Birgit Fischer ist mehr als ein halbes Jahrhundert alt, sie hat zwei erwachsene Kinder und zwei abgeschlossene Studiengänge, ihr Olympiadebüt hatte sie vor mehr als 30 Jahren in Moskau gegeben, die Welt war damals eine andere, die Sportart dieselbe. Kanu-Regatta. Fischer ist die erfolgreichste Athletin in der Disziplin, die wie andere Randsportarten nur im Vierjahreszyklus in der Öffentlichkeit Beachtung findet. Sie gewann acht Mal olympisches Gold, sie war 27 Mal Weltmeisterin und wurde 2004 Deutsche Sportlerin des Jahres.

Mit solch einem Palmarès kann sich Melanie Mathys nicht schmücken, wenngleich die Solothurnerin trotz ihrer erst 20 Jahre schon über eine ansehliche Medaillensammlung verfügt. Bei den Kanu-Abfahrerinnen zählte Mathys zur Weltspitze. Sie ist zweifache Juniorenweltmeisterin, dreifache Junioren-Europameisterin und Vize-Weltmeisterin im Sprint.

Feuertaufe in Moskau

Tempi passati: Melanie Mathys hat vom Wildwasser ins ruhige Gewässer gewechselt. Seit dieser Saison paddelt sie im Regatta-Boot. In der Hoffnung, irgendwann an Olympischen Spielen teilzunehmen. Vor zwei Wochen hatte sie ihre internationale Feuertaufe, am Ort von Birgit Fischers erstem Olympiasieg. In Moskau bestritt sie die Rennen über 500 und 1000 Meter. Über die kurze Distanz schied sie im Halbfinale aus, über die längere Strecke belegte Mathys den 18. Rang. «Es war buchstäblich ein Sprung ins kalte Wasser», sagt die Solothurnerin. Ihr wurde aufgezeigt, wo sie steht und wie viel sie von der Spitze trennt. «Eine ganze Menge. Ich brauche viel Geduld», hat sie feststellen müssen.

Aus den Erfahrungen der ersten Saison zeichnet sich für Melanie Mathys eine Änderung der ursprünglichen Planung ab. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele in Rio in zwei Jahren war vermutlich zu optimistisch. Vor allem deshalb, weil das Projekt eines Schweizer Viererboots nicht zustande kam. Mathys lässt sich deswegen nicht aus der Ruhe bringen. «Wenn es mit Rio nicht klappt, dann in sechs Jahren in Tokio.» Zunächst nimmt sie ihr Wirtschaftsstudium in Angriff und wird den Herbst und Winter durch viel Kraft büffeln. «In der Regatta sind weniger die taktischen Finessen, sondern ist viel mehr die Physis gefragt.»

Weichenstellung im Frühling

Im Frühling soll mit Nationaltrainer Ingolf Beutel die Weichenstellung erfolgen. Dann soll entschieden werden, ob sie weiter im Einer fährt oder der Verband ein Zweierboot ins Rennen schickt. «Es bleibt auf jeden Fall ein spannendes Unterfangen», sagt Melanie Mathys. Dass ein Schweizer Regatta-Projekt von Erfolg gekrönt sein kann, haben die Olympischen Spiele 1996 gezeigt. In Atlanta holten die Frauen im Vierer die Silbermedaille - und Birgit Fischer Gold.