Omnium auf der Radrennbahn hat was von leichtathletischem Zehnkampf. Gesucht sind weder die goldene Lunge des Ausdauerndsten noch die explosivsten Muskelfasern des Antritts- oder die in den höchsten Drehzahlbereich hochschraubbaren Myozyten des Endschnellsten. Nein, Titel und Krone gehen in dem Fall an den komplettesten Fahrer. Jenen, der «finalement» aus sechs Disziplinen wie beispielsweise Scratch, Einzelverfolgung, Ausscheidung oder Kilometer-Zeitfahren am wenigsten Rangpunkte totalisiert.

Als «Appetizer» auf die Bahn-EM vom 14. bis 18. Oktober in Grenchen kürte die helvetische Bahn-Elite im Velodrome Suisse ihre «Mehrkampf-Bomber» auf zwei Rädern. Die EM wird im Rahmen des Projekts «Rio 2016» des Radsportverbandes stattfinden, dessen Ziel es ist, nächstes Jahr an den Olympischen Spielen am Fuss von Zuckerhut und Corcovado in der Mannschafts-Verfolgung und dem Omnium dabei zu sein.

Die Kunst braucht Zeit

Das Tempo, das da die Besten auf ihrem «Fixie», wie das bremsenlose Bahnvelo seines Starrlaufs wegen auch genannt wird, erreichen, ist krass. «Fixie» klingt freilich etwas gar niedlich, angesichts dessen, dass die Tretferraris da aussehen wie Formel-1-Babys. Bis hoch ins Velodrome hinauf spürt man den Luftzug, wenn das knapp 20-köpfige Männerfeld mit 50 bis 60 km/h übers 250 Meter lange Holzoval gebrettert kommt. Wenige Zentimeter nur trennen das Vorderrad des Hintermanns vom Hinterrad des Vordermanns.

Eigentlich, dünkt es einen, müsste es ständig krachen und «chrosen». Tut es bisweilen auch, und dann sieht das Ganze, wenn Mann förmlich an seinem «Göpel» klebend die 46 Prozent steile Steilwand hinauf- und hinunterschlittert, nicht wirklich hübsch aus. Aber eben – es tut es eher selten. «Es sieht schwerer aus, als es ist», sagt Nationaltrainer Daniel Gisiger. Und weiter: «Es braucht aber durchaus eine gewisse Zeit, bis man die Kunst des Bahnradfahrens beherrscht.»

Gewonnen ist noch nichts

Gisiger gehört zu jenen Schweizer Nationaltrainern, die guten Mutes in die Zukunft blicken dürfen. Die Qualifikation für die Olympischen Spiele 2012 in London hatten seine Fahrer noch knapp verpasst. «Keiner hat sich jedoch davon entmutigen lassen und ist dabei geblieben.» Und siehe da: Jetzt, nach vier von neun Qualifikations-Wettkämpfen, sind die Schweizer sowohl global (Zwischenrang 5/10 Nationen sind qualifiziert) wie kontinental (3/6) auf Olympia-Kurs. «Aber», so Gisiger, «erreicht ist noch nichts.» Andere Nationen, die schwach gestartet seien, würden künftig garantiert noch einen Zacken zulegen.

Olympia-Quali-Wettkampf Nummer 6 wird dann die EM in Grenchen sein. «Das wird eine ganz tolle Sache», freut sich Gisiger. Weshalb der nationale Bahnradsport derzeit von Romands dominiert wird, ist für den Bieler klar. «Bis das olympischen Normen entsprechende Velodrome in Grenchen kam, gab es nur die 200 m lange Bahn in Aigle und die nur im Sommer befahrbare 333-Meter-Bahn in Zürich.» Darum hofft Gisiger, dass sich viele Deutschschweizer um die Olympia-Startplätze 2020 streiten werden.