Ein Ironman ist kein gewöhnlicher Wettkampf. Die 3,9 km Schwimmen, 180 km Radfahren und 42,195 km Laufen brauchen eine entsprechende Vorbereitung, damit ein Start überhaupt erst ins Auge gefasst werden kann. Sich kurzfristig für eine Teilnahme zu entscheiden und somit auf die minutiöse Wettkampfvorbereitung zu verzichten, das geht in aller Regel schief – aber eben nur in aller Regel. Dass man einen solchen Einsatz auch innerhalb von vier Tagen planen und erfolgreich durchziehen kann, bewies Daniela Ryf am Ironman Switzerland. Just zwei Wochen ist es her, als die 27-jährige Solothurnerin in Zürich ihren allerersten Ironman bestritt und diesen souverän gewann. Das Verblüffende am Auftritt war nicht nur die definitive Startzusage im Verlauf der Woche, sondern vielmehr der Tag davor: Ryf verteidigte nämlich am Samstag in Zürich ihren Titel über die olympische Distanz in knapp zwei Stunden gegen namhafte Konkurrenz.

Cleverer Schachzug

Im Nachhinein spricht die Feldbrunnerin von einem «cleveren Schachzug» ihres Trainers Brett Sutton: «Wenn ich bereits zwei Monate zuvor davon gewusst hätte, dann hätte ich wohl Panik gehabt», gesteht sie. «So entschieden wir uns am Mittwoch für eine Teilnahme, und ich konnte absolut ohne Druck an den Start.» Angst, dass das kräfteraubende Unterfangen hätte scheitern können, habe sie keine verspürt. «Er kennt mich ziemlich gut und wusste, dass ich es durchstehen kann. «Sonst», so Ryf, «hätte er mich nicht geschickt.» Ihr als kraftvolle Athletin kämen lange Distanzen, sprich weniger intensive Rennen ohnehin entgegen und schliesslich sei sie an einem normalen Trainingstag auch bis zu sieben Stunden unterwegs. «Zürich war ganz einfach noch ein wenig schneller», meint sie, fast entschuldigend, «für den Kopf ist so ein Wettkampf aber bestimmt eine andere Belastung als ein normales Training.» Eine Herausforderung war auch die Ernährung während der mehr als neun Stunden Wettkampfdauer. «Ich musste immerzu schauen, dass ich genug Energie habe, damit ich bis ganz zum Schluss durchhalte.» Erschwerend kam hinzu, dass sie tags zuvor bereits einen grossen Effort geleistet hatte. Nach ihrem Sieg EM-Titel hatte sie deshalb nur ein Ziel: Die Energiespeicher möglichst schnell wieder zu füllen.

«Schau, die gewinnt noch»

Letztlich ging indes alles auf, und bereits nach der zweiten Disziplin, dem Radfahren, war die Vorentscheidung zu ihren Gunsten gefallen. «Rückblickend bin ich wirklich sehr froh um diese Erfahrung, es war megacool.» Vor allem die vielen bekannten Gesichter entlang der Strecke hätten ihr geholfen, den Vorsprung ins Ziel zu laufen. «Auf der letzten Runde hörte ich jemanden sagen ‹Schau, die gewinnt noch›», lacht sie, 14 Tage nach ihrem Parforce-Auftritt. Bereits drei Tage nach Zürich lief Daniela Ryf auf der Bahn so schnell, wie nie zuvor, was sie ziemlich überraschte. Und so steht auch dem nächsten Höhepunkt von heute Sonntag nichts im Weg: der Europameisterschaft über die Halbironman-Distanz in Wiesbaden.

Am Donnerstag angereist, geht Daniela Ryf als Titelverteidigerin auch diesmal mit berechtigten Ambitionen an den Start. «Es wird nicht einfach. Aber es ist für mich ein guter Vergleich mit diesen Athletinnen, ich bin fit und fühle mich gut.» Schliesslich gilt es für Ryf, die tolle Ausgangslage für eine Hawaii-Teilnahme, welche sie sich mit dem Sieg in Zürich geschaffen hat, weiter zu verbessern und zu nutzen. Sieben Athletinnen werden für die Langdistanz-WM noch nominiert, Ryf steht derzeit an zweiter Stelle. Wenn ihr das heutige Rennen nur schon einigermassen gelingt, kommt sie der Qualifikation einen grossen Schritt näher. Und sonst böte sich am Ironman Kopenhagen eine letzte Gelegenheit, die nötigen Punkte zu holen. Zunächst noch unschlüssig will sie die Chance, auf Hawaii dabei zu sein, unbedingt packen. «Ich merkte plötzlich, dass es dumm wäre, nicht zu gehen. Ich weiss nicht, was nächstes Jahr ist, zudem denke ich, dass ich, an einem Tag, an welchem alles passt, gute Chancen habe.» Ihr Trainer Brett Sutton wird bestimmt dafür sorgen, dass der Auftritt ein Erfolg wird. Auch wenn sie nicht erst vier Tage zuvor über ihre Teilnahme informiert wird.