Während andere in seinem Alter über jenste Gebrechen jammern, scheint Georg Schellenberg ewig fit. Der 70-Jährige trumpfte zuletzt an der Leichtathletik-Weltmeisterschaft in Sacramento auf. Er erreichte über 800m den vierten Platz. Aber damit gibt er sich nicht zufrieden. «Mein Ziel ist es, am nächsten grossen Wettkampf im kommenden Jahr eine Medaille zu holen, entweder auf 800m oder auf 1500 m. Ich musste an der WM feststellen, dass immer noch einige besser sind als ich», sagt der Oensinger lachend. Trotz Verfehlen von Edelmetall blickt der erfahrene Läufer positiv auf die Meisterschaft zurück. «Die Stimmung war toll, wie eigentlich immer in Amerika. Dort herrscht eine ganz andere Mentalität.»

Aufgrund seines Ziels will er ab dem 1. Oktober wieder täglich trainieren und vermehrt an kleinere Wettkämpfe gehen. «Ich habe gemerkt, dass ich zu wenig an Wettkämpfe gehe, das Drängeln am Anfang und das Leiden zwischendurch, habe ich etwas verlernt.»

Faszination Laufsport

Aber was ist die grosse Faszination, dass jemand sich noch im Alter derart für eine Sportart aufopfert, ja zum Teil gar schindet? Für den Sportler bedeutet Mittelstrecken zu laufen überhaupt keine Schinderei, es sei eine Herausforderung. «Für mich ist es immer wieder spannend, an meine Grenzen zu kommen. Auch nach
50 Jahren Leichtathletik und Laufsport gefällt es mir wie am ersten Tag.» Auch an den Wettkämpfen erfährt der Solothurner immer wieder grosse Unterstützung, vor allem vom Publikum. «Es scheint schon eine Leistung zu sei, mit 70 Jahren noch mitzurennen», meint er bescheiden. Aber Schellenberg läuft nicht nur mit, nein, er rennt ehrgeizig um die Podestplätze.

Sportlicher und beruflicher Fleiss

So ist ihm auch noch nie der Gedanke gekommen, aufzuhören: «Laufen gehört zu meinem Leben. Ich kann mir einen Sonntag ohne Trainingseinheit gar nicht vorstellen.» Das Mitglied des Gemeinde- rats scheint den Druck und die Herausforderung zu lieben, um nicht zu sagen, dass er sie sogar sucht. Denn nicht nur in sportlichen Dingen steckt sich, der aus dem Gäu stammende Athlet hohe Ziele. Auch in beruflichen Angelegenheiten ist er ambitioniert. Anstatt sich nur noch um die Mittelstrecken zu kümmern und beruflich in den Ruhestand zu treten, ist der gebürtige Schaffhauser in Oensingen im Gemeinderat. «Manchmal ist es schon etwas viel, aber es muss einfach etwas los sein. Einen gewissen Druck brauche ich.» Man merkt, die Batterien des 70-Jährigen scheinen nie leer zu sein. Und wenn Schellenberg genau so fleissig weitertrainiert, wird er sicherlich auch die gewünschte Medaille im nächsten Jahr mit nach Hause nehmen können und sie dann zu den anderen hängen.