Kanu

Mike Kurt entscheidet bis Ende Januar, ob er weiter fährt

Nach dem rabenschwarzen Tag an den Olympischen Spielen in London weiss der Wiedlisbacher Mike Kurt noch nicht, ob er weiterpaddelt. Die Weltmeisterschaft in Prag 2013 reizt ihn aber.

Gut vier Monate sind seit dem 1. August vergangen. Dem Tag, der für Mike Kurt zum Triumph- und für seine Landsleute zu Hause zum Jubeltag hätte werden sollen. «Es war mein Tag», sagt Kurt. Mit diesem «Mir-gehört-die-Welt-Gefühl» sei er damals vor der Entscheidung im Lee Valley White Water Centre aufgestanden, erinnert sich der 32-Jährige.

Und alles sah tipptopp aus. Bis Kurt im Halbfinal das Tor18 ansteuerte, einen Schlag erwischte und eines seiner Paddelblätter in die Brüche ging. Die Stabilität ging flöten, ein Torfehler und 50 Strafsekunden waren unvermeidlich.

Der Traum vom Final der besten zehn und einer olympischen Medaillen verpuffte innert Sekunden wie Feuerwerk am Firmament. «Ich habe in der Zwischenzeit viele Vorträge bei verschiedensten Organisationen oder Firmen gehalten und konnte so die Sache gut verarbeiten», erzählt der Spitzenkanute.

Er wisse, dass er alles in seiner Macht stehende unternommen habe, um an diesem Tag parat zu sein. Bereit für die beste Leistung seines Lebens. «Aber alles ist eben nicht planbar», so Mike Kurt. So wie er das auch in seinen Vorträgen zum Thema «Erfolgreich dank Niederlagen» formuliert.

Trotzdem: Dieses Wissen, dem Tag X alles untergeordnet und alles dafür gegeben zu haben, das Ziel zu packen, ermögliche es ihm heute, mit der bittersten Stunde seiner Karriere umzugehen. «Es ist nicht so wie nach Peking und Athen», hält Kurt fest, «als ich nach dem missglückten Olympia-Rennen das Gefühl hatte, ich hätte mehr tun können, um mental bereit zu sein.» Insofern war für Kurt klar, dass die Karriere nach London zu Ende ist. Er hat die Saison nach dem Malheur denn auch abgebrochen

Es lockt die WM in Prag

Und wie sieht es heute aus? Bleibt es dabei? Ist wirklich Schluss? «Ich habe mir bis Ende Januar eine Deadline gesetzt», sagt Kurt. Während der letzten Wochen und mit dem Verarbeiten des Schiffbruchs sei «das Kribbeln irgendwie zurückgekehrt.» Kurt arbeitet zu 50 Prozent als Betriebsökonom im Sozialmarketing und ist zudem Talentscout bei Sport Heart. Letzteres eine Organisation, die mit finanziellen Beiträgen hilft, dass sich Einzel- und Teamathleten aus Randsportarten optimal auf die Olympischen Spiele vorbereiten können.

Ausserdem hat Kurt jüngst mit einem anderen Olympioniken ein Projekt vorangetrieben, das ebenfalls zum Ziel haben soll, Schweizer Sportlerinnen und Sportler zu fördern. «Das ist aber noch nicht spruchreif», so Kurt. Alles Aufgaben, die ihn erfüllen.

Dennoch: Die Option «Fortsetzung der Karriere» ist nicht vom Tisch. «Nein», gibt er zu. «Zumal die WM nächstes Jahr in Prag stattfindet.» Mit Tschechiens Metropole verbinden den Solothurner so viele Weltcup-Podestplätze und Spitzenresultate wie mit keiner anderen Strecke auf der Welt. 2006 wäre er in der «Goldenen Stadt» um ein Haar Weltmeister geworden. Eine leichte Touchierung einer Stange kostete ihn damals Gold und spülte ihn auf Rang sieben. «Wenn ich noch einmal irgendwo etwas Grosses erreichen kann, dann am ehesten in Prag», sinniert Kurt.

Eine Pause ist keine Option

Die Würfel sollen also im Januar fallen. Ein Unterbruch der Karriere für etwa zwei Jahre, um sich dann noch einmal mit allen entsprechenden, frei werdenden Fördermitteln vom Swiss Olympic auf Rio 2016 vorzubereiten, ist für Kurt «keine sportliche Option.» Entweder fliesst die Karriere in einem «Flutsch» weiter, oder sie ist vorbei.

Finanzielle Überlegungen spielen dabei freilich auch eine Rolle. Mehr als 90000 Franken hat Kurt die letzte Saison inklusive Engagement von Privattrainer, dem Franzosen Ludovic Boulesteix, gekostet. Eine «normale», nicht olympische Saison, käme das Mitglied der Solothurner Kanufahrer auf rund die Hälfte zu stehen. Eine Summe, die er im postolympischen Jahr zum weitaus grössten Teil selber auftreiben müsste. Im Gegensatz zur übrigen Weltelite bleibt ein Schweizer Spitzenkanute immer ein Amateur.

Trotzdem, man spürt es: Auch wenn Mike Kurt mit der Niederlage von London im Reinen ist und nicht «ghoue oder gschtoche» auf «Wiedergutmachung» sinnt – irgendwie wurmt es ihn doch, dem gebrochenen Paddel die «Ehre» des letzten Eindrucks seiner Karriere zu überlassen.

Verwandte Themen:

Meistgesehen

Artboard 1