Grenchen

Italgrenchen ist wegen der Squadra Azzurra aus dem Häuschen

Die Italiener leiden mit der «Squadra Azzurra» mit. Elia Diehl

Die Italiener leiden mit der «Squadra Azzurra» mit. Elia Diehl

Ein Grenchner Italo-Fussballklub verfolgte die Partie Italien – Kroatien vor dem eigenen Klubhaus. Die Mitglieder durchlebten dabei Höhen und Tiefen - je nach dem, wie das Spiel verläuft.

Es ist eine gemütliche und familiäre Runde, die sich beim Klubhaus von Italgrenchen versammelt hat. Der TV steht draussen, man sitzt in der Abendsonne, als die zweite EM-Partie Italiens angepfiffen wird. Francesco Cilingo Wirt des Klublokals, wandelt zwischen den Tischen und versorgt alle Anwesenden mit Getränken. Er ist begnadeter Schauspieler und hat schon mit Bruno Ganz gespielt, was Bilder im Lokal offenbaren. Für das EM-Spiel der Azzurri mit Besuch von der Zeitung hat Francesco extra noch über 40 SMS verschickt, um die Vereinsmitglieder trotz Saisonende zum Klubhaus zu locken.

In der Startviertelstunde kommt nur gelegentlich Spannung auf, Balotelli weiss, wie schon gegen Spanien, nicht wohin mit dem Ball. Der Stürmer von Manchester City findet bei den Grenchner Tifosi keine Sympathien, zu enttäuschend ist die Leistung des vorlauten 21-Jährigen. So werden Rufe nach «Sant’Antonio» (Cassano) laut. Doch auch dieser bleibt nach wie vor ohne Glanz, nach seiner Herz-OP vor sieben Monaten ist er noch nicht wieder der Alte. Junioren-Obmann Franco Palermo wirft in die Runde: «Di Natale ist der Einzige, der Tore schiessen kann.»

Kurz danach aber die ersten Aufschreie: «Mamma mia!» Marchisio jagt aus 16 Metern ein Geschoss nur knapp über die Querlatte. Dabei bleibt es dann vorläufig auch. Nach einer Viertelstunde stöhnt Palermo: «Das Spiel ist schlaff», taktisch sei Italien aber durchaus gut eingestellt. Michele Margotta, der für die Senioren des 50 Jahre alt werdenden Vereins aufläuft, pflichtet ihm bei: «Italien macht 70 Prozent des Spiels.» Die Atmosphäre vor dem Klubhäuschen ist entsprechend dem Spielverlauf noch ohne Hektik und Aufregung.

Zu Gast im Klubhaus von Italgrenchen zur EM-Partie Italien gegen Kroatien.

Zu Gast im Klubhaus von Italgrenchen zur EM-Partie Italien gegen Kroatien.

Micheles kleine Tochter Nina beginnt derweil das Portemonnaie ihrer Mutter zu leeren und zeigt ringsum Fotos ihres Vaters. Dann beginnt sie Karten und Ausweise zu verteilen. Das trägt zur allgemeinen Erheiterung bei, denn das Spiel lässt ab der zwanzigsten Minute Unzufriedenheit aufkeimen.

Kroatien kommt mehr ins Spiel und beginnt Druck zu machen. Mit Marchisios hochkarätiger Doppelchance in der 38. Minute weht der Wind wieder in die andere Richtung. Der Ball will aber nicht an dem kroatischen Torhüter vorbei. Beim Klubhaus kommt enthusiastische Stimmung auf, erst recht, als Andrea Pirlo eine Minute später sich den Ball für einen Freistoss von der linken Strafraumgrenze zurechtlegt.

Fenchel-Bratwürste vom Grill

Eben gerade die Videokamera auf die Grenchner Tifosi gerichtet, schaut auch der Gast von der Zeitung gebannt auf den Bildschirm. Der erste Treffer der Partie wird von Sprüngen und Jubelschreien der Ital-Mitglieder begleitet, die filmisch eingefangen wurden.

In der Pause bringt Francesco leckere Fenchel-Bratwürste vom Grill. Die Frage nach den Namen der Anwesenden bringt drei Palermos an den Tag. «Die Senioren von Italgrenchen sind gar mal mit neun Palermos aufgelaufen», verrät Franco daraufhin, die meisten seien um viele Ecken verwandt.

«Balotelli war nix!»

Kroatien kommt besser aus der Kabine und drückt auf das italienische Tor. «Die spielen wirklich besser jetzt», analysiert Franco. In der 69. Minute wechselt Azzurri-Coach Prandelli den sehnlichst erwarteten Di Natale für Balotelli ein. Aufatmen geht durch die Runde: «Endlich! Balotelli war nix!»

Im Gegensatz zum Spanien-Spiel bringt Di Natale Italien aber kein Glück und Kroatien gleicht kurz danach aus. Die Italgrenchner können es nicht fassen, sind aber noch optimistisch, dass der Eingewechselte zum 2:1 treffen wird. Doch bei Italien ist die Luft raus. «Das sind Senioren, die spielen doch nur 80 Minuten», ruft einer. Zehn Minuten vor Spielende regt sich Michele Margotta auf: «Das ist immer so! Die lassen sich jedes Mal zurückfallen.»

Deswegen habe es auch den Ausgleich gegeben kommt postwendend als Antwort. Nach dem Schlusspfiff wird diskutiert, wie Italien das Viertelfinale noch packen könnte. Man ist sich uneins. Der junge Alessio Palermo, einziger im Azzurri-Trikot, hat den Glauben bereits verloren und braust frustriert als Erster auf seinem Roller von dannen.

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