Jan Lochbihler, am Freitagabend gab es in Holderbank Ihnen zu Ehren einen grossen Empfang. Hätten Sie damit gerechnet, dass Sie nach Ihrer ersten Olympia-Teilnahme derart gefeiert werden?

Jan Lochbihler: In diesem Masse sicher nicht, da ich in Rio weder eine Medaille noch ein Diplom geholt habe. Umso mehr habe ich mich gefreut. Es war mega schön und herzig. Zuerst wurde ein Ständchen gespielt, danach kamen einige Reden. Dabei wurden viele alte Geschichten aus meinen Anfangszeiten hervorgeholt, was für mich natürlich sehr speziell war. Nach dem offiziellen Teil gings am Freitagabend im engsten Kreis dann noch in ein Restaurant zum Nachtessen.

Wie lange waren Sie in Rio und welche Eindrücke sind geblieben?

Knapp drei Wochen, ich bin am 1. August geflogen und kam am 18. zurück. Es herrscht ein wahnsinniger Gigantismus an den Olympischen Spielen. Alles war einfach enorm gross. Das olympische Dorf bestand aus dreissig Wohnblöcken für knapp 12'000 Athleten. Das Essenszelt hatte eine Grösse von knapp 300 auf 100 Meter. Auch das Fitnessstudio war riesig, damit wirklich alle Athleten oder auch Teams optimal trainieren konnten. Dementsprechend streng waren auch die Sicherheitsvorkehrungen. Über dem Dorf kreiste permanent ein Helikopter, überall standen Patrouillen und bei den Eingängen gab es Sicherheitskontrollen wie am Flughafen. Das ist einerseits verständlich, es hat aber schon auch genervt, wenn man an einem Tag drei-, viermal kontrolliert wurde.

Blieb neben Ihren Wettkämpfen noch etwas Zeit, um die Stadt zu erkunden oder andere Sportarten anzusehen?

Bis zu meinen Wettkämpfen beschäftigte ich mich ausschliesslich mit dem Training und der Vorbereitung. Nach meinem letzten Einsatz schlief ich zuerst 16 Stunden am Stück, weil ich völlig am Ende mit den Kräften war. Dann blieben mir nur noch knapp drei Tage. Ich habe mir ein paar Leichtathletik-Wettkämpfe angesehen sowie ein Basketball-Spiel, einen Boxkampf und ein bisschen Synchronschwimmen. Also eher Sportarten, die ich sonst nicht so verfolge.

Sie sind auf Selfie-Jagd gegangen?

Nein, ich bin ja selber ein Sportler (lacht). Zuerst war es natürlich speziell, als mir im «Village» plötzlich Michael Phelps entgegenkam oder im Fitnesscenter Novak Djokovic auf dem Laufband neben mir trainierte. Da hatte ich anfangs schon weiche Knie, weil ich diese Sportler nur aus dem Fernsehen kannte, nun traf ich sie plötzlich in der Realität. Doch nach ein paar Tagen realisierte ich, dass ich dazugehöre und im gleichen Boot sitze wie die Weltstars.

Die brasilianischen Zuschauer haben sich nicht gerade als die fairsten geoutet, das wurde zum Beispiel im Beachvolleyball offensichtlich. Wie wars beim Schiessen, gabs Buhrufe?

Der olympische Gedanke ist bei den Brasilianern tatsächlich nicht angekommen (lacht). Bei den Schiess-Wettkämpfen wars während der Qualifikation ruhig im Stadion, im Final herrschte dann aber der pure Karneval. Doch darauf kann man sich einstellen, und es macht viel mehr Spass, wenn das Publikum so richtig mitgeht.

Trotz guter Resultate verpassten Sie den Final in beiden Wettbewerben (Liegend- und Dreistellungsmatch). Wie sieht Ihr Fazit aus?

Ich war schon ziemlich enttäuscht, dass es für keinen Final gereicht hat. Noch mehr habe ich mich aber genervt. Wenn ich im Dreistellungsmatch hundertprozentig leistungsfähig gewesen wäre, hätte ich es wohl unter die besten acht Schützen geschafft.

Was ist passiert?

Ich habe mir eine Grippe eingefangen, wahrscheinlich von der Klimaanlage. Meine Stirnhöhlen waren entzündet, und ich hatte heftige Kopfschmerzen, das hatte ich vorher noch nie. Das Hauptproblem war aber die Nase. Ich konnte nicht mehr richtig atmen, was beim Schiessen ein riesiger Nachteil ist. Trotzdem war ich wie schon im Liegendmatch auf Finalkurs. Am Schluss kam aber der Hammer. Ich konnte mich nicht mehr richtig konzentrieren, hatte keine Stabilität mehr und dann wurde es auch mit der Zeit eng, da ich zwischendurch längere Pausen benötigte.

Der immer noch etwas grippegeschwächte Sportschütze Jan Lochbihler bei seinem Empfang in Holderbank.

Der immer noch etwas grippegeschwächte Sportschütze Jan Lochbihler bei seinem Empfang in Holderbank.

Im Liegendmatch zwei Tage vorher war es noch knapper, als Sie den Final als 14. verpassten. Können Sie trotzdem auch positive Aspekte mitnehmen?

Ja, definitiv. Meine Vorbereitung war gut, das Niveau und meine Form hätten genau auf den Tag X gepasst. Klar ist es ärgerlich, wenn der Körper am wichtigsten Tag des Lebens nicht mitmacht. Doch ich habe an beiden Wettkämpfen bewiesen, dass ich mich vor der Weltspitze nicht verstecken muss. Einen richtigen Taucher habe ich nicht eingezogen.

Was steht bei Ihnen in den nächsten Wochen an?

Diese Woche habe ich Ferien, muss im Büro noch einiges abarbeiten: Zum Beispiel den neuen Trainings- und Wettkampfplan zusammenstellen oder auch Dankesbriefe an die Sponsoren und Helfer verschicken. Zudem werde ich sicher ein bisschen Sport treiben. Aber nicht Schiessen, eher Radfahren, um auf andere Gedanken zu kommen. In drei Wochen werde ich dann noch an den Schweizer Meisterschaften teilnehmen. Und ab dem 1. Oktober beginnt meine «Lebensumschulung» in Magglingen, wo ich mich als Profi voll aufs Schiessen konzentrieren kann. Meine Stelle als Bodenleger habe ich bereits gekündigt.