Fussball
Junioren sollen Rolle des Schiedsrichters selbst durchleben

Heinz Hohl, Präsident des FC Attiswil, hat vor gut zehn Jahren mit dem Pilotprojekt «be Tolerant» eine innovative Spielform lanciert. Die Reaktionen der acht B-Junioren-Teams aus der Region sind positiv.

Jonas Burch
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Die Spieler erleben die Schiedsrichter-Rolle hautnah.

Die Spieler erleben die Schiedsrichter-Rolle hautnah.

Marcel Bieri

Vieles lief unter dem Radar. Ohne grosse Werbung. Ohne grosses Aufsehen. Einzig die leuchtgrünen Fähnchen bei der Anfahrt zeigten ansatzweise an, dass auf dem Attiswiler Lindenrain Hochbetrieb herrschen könnte. Anlass war das Pilotprojekt «be Tolerant», welches Heinz Hohl, Präsident des FC Attiswil, vor gut zehn Jahren ins Leben gerufen hat (siehe Kontext). Mit grossem Erfolg.

Wahrscheinlich erlebte Attiswil – oder überhaupt ein Schweizer Klub – noch nie einen solchen Andrang an Fussball-Prominenz. Alex Miescher (SFV-Generalsekretär), Claudio Circhetta (Ex-Fifa-Schiedsrichter) oder Beat Arnet (Abteilungsleiter Präventionsdienste der Suva) gaben sich im urchigen Klubhaus die Klinke in die Hand.

Be tolerant: Spieler als Schiedsrichter

Vor gut zehn Jahren hat der FC Attiswil das Fairnessprogramm «be Tolerant» konzipiert und zusammen mit dem Schweizerischen Fussballverband und den 13 Regionalverbänden in die ganze Schweiz ausgebreitet. Das Ziel des Projekts ist es, den Jugendlichen eine Möglichkeit zu bieten, die Rolle des Schiedsrichters selber durchleben zu können. In Sequenzen von 14 Minuten durften die B-Junioren - beim Pilotprojekt wurden 4 x 14 Minuten gespielt - ein Spiel selber leiten. Vor zwei Jahren hat die Suva den SFV beauftragt, die Initiative zu modernisieren und in eine attraktive und zeitgemässe Form zu bringen. Diese neue Spielform wurde am 21. September in Attiswil erstmals schweizweit erprobt und durchgeführt. Künftig soll die überarbeitete Spielform ab 2014 nochmals in die Schweiz exportiert und langsam etabliert werden. (JBU)

Sie alle sind Teil dieses Projekts, dieser Idee von Heinz Hohl. «Dieser Rollenaustausch zwischen Schiedsrichter und Spieler ist unbezahlbar», nimmt der ehemaliger Spitzenschiedsrichter Claudio Circhetta vorweg. «In der Gesellschaft herrscht noch immer das Bild, das Schiedsrichter keine Fehler machen dürfen. Doch jede Liga bekommt den Referee, den sie auch verdient», weiss Circhetta, der im Projekt für das Schiedsrichterwesen verantwortlich ist.

Probleme im Verein

Initiator Heinz Hohl mutet es noch immer sonderbar an, wenn solche Grössen im Klubhaus über die Vorzüge seines Projektes sprechen. «Ich hätte nie gedacht, dass diese Idee solche Wellen schlagen würde». Vor zehn Jahren hat der Präsident das Fairness-Programm lanciert. «Wir hatten im Verein oft Probleme mit den Junioren.

Viele haben immer wieder mit dem Schiedsrichter diskutiert und reklamiert. Da wurde mir klar, es muss etwas passieren.» Nach anfänglichem Erfolg mit dem Projekt flachte die Euphorie allmählich ab. Mit der Unterstützung der Suva wurde das Konzept in Attiswil nun neu lanciert. «Es geht in erster Linie nicht darum, dass diese Spielform meisterschaftstauglich wird, sondern dass die Fussballer im Jugendalter zum Thema Schiedsrichter sensibilisiert werden», hofft Hohl.

Positive Reaktionen

Die Reaktionen der «Versuchskaninchen» – acht B-Junioren-Teams aus der Region – sind positiv. «Ich habe früher oft mit dem Schiedsrichter gehadert. Als ich das Amt selber übernehmen musste, wurden mir die Augen geöffnet», zeigt sich Dylan Polichetti vom U.S. Oltenese einsichtig.

Wie viele andere Spieler stand er für 14 Minuten nicht als Spieler, sondern als Schiedsrichter auf dem Platz. «Ich habe sogar einen Penalty gegen meine Mannschaft gepfiffen», sagt Polichetti weiter. Es sind genau diese Erfahrungen, welche die Spieler zu einem Umdenken bewegen sollen.

Fortsetzung als Erlebnistag

Wohin der Weg des Projektes führen wird, zeigt sich in den nächsten Monaten. Die Begeisterung ist jedenfalls rundum zu spüren. «Meine Vision ist es, dass sich Spieler und Schiedsrichter nach der Partie im Klubhaus treffen können. Ohne Probleme und Anschuldigungen. Dafür dient diese Idee als perfekte Grundlage», sagt auch Alex Miescher.

Ab 2014 soll die Idee schweizweit eingeführt werden. Nicht als Teil der Meisterschaft, «sondern als Erlebnistag. Wenn sich an einem solchen Tag alles um das Thema Schiedsrichter dreht, ist die Chance auf einen positiven Effekt am grössten», blickt Heinz Hohl voraus.

Neben dem normalen Spielbetrieb sollen zusätzliche Posten rund um die Rolle des Schiedsrichters einen weiteren Einblick verschaffen. Mit dem Pilotprojekt wurde nochmals ein Grundstein gelegt. In Attiswil spricht man aber lieber von einer «Innovation» als einer «Revolution».