Laufen
Mit dem eigenen Weg zum Erfolg: Martina Strähl lässt sich nicht beirren

Die 27-jährige Martina Strähl aus Oekingen ist alles andere als eine Leistungssportlerin nach Lehrbuch: keine Uhr am Handgelenk, keine Pulsmessung im Training und maximal drei Laufeinheiten pro Woche. Ein Nachteil ist ihr Weg nicht.

Rainer Sommerhalder
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Die sichtlich erschöpfte Tagessiegerin Martina Strähl kurz vor dem Ziel.

Die sichtlich erschöpfte Tagessiegerin Martina Strähl kurz vor dem Ziel.

Hans Ulrich Muelchi

Das Jahr 2014 war für Martina Strähl ein Höhepunkt, aber kein Genuss. Einen EM-Einsatz im eigenen Land erlebt man in der Regel nur einmal in der Karriere.

Doch der Weg zu den 42 Kilometern an den Leichtathletik-Titelkämpfen in Zürich war unglaublich stressig. «Es war eine extreme Belastung. Ich sass häufig bis zwei Uhr nachts an meiner Masterarbeit fürs Studium. Die EM kam ein Jahr zu früh, denn eigentlich hatte ich nicht wirklich viel Zeit fürs Training und dennoch lief ich so viel wie noch nie», sagt die Oekingerin im Rückblick. Es sei eine absolute Gratwanderung gewesen.

Die schwierige Geduldsprobe

Im Winter folgte die Verletzung. Wohl wegen des sommerlichen Stressprogramms, vielleicht aber auch wegen des zwischenzeitlichen sportlichen Profitums nach Abschluss ihres Psychologie-Studiums im Herbst. «Da hatte ich für einige Zeit wirklich nur das Trainieren. Und es fehlte mir definitiv etwas», gibt Strähl zu.

Mehrere Wochen durfte sie wegen der Entzündung nicht rennen, nur alternativ trainieren. Eine Situation, mit welcher die zierliche und fragile Athletin seit zehn Jahren immer wieder konfrontiert wird. Und die sie mehrheitlich aufs Velo und den Crosstrainer treibt. Mit äusserst positiven Auswirkungen auf die Leistungsfähigkeit.

In diesem Frühjahr hat Martina Strähl trotz des temporären Lauftrainingverbots ihre Bestzeiten über 10 und 15 Kilometer pulverisiert. Die 27-Jährige hat die vermeintliche Schwäche der körperlichen Verletzlichkeit längst in eine Stärke umgewandelt. «Ich habe die Fähigkeit, extrem gut auf meinen Körper hören zu können», sagt Strähl.

Das geht so weit, dass die Ausnahme-Bergläuferin keinem strikten Trainingsplan folgt, sondern am Morgen nach dem Aufstehen entscheidet, welche Art von Belastung an diesem Tag passt. «Es muss schliesslich auch im Kopf stimmen», sagt sie.

Mit ihrem langjährigen Trainer Fritz Häni, mit dem sie sich in der Regel alle zwei Wochen austauscht, hat sie den perfekten Weggefährten für diese Trainingsplanung gefunden: Strähl kennt ihren Körper, Fritz Häni kennt Martina Strähl.

Stress mit anderen Methoden

Als sie vor Jahren versuchte, den «normalen» Weg zu gehen, ihr die Piepssignale des Pulsmessers während des Intervalltrainings penetrant mitteilten, dass sie sich der anaeroben Schwelle nähere, da fühlte sich Martina Strähl einfach nur gestresst.

Natürlich sei zwischenzeitlich auch ein wenig Unsicherheit aufgekommen, etwa als sie in der Marathon-Vorbereitung all die Teamkolleginnen mit den wissenschaftlichen Trainingsmethoden erlebte. «Ich fragte mich, wie sehr ich auf mein Training vertrauen kann.» Die Antwort gab sie sich selber: «Ich habe meinem eigenen Weg vertraut.»

Seit sechs Wochen vertrauen ihr auch die Kindergarten- und Primarschülerinnen aus Oberdorf. Dort hat Martina Strähl, die sich als «extrem sozialen Menschen» bezeichnet, ihren ersten Job als Heilpädagogin angetreten.

Nach den Frühlingsferien steigert sie das Pensum auf rund 50 Prozent. Da bleibt auf den ersten Blick weniger Zeit fürs Training. Doch Sport ist für sie mehr als Training. «Es gibt mir das Gefühl, frei zu sein», sagt die Oekingerin, «ich kann in eine eigene Welt mit starken Gefühlen abtauchen und dort Energie sammeln, die ich in andere Lebensbereiche investiere.»

Und der Job mit Kindern sei die ideale Ergänzung. «Ich fühle mich dadurch viel erfüllter», sagt Strähl, die am 4. Juli als Saisonhöhepunkt die Berglauf-WM in Zermatt anpeilt und dann im Spätherbst einen schnellen Marathon plant, vielleicht in Berlin.

Dort nimmt sie Anlauf zur Olympia-Limite von 2:33 Stunden. Ob es bereits für Rio 2016 reicht, weiss Strähl nicht. Denn schliesslich liegt ihre Bestzeit mehr als sechs Minuten über der Limite. «Sonst reicht es halt für Tokio 2020. Ich bin ja noch jung. Und ich will nichts erzwingen», sagt Martina Strähl. Auf den Körper hören und den eigenen Weg gehen, lautet auch hier ihre Devise.