Es ist ein ganz wichtiger Schritt in seiner Karriere, womöglich der entscheidende für den grossen Durchbruch. Der 24-jährige Holderbanker Jan Lochbihler wird schon bald Profi-Schütze. Dies dank der neuen Strategie des Schweizer Schiesssportverbands (SSV) im Spitzensport. Der SSV hat im Nationalen Leistungszentrum in Magglingen Trainingsplätze für die drei grössten Nachwuchshoffnungen im Schiesssport geschaffen.

Nina Christen, Petra Lustenberger und Jan Lochbihler heissen die Auserwählten. «Dass ich einen der drei Plätze bekommen habe, ist für mich wie ein Gourmet-Menü», freut sich Lochbihler. Keine fünf Sekunden habe er mit seiner Bewerbung gezögert, als er von den neuen Möglichkeiten erfahren habe. «Trotz der Reduktion auf 80 Prozent im Geschäft habe ich mich im letzten Jahr kaputtgemacht», begründet er.

«Ich war nur noch am Krampfen oder Trainieren. Mir fehlten die nötigen Erholungsphasen.» Sein Fazit daraus: «Es muss sich etwas ändern, sonst werde ich nie mein ganzes Potenzial ausschöpfen können.»

Auf Welttournee

Der Umzug nach Magglingen steht zwar erst im Herbst an, doch Lochbihler fühlt sich jetzt schon wie ein Profi. Im Moment kann er den stressigen Lebensstil noch geniessen. Zwischen Januar und April absolvierte er nicht weniger als sechs jeweils fünftägige Trainingslager mit dem Schweizer Nationalkader. Dazu bestritt er in diesem Jahr drei internationale Wettkämpfe in Dortmund, Rio und Pilsen. «Auch im Mai bin ich praktisch die ganze Zeit auf Tournee. Ich arbeite nur etwa drei Tage in diesem Monat.»

Der Bodenleger ist immer noch 80 Prozent bei der Scherrer AG in Hägendorf angestellt. 40 Prozent der Lohnkosten übernimmt das Militär, wodurch Lochbihlers sowieso schon flexibler Arbeitgeber weiter entlastet wird. «Ich habe im Jahr 130 Tage vom Militär zugute, die ich für Trainingsblöcke und Wettkämpfe einziehen kann», erklärt der Holderbanker.

Zusätzliche Unterstützung erhält Lochbihler vom Schweizer Schiesssportverband. Der SSV kommt grösstenteils für die Kosten auf, die durch den Sport entstehen. «Die Startgelder, die Reise und die Unterkunft werden vom Verband übernommen, ich bezahle eigentlich nur das Futter, wenn ich unterwegs bin», so Lochbihler.

Tokio 2020 oder doch schon Rio?

Mit den bisher abgelieferten Resultaten im laufenden Kalenderjahr zeigt sich Jan Lochbihler sehr zufrieden. In Dortmund wurde er Zweiter im Liegend- und Sechster im Dreistellungsmatch (liegend, kniend und stehend).

Am Weltcup-Schiessen in Brasilien, wo Ende April die gesamte Weltelite am Start war, verpasste Lochbihler in beiden Disziplinen den Final nur hauchdünn als Elfter. Rückblickend spricht er von sehr schwierigen Bedingungen auf der Anlage in Rio, auf der im August die Olympischen Wettkämpfe ausgetragen werden: «Für die meisten Teilnehmer war es der erste Testlauf für die Olympischen Spiele, die Leistungsdichte war deshalb extrem hoch. Sehr schwierig waren zudem die Wetterverhältnisse.

Bei 35 Grad fühlt man sich wie ein wandelnder Dampfkochtopf.» Letzte Woche bewies Lochbihler in Tschechien erneut, dass er bereits jetzt mit den weltweit Besten des Fachs mithalten kann. Am GP von Pilsen schrammte Lochbihler im Liegendmatch als Vierter nur knapp an einem Podestplatz vorbei. In rund fünf Monaten, ab Oktober 2016 beginnt für Jan Lochbihler im Leistungszentrum in Magglingen die Mission Tokio 2020. «Die Olympischen Spiele sind mein ganz grosses Ziel. Im Moment stufe ich meine Chancen auf eine Teilnahme als sehr realistisch ein», wägt er ab. Und sein Olympia-Traum könnte schon viel früher Realität werden. Denn die Schweiz hat für die Spiele in Rio drei Quotenplätze, die sich allesamt die Schützinnen geholt hatten.

Nun hat Swiss Olympics in Absprache mit dem SSV entschieden, dass einer der drei Plätze an die Männer übertragen wird. So befindet sich Lochbihler jetzt plötzlich im Olympia-Fieber. Ist er denn der beste Schütze der Schweiz? «Kein Kommentar», sagt Lochbihler. Sein anschliessendes Lachen klingt aber überzeugt. Für die Ausscheidung zählen die Weltcup-Schiessen von Bangkok, Rio und München.

Auf den Start in Thailand hatte er verzichtet, in Rio war er Elfter, jetzt brauchts in München wohl nochmals eine Steigerung. Mit einem Podestplatz wäre Lochbihler das Olympia-Ticket kaum mehr zu nehmen. Das Weltcup-Schiessen in München findet vom 18. bis 25. Mai statt, Ende Mai wird Swiss Olympics die Nominationen für Rio 2016 herausgeben.