Im Schweizer Fussball gibt es rund 3000 Aktivmannschaften, gut 130 davon spielen im Kanton Solothurn. Der sportlich Erfolgloseste ist nicht, wie man vielleicht vermuten könnte, der FC Grenchen, der sich soeben mit fünf Punkten und einem Torverhältnis von 16:142 aus der 1. Liga verabschiedet hat. Der FC Kappel a ziert in der 5. Liga, Gruppe 3 das Tabellenende mit aktuell vier Zählern. Grund genug, den Feierabendkickern auf der Lischmatt die Ehre zu erweisen.

Das Trikot sitzt, die Schnürsenkel sind festgebunden. Die Wasserflasche ist gefüllt und die Taktik besprochen. Also raus aus der Garderobe und den restlichen Kilometer zum Spielfeld in Angriff nehmen. Bitte was? Wir befinden uns in Kappel. Der ortsansässige Fussballclub ist der einzige Verein im Kanton, welcher über keine Umkleidekabinen und Duschen auf dem Fussballplatz-Areal verfügt. «Das ist gewollt, denn dann sind die Gegner bereits ausser Puste», scherzen die einen. «Das ist eine Unverschämtheit», klagen die andern. Doch dazu später mehr.

Ziel: Die rote Laterne abgeben

Der grösste Erfolg des FC Kappel 1952 liegt schon mehrere Jahrzehnte zurück. Während einer Saison spielte man in der regionalen 2. Liga. Es folgte der direkte Wiederabstieg. In dieser Spielzeit spielt die Mannschaft in der 5. und somit tiefsten Schweizer Liga. Sie hat vornehmlich ein Ziel: Die rote Laterne abgeben. Was im Sportjargon meist nur sprichwörtlichen Gebrauch hat, existiert in Kappel wortwörtlich: die rote Laterne. «Letztes Jahr haben wir sie vom FC Wolfwil erhalten, nun wollen wir sie schnellstmöglich wieder abgeben», erklärt Kappel-Präsident Bruno Stalder. Die rote Laterne, die eine Kerze mit den «eingravierten» Namen der bisherigen «Gewinner» beherbergt, gebührt dem Verlierer der 5. Liga, Gruppe 3. Ins Leben gerufen wurde sie vor fünf Jahren vom FC Kestenholz. Zwei Jahre war sie dann in Wolfwil. In diesem Jahr ist der FC Kappel auf dem Weg zur «Titelverteidigung».

Kappel a liegt drei Runden vor Schluss vier Punkte hinter Wolfwil. Erst 14 Tore wurden in der laufenden Saison geschossen, stolze 97 hat man kassiert. Tiefer geht es nimmer. Der letzte Sieg datierte auf den 17.5.2013. Das änderte sich am letzten Samstag. Zu Gast war – der FC Wolfwil.

Trainingslager auf Gran Canaria

«Masch no Daniel?», fragt Pascal Jaeggi bereits nach 10 Minuten. Daniel ist dann auch schon nicht mehr auf dem Feld, als Damian Buss das 1:0 für das Heimteam erzielt. «Weisch überhaupt, wie dä inegmacht hesch?», so der Trainer. In der 50. Minute ist das Kappeler Glück perfekt. Rico Bernasconi trifft zum 2:0. «Rico ist Student in St. Gallen und hilft nur noch sporadisch bei uns aus. Trainieren tut er aus Zeitgründen fast nie», erklärt Präsident Bruno Stalder.

Die Trainingspräsenz ist eines der grössten Probleme bei Kappel a. Zwar ist die Mannschaft gewillt, einmal pro Woche mehr als nur ein Plausch-Training zu absolvieren. So veranstaltete der Verein in der Winterpause ein Trainingslager auf Gran Canaria. Vollzählig ist die Mannschaft dennoch nur selten. «Im Training sind jeweils um die zehn Spieler», erklärt der Trainer.

Der FC Kappel erweckt dann auch den Anschein einer Art «Auffangstation» für Spieler, die sonst keinen Unterschlupf finden. Dass dies aber ganz und gar nicht der Fall ist, erklärt der Trainer: «Wir spielen bei Kappel, weil es unser Verein ist und nicht, weil wir in keinem anderen Verein Unterschlupf finden würden.» Dennoch stehen im Kader Spieler, die fussballerisch zum grössten Teil sehr limitiert sind. Dass eine solche Konstellation nicht sehr erfolgversprechend ist, weiss auch der Trainer: «Da fehlen dann die Grundlagen. Das merkt man. Trotzdem sind wir auf jeden Spieler angewiesen.»

Die Grundlagenarbeit ist im Training dann auch ein stetiges Thema. Jaeggi hat die Mannschaft auf die Rückrunde hin übernommen. Zum Beginn der Spielzeit wurde die Mannschaft von einem Vater eines Spielers trainiert, was nicht funktionierte. Dann übernahm ad interim Sportchef Daniel Wyss, der am Samstag ebenfalls auf dem Platz stand. «Wir mussten eine Lösung finden, weil Daniel auch noch andere Aufgaben hat», kommentiert Jaeggi, der immerhin das C-Diplom besitzt. «Zu mehr», so Jaeggi, «reicht leider die Zeit nicht.»

Sportchef sorgt für Nachschub

In der 86. Minute geht in Kappel nochmals ein Raunen über den Sportplatz Lischmatt. Ein Wolfwiler trifft nur die Latte. Glück für das Heimteam. Auch, weil Sportchef Wyss gerade mit einer vollen Harasse Bier im Anmarsch war, als sich die Szene ereignete. «Eigentlich wollte ich ja noch einmal aufs Feld. Der Trainer lässt mich aber nicht, sodass ich halt das Bier holte», scherzt er.

Bier, das brauchte man am vergangenen Samstag in Kappel. Nicht etwa, um die notorische Erfolglosigkeit zu verdrängen, sondern, um den historischen Sieg gegen Wolfwil zu feiern. «In der ganzen Saison kein Sieg zu holen, wäre sehr schlimm gewesen», so der über glückliche Trainer.

«Nun bist du von den erfolglosesten Trainer nur noch der Zweitschlechteste», kommentiert ein Spieler mit einem breiten Grinsen. In Kappel nimmt man die Situation gelassen, auch wenn «ein Erfolgserlebnis natürlich der Seele guttut.»

Eigene Stadionwurst

Mehr als nur ein Erfolgserlebnis ist das neue Projekt des Garderobenbaus auf der Lischmatt. Bezugsbereit soll die Anlage Anfang 2016 sein. «Noch immer müssen gegen 100 Jugendliche und auch Aktive die Infrastruktur beim Dorfschulhaus benutzen, die über einen Kilometer weit entfernt liegt», sagt Stalder. Von der Gemeinde erfährt der Verein dabei keine finanzielle Unterstützung, auch wenn die Anlage als Anbau an den geplanten Werkhof erfolgen soll. «Nebst logistischen Gründen ist dies auch für das Zusammenleben wichtig», sagt Stalder weiter. «Die Gegner bleiben nach dem Spiel fast nie.»

Dabei bietet der FC Kappel im schmucken Vereinshäuschen nebst der Geselligkeit auch eine ganz besondere Stadionwurst an, was auch Stalder weiss: «Wir haben vielleicht die schlechteste Mannschaft der Schweiz, unsere Wurst ist aber Weltklasse.»

Und nicht mal das: Mit dem Sieg haben die Kappeler Dynamo Aquila aus Biberist überholt und klettern in der gruppenübergreifenden Rangliste auf den zweitletzten Rang. Das freut auch Trainer Jaeggi: «Nun sind wir zwar immer noch die schlechteste Mannschaft in der Gruppe. Aber nicht mehr in der gesamten Schweiz.»