In der Krise
Warum Langenthal zum ersten Mal seit 10 Jahren mit Fracksausen einem Derby gegen den EHC Olten entgegen sieht

Seit der 0:2-Derbyniederlage gegen den EHC Olten am 25. September hat der SC Langenthal in neun Spielen nur zwei Mal gewonnen. Das treibt Sportchef Kevin Schläpfer in die Kabine - und er sagt: «Ich rede unserem Trainer nicht drein. Das wäre der grösste Fehler.»

Klaus Zaugg
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Sinnbildlich für die aktuelle Situation der beiden Teams: Oltens Garry Nunn ist Langenthals Luca Christen einen Schritt voraus.

Sinnbildlich für die aktuelle Situation der beiden Teams: Oltens Garry Nunn ist Langenthals Luca Christen einen Schritt voraus.

Marc Schumacher / freshfocus

Im März 2019 wird Kevin Schläpfer Sportchef beim SC Langenthal. Der einstige «Hockey-Gott» von Biel ist nach einem gescheiterten Zwischenspiel bei Kloten in der Hockey-Provinz gelandet. Wobei: Langenthal ist 2019 nach 2012 und 2017 erneut Meister der Swiss League geworden und verzichtet freiwillig auf die Liga-Qualifikation gegen die Lakers. Weil das Stadion lottert. Heute sind die Langenthaler von einem neuen Stadion weiter weg als von einer Aufnahme in die NHL. Provinz. Kevin Schläpfer begehrt auf:

«Provinz? Sicher nicht. Langenthal ist eine gute Adresse! Ich habe hier meine Karriere als Spieler beendet und viele gute Leute kennen gelernt. Mit guten Leuten arbeiten zu können ist entscheidend für mich, egal, ob auf der grossen oder der kleinen Bühne.»

Nun rockt es auch auf der kleinen Bühne. Langenthal ist inzwischen nach der Heim-Niederlage gegen die GCK Lions (!) auf den 8. Platz abgerutscht. Selbst Präsident Gian Kämpf kann sich an eine solche Krise nicht erinnern. Er ist eine gefühlte Ewigkeit dabei, wechselte 2006 nach seinem Rücktritt als Spieler in Langenthal in die Geschäftsführung und nun ist er seit 2019 Präsident.

«Ich muss jetzt bei der Mannschaft sein»

Die Krise treibt Kevin Schläpfer um. Einer wie er mag in struben Zeiten nicht im Büro sitzen. Das mag eine Episode ­illustrieren. Kürzlich ist er gefragt worden, ob er nun in der Kabine zum Rechten schaue. Er weist eine Einmischung in die Arbeit von Jeff Campbell, den er vom Spieler und Assistenten zum Cheftrainer befördert hat, klafterweit von sich:

«Ja, ich gehe in die Garderobe. Aber nur, um kurz zu grüssen. Ich rede unserem Trainer nicht drein. Das wäre der grösste Fehler. Dann würde ich ihm Autorität wegnehmen. Das wäre das Ende des Trainers.»

Ein schöner Vorsatz. Aber nicht einfach zu leben. Kevin Schläpfer hat kürzlich mit einem Kollegen am Vormittag zum Kaffee abgemacht. Er sagt das Treffen telefonisch kurzfristig ab: «Ich muss jetzt bei der Mannschaft sein. Du verstehst schon, oder?»

Ja, natürlich versteht der Kollege. Die Spieler brauchen in schweren Zeiten die Nähe des Sportchefs in der Kabine. Aber natürlich redet er dem Trainer nicht drein. Oder noch nicht? Erstmals seit der letzten Meisterfeier von 2019 rockt es nicht mehr auf der Langenthaler Hockeybühne und auf dem «Planet Schläpfer».

Jeff Campbell in der vergangenen Saison.

Jeff Campbell in der vergangenen Saison.

Urs Lindt / freshfocus

Mit erstaunlichem Geschick ist es Kevin Schläpfer gelungen, das Budget um mehr als 100000 Franken zu kürzen und trotzdem konkurrenzfähig zu bleiben. Einerseits hatte er Glück, dass der harte Kern der Mannschaft um den mittlerweile 37-jährigen Kult-Captain ­Stefan Tschannen intakt blieb und andererseits den Verstand, um mit Pascal Caminada einen starken Torhüter und mit Eero Elo den perfekten Ausländer zu finden: der freundliche Finne ist beliebt in der Stadt und in der Kabine und garantiert ein Tor in jedem zweiten Spiel. Mindestens. Dank den Treffern von Eero Elo und Stefan Tschannen und den Paraden von Pascal Caminada lebte Kevin Schläpfer als Sportchef wie auf einem Pony-Hof.

SCL-Torhüter Pascal Caminada wird mehr und mehr ein Lottergoalie.

SCL-Torhüter Pascal Caminada wird mehr und mehr ein Lottergoalie.

Marc Schumacher / freshfocus

«Er genügt nicht. Wir werden ihn nicht bis Saisonende behalten»

Aber nun ist Eero Elo nach drei Partien mit einem Handgelenkbruch ausgefallen und kehrt wohl erst im Januar zurück. Stefan Tschannen zwickt und schmerzt es da und dort und er hat erst 6 Partien bestritten. Aus Pascal Caminada wird mehr und mehr ein Lottergoalie. Was aber niemand sagen darf – sei Gott davor! – und Kevin Schläpfer aufs Energischste dementiert. Aber Caminadas Fangquote ist von über 91 auf unter 90 Prozent gesunken.

Nun sind die Langenthaler erstmals seit Menschengedenken aus der Spitzengruppe der Liga gefallen und haben das sonst so typische gesunde Selbstvertrauen verloren. Kommt dazu: der von Kevin Schläpfer als Ersatz für Eero Elo verpflichtete finnische Schillerfloh Roope Ranta (172 cm/72 kg) ist eine Nullnummer (7 Spiele/1 Tor). Was der Sportchef nicht bestreitet. «Er genügt nicht, wir werden ihn nicht bis Saisonende behalten.» So kommt es, dass Langenthal zum ersten Mal seit über 10 Jahren einem Derby gegen Olten nicht mit keckem Selbstvertrauen, sondern mit Fracksausen entgegenblickt.

Neuer CEO

Chatelain wird Geschäftsführer beim SC Langenthal

Der beim SC Bern gescheiterte Sportchef Alex Chatelain hat wieder einen Job. Er wird neuer Geschäftsführer beim SC Langenthal in der Swiss League. Dort wird er nach Anleitung von Präsident Gian Kampf getreulich die Administration führen. Eine kluge Wahl des machtbewussten SCL-Obmannes. Der Sport wird weiterhin von Sportchef Kevin Schläpfer geführt. (kza)

Heute Abend steigt der EHC Olten als haushoher Favorit ins Derby.

Heute Abend steigt der EHC Olten als haushoher Favorit ins Derby.

Marc Schumacher / freshfocus

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