So treten die wahren Champions auf: Martina Strähl war auf den 42,2 km mit den 1944 Steigungs- und 444 Gefällmetern von St. Niklaus, über Zermatt auf den Riffelberg (2583 m) von Beginn an die dominierende Figur. Abzuzeichnen begann sich «dieser perfekte Tag» bei der 28-Jährigen mit Master-Abschluss in Psychologie bereits im Vorfeld. «Vor dem Rennen war ich ganz ruhig, nie nervös», blickte sie auf die oft so Energie raubenden Stunden vor dem Rennen zurück. Erstaunt nahm sie dies zur Kenntnis.

Und diese Lockerheit nahm Martina Strähl mit ins Rennen. Von Beginn an war sie die Taktgeberin. Sie führte das Frauenfeld an, kontrollierte und sorgte mit ihrem Rhythmus dafür, dass sich die Zahl der Begleiterinnen rasch verkleinerte. «Am Limit aber», fühlte sie sich nie, sondern vielmehr, «als liefe es mir automatisch.» Sobald es in die Steigungen ging, realisierte sie: «Ich bin heute die Beste, ich bin die Chefin im Feld.»

In Übermut schlug dieses Gefühl aber nicht um, im Gegenteil. «Die Unsicherheit lief mit, nicht zuletzt wegen der unkonventionellen Vorbereitung», sagte sie. Wegen eines Sturzes vor anderthalb Monaten und einem angebrochenen Steissbein war sie zu alternativen Trainingsformen gezwungen. Auf dem Cross-Trainer im Fitnessstudio spielten sich diese primär ab. Von «einer ausgezeichneten Vorbereitung» sprach sie zwar, Gedanken der Unsicherheit konnte sie dennoch nicht ganz beiseiteschieben. Die spezifischen Einheiten fehlten. Strähl fragte sich: «Komme ich ohne Muskelkrämpfe durch?»

Sie kam und wie. Die Überfliegerin bei den Frauen fing je länger, je häufiger auch Männer des WM-Rennens ab – auch die Schweizer. Einzig Patrick Wieser, wie Strähl im letzten Jahr an der Heim-EM der Leichtathleten in Zürich dabei, war von der sechsköpfigen Schweizer Männer-Equipe vor ihr im Ziel. Mit 3:21:28 Stunden realisierte Strähl eine Klassezeit. Der Vorsprung von 8:07 Minuten auf die zweitplatzierte, die Zermatt-Marathon-Siegerin der beiden letzten Jahre, Aline Camboulines, dient als Beweis. Strähl strahlte: «Das war eine sehr, sehr gute Leistung, wohl meine beste überhaupt.»

Das lädierte Steissbein verspürte sie zwar – vor allem in der Anfangsphase. Von Schmerzen aber wollte die routinierte Langstreckenläuferin nicht sprechen. Vielmehr stellte sie mit Freude fest, «dass das Körpergefühl immer besser wurde und die Beine lockerer». Da konnten sie auch die hohen Temperaturen «absolut kalt lassen». Und der Lohn zeigte sich in Doppelgold: Zusammen mit Daniela Gassmann-Bahr (5.) und Jasmin Nunige (6.) resultierte auch der Team-Titel.

Für Martina Strähl folgte nach der Parforce-Leistung «ein weiterer Marathon»: jener der Ehrungen. Nicht weniger als sechs Mal durfte sie im Ziel auf die oberste Podeststufe steigen, u.a. für die beiden WM-Titel, den Streckenrekord und den Sieg in der Sprint-Wertung. Für sie war’s «ein Dürfen vor der Postkarten-Kulisse mit dem Matterhorn». Zu Recht hielt die mehrfache Europameisterin und WM-Zweite fest: «Dieser Titel zählt mehr als alles bisher Erreichte.»