann ist der Kopf auch nicht beim Sportgerät. Der mentale Aspekt zählt fast 90 Prozent», weiss Schweizer-Meister Kohler. Die Technik sei schnell einmal da, doch während des ganzen Wettkampfs fokussiert zu bleiben sei etwas, was «nur nach jahrelangem Training möglich ist».

Nicht selten sei Kohler sogar so konzentriert, dass er sich nicht mehr erinnern kann, die Luftpistole geladen zu haben. «Aus diesem Grund gehört eine Stricknadel in die Schützentasche. Wenn diese in den Lauf gestossen wird, sieht man, ob sich eine Kugel bereits in der Lademühle befindet», sagt Trainer Saner.

Mittlerweile hat der 32-jährige Schütze die Wertungsscheibe angebracht. Kohler geht in den Stand, hebt seinen Arm in die Nullstellung, bringt Korn und Visier in Ausrichtung, zieht die Abzugszunge bis zum Druckpunkt, verharrt einige Sekunden und schiesst – eine Zehn.

Nichts aussergewöhnliches für einen Meisterschützen, könnte man meinen. Doch hinter seiner Karriere steckt nicht nur Talent, sondern eiserner Wille: Bevor Kohler ein erfolgreicher Schütze wurde, verbrachte er sechs Jahre im Kinderheim, wo er ein Programm besuchte, das seine Feinmotorik förderte.

Erst als er in die 7. Klasse kam und eines Tages einen Brief für einen Luftpistolen Nachwuchskurs in der Hand hielt, dachte er, dass sich eine Anmeldung lohnen könnte.

Titel und Rekord

Mit Ehrgeiz und Siegeswillen brachte es Kohler in den 18 Jahren Schiesssport zum Schweizer-Meister-Titel samt Schweizerrekord. «Wenn ich das trotz meiner Vergangenheit kann, dann können das andere auch», sagt der Derendinger und spricht denjenigen Mut zu, die einen ähnlichen Hintergrund haben.

Die Zehn ist getroffen, die eineinhalb Stunden Training vorbei. Es ist Zeit gemeinsam mit den Vereinskollegen im Restaurant Schützenstube den Arm zu lockern, «aber nur mit Mineralwasser», sagt Kohler schmunzelnd und lässt zur obligatorischen Sicherheitskontrolle seine Luftpistole ein letztes Mal mit einer Gasentladung knallen.