Keine Wettkämpfe

Kanutin Melanie Mathys: «Es hätte meine letzte Saison sein sollen»

Die Solothurnerin Melanie Mathys ist amtierende Europameisterin über die klassische Distanz.

Die Solothurnerin Melanie Mathys ist amtierende Europameisterin über die klassische Distanz.

Die Solothurner Kanutin Melanie Mathys wollte nächste Woche bei den Weltmeisterschaften in den USA um Gold kämpfen. Stattdessen droht der 26-jährigen, mehrfachen Gesamtweltcupsiegerin eine Saison ohne Wettkämpfe.

2009 setzte Melanie Mathys das erste Ausrufezeichen der Karriere, als sie bei Weltmeisterschaften der Juniorinnen die Goldmedaille gewann. Seither holte die 26-jährige Solothurnerin jedes Jahr mindestens eine Medaille bei Welt- oder Europameisterschaften und gewann mehrmals den Gesamtweltcup.

Im vergangenen Jahr sicherte sie sich in Slowenien EM-Gold über die klassische Distanz und Silber im Sprint. Dieses Jahr, welches ihr letztes sein könnte im Weltcup, wird sie wohl leer ausgehen. Die Weltmeisterschaft ist abgesagt. Ob die Wettkämpfe im September nachgeholt werden können, ist fraglich.

Am Sonntag wäre Melanie Mathys in Atlanta gelandet. Am nächsten Montag hätte sie auf dem Fluss Nantahala das erste Rennen der Weltmeisterschaft 2020 bestritten. Dazwischen hätte sie genug Zeit gehabt, um sich den letzten Schliff für das grosse Ziel zu holen, endlich auch an einer Elite-WM zuoberst auf dem Podest zu stehen.

«Ich kenne die Strecke von der U23-WM 2015, als ich Gold und Bronze holte. Sie würde mir liegen», sagt sie. «Wie gut ich aktuell in Form gewesen wäre, ist schwierig zu sagen. Ich habe im Herbst sehr gut im Grundlagenbereich gearbeitet – mit vielen längeren Einheiten von bis zu zwei Stunden. Von daher war ich wohl nicht so schlecht drin.»

Melanie Mathys

Melanie Mathys

Keine Saisonpause und den ganzen Winter geschuftet

Im November und im Januar herrschte noch Normalzustand. Mathys absolvierte zum Saisonauftakt die ersten zwei Läufe des Wintercups in Solothurn und Basel; der dritte vom 1. März konnte schon nicht mehr durchgeführt werden. Das ganze Ausmass war aber noch immer nicht abzuschätzen: «Als kurz darauf auch das erste internationale Rennen in Deutschland abgesagt wurde, fand ich es sehr schade, ohne internationalen Vergleich an die WM zu reisen.»

Zwei Tage später kam das Einreiseverbot der USA, die WM wurde abgesagt. «Im September war die Sprint-WM. Danach begann sofort die Vorbereitung für die neue Saison», blickt Mathys zurück. Sechs Monate schuftete sie an ihrer Form. Jede Woche standen ein Dutzend Trainingseinheiten in ihrer Agenda. Auf dem Wasser, im Kraftraum oder beim Konditionstraining. «Das war schon ein bisschen für die Katz», sagt Mathys.

Harter Wiedereinstieg nach einer zweiwöchigen Pause

Nachdem klar war, dass bis auf weiteres keine Rennen stattfinden, legte sie im März eine zweiwöchige Trainingspause ein, um sich auf ihre Masterarbeit in ­Betriebswirtschaft zu konzentrieren. «Es hat sich gelohnt, sie ist gut rausgekommen», sagt Mathys glücklich. Hart war dann der Wiedereinstieg ins Training Anfang April. «Ich merkte, dass ich zwei Wochen kaum etwas gemacht hatte», sagt sie.

Mathys startete mit «nur» einem Training pro Tag, nun sind es bereits wieder zwei Einheiten täglich. «Ohne ein konkretes Ziel vor Augen ist das mit der Motivation viel schwieriger», sagt Mathys. Insbesondere bei Trainings wie am Montag: «Bei heftiger Bise überlege ich mir schon, dass ich jetzt gemütlich zu Hause sein könnte, statt auf der Aare meine Kilometer zu drehen.»

Zudem kann sie momentan nur mit ihren Ersatzbooten trainieren. Die für den Wettkampf sind seit Beginn des Lockdown in einem Container in Genua eingeschlossen. «Zum Glück konnten wir sie stoppen, bevor sie aufs Schiff gingen», ist ­Mathys froh. Die Lagerung der Boote muss sie trotzdem bezahlen. Ansonsten kam sie, was das Finanzielle angeht, einigermassen glimpflich davon: «Bei den Flügen in die USA, die bereits gebucht waren, sind wir am Verhandeln. Das Geld für die Unterkunft vor Ort haben wir bereits zurückbekommen.»

Eine ganze Saison lang nur trainieren – ohne Rennen?

Wegen Corona muss Melanie Mathys derzeit alleine auf dem Wasser trainieren. In Sachen Krafttraining muss sie zu Hause improvisieren. Nicht nur deshalb zweifelt sie, ob sich der Aufwand überhaupt noch lohnt. «Es hätte meine letzte Saison sein sollen», verrät sie. «Jetzt findet bis Mitte August international sicher kein Wettkampf mehr statt. Im September wäre dann das letzte Weltcuprennen.»

An diesem will sie definitiv teilnehmen, wenn es denn überhaupt stattfindet. Es gäbe leise Stimmen, dass dieser Weltcup in eine Weltmeisterschaft umgewandelt würde, sagt Mathys: «Darauf würde ich gezielt hintrainieren, dann aber nächste Saison wohl nicht mehr fahren.»

Wenn keine WM mehr stattfindet dieses Jahr, könnte sich ihr Karriereende um ein Jahr verschieben. «Ich würde schon gerne noch eine Saison mit WM oder EM machen. Aber es ist gerade eine schwierige Phase. Ob ich ein Jahr nur trainieren will, ohne die Rennen als Highlights, muss ich mir überlegen.»

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Autor

Raphael Wermelinger

Raphael Wermelinger

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