Die Szene hatte Symbolcharakter. Kevin Schläpfer steht nach dem geschafften Klassenerhalt vor der Bieler Fankurve. Verneigt sich, ringt mit den Tränen. Soeben hat er mit seiner Mannschaft den Super-GAU abgewendet. Gegen den NLB-Sieger Visp, auf dem Blatt der klare Aussenseiter der Serie. Für Kevin Schläpfer wäre mit einem Abstieg eine Welt zusammengebrochen. Sportlich, emotional, existenziell. Der EHC Biel ist für ihn längst nicht nur ein Verein mehr, sondern sein Leben. Braucht jemand Hilfe, ist Schläpfer zur Stelle. Ein «Mädchen» für alles, eine Identifikationsfigur für einen ganzen Verein – ja eine ganze Region. «Der Klub ist in meinem Kopf immer präsent, auch nach den Spielen. Und in einer solch extremen Phase ganz besonders», sagt der Sissacher.

Fragen über Fragen

Schläpfer hinterfragte in dieser Saison einiges, aber vor allem seine Person. Stimmt meine Taktik? Kann ich die Mannschaft noch motivieren? «Ja, es gab Momente in denen ich gezweifelt habe. Am Ligaerhalt und besonders an mir selber», gibt er unumwunden zu. Der Vorstand und die Fans haben immer zu ihm gehalten, wussten, mit ihrem Coach gehen sie bis ans bittere Ende. «Ich hätte es vollends verstanden, wenn die Mannschaft neue Impulse gebraucht hätte», sagt Schläpfer.

Es fehlt noch an Qualität

Am Ende ging alles gut. Tief durchatmen. Dass es überhaupt so weit kommen konnte, lässt sich an mehreren Faktoren festmachen. 20 Spiele haben die Seeländer in der Qualifikation mit einem Tor Unterschied verloren. «Pech war sicher ein Grund», sagt der 44-Jährige. Aber das soll keinesfalls als Entschuldigung gelten. An was es grundsätzlich fehlte, waren Cleverness und Qualität. «Entweder man hat Tore schiessen im Blut oder nicht», meint Schläpfer. Bei Biel war dieses Manko zu oft ein entscheidender Nachteil, so dass die angestrebten Playoffs deutlich verpasst wurden. Für Schläpfer das erste Mal, dass er sein persönliches Saisonziel nicht erreichte. Jetzt sollen die Lehren gezogen werden. «Es war letztlich auch eine interessante Zeit, aus der man viel mitnehmen kann».

Natürlich ist die Ausgangslage für den EHC Biel von Saison zu Saison nicht einfach. Mit einem Budget von gut 10 Millionen Franken können keine Heldentaten vorausgesetzt werden. Dass die Bieler unter Schläpfer zuletzt zwei Mal in den Playoffs standen, hat die Erwartungshaltung der Fans zusätzlich nach oben geschraubt. Ein Dauerdruck für den gesamten Klub.

Neues Stadion, neue Mittel

«Scheiden Davos oder die ZSC Lions in den Playoffs aus, ist man vereinsintern natürlich enttäuscht. Wären wir aber abgestiegen, wäre unsere Existenz auf dem Spiel gestanden». Budget-Reduktion auf ein paar wenige Millionen, unzählige Entlassungen. Ein Schock, von dem sich Biel über die Jahre nur ganz, ganz langsam erholt hätte.

Stadion als zusätzlicher Druck

Kommt hinzu: Ab der Saison 2015 wird das neue Eisstadion in Biel bezugsbereit sein. Ein Projekt, das bei ähnlicher Auslastung wie jetzt, einen Mehrwert von zwei Millionen Franken generieren würde. «Wir müssen bis zur Eröffnung zwingend in der NLA bleiben, das ist oberste Pflicht», gibt Schläpfer die Richtung vor. Um diese Pflicht zu erfüllen, will man auf die kommende Saison hin vor allem eines verbessern: die Verpflichtung von starken Ausländern. Kurz: Eine optimale Ausschöpfung der vorhandenen Ressourcen. Jüngst sagte Schläpfer, es sei der grösste Fehler seiner Karriere gewesen, dass er sich zu Beginn der Saison zu wenig energisch für einen fünften Ausländer eingesetzt habe. Aus den Erfahrungen und Leiden dieser Spielzeit könnte Schläpfer wohl eine ganze Saga schreiben. Beim EHC Biel wäre man in Zukunft bereits mit positiven Schlagzeilen zufrieden.