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Im Stall geht es fast wie in einem Bienenhaus zu und her

In Genf setzt er andere Pferde aus seinem Gestüt ein.

In Genf setzt er andere Pferde aus seinem Gestüt ein.

Der Oensinger Pius Schwizer wird in Genf mit seiner zweiten Garde aufgaloppieren. Sein Lieblingspferd «Toulago» schont er noch. Nach einer nervösen WM im Fussballstadion von Caen gönnt er ihm eine verdiente Pause.

Es herrscht ein reges Kommen und Gehen im Stall von Schönwetter-Liebhaber Pius Schwizer. Junge, edle und vielversprechende Spitzenspringpferde drücken sich in Oensingen, im Gestüt des Weltklasse-Reiters, die Boxen-Verschlüsse in die Hufen. «Wenn die Reiterwelt auf Oensingen blickt, um zu verfolgen, was da geht und kommt, ist das doch ein gutes Zeichen», meint Schwizer. Wer es sich leisten kann, einen jungen Kracher – ein potenziell fliegendes Pferd also – zu halten, der ist heute in der Tat fast gezwungen, in Betracht zu ziehen, diesen vierbeinigen Schatz zumindest temporär in Oensingen bei Schwizer zu parkieren. Zwecks Praktikum quasi.

«An Anfragen von Besitzern, die mir ihre Pferde in Beritt zu geben gedenken, fehlt es mir nicht», sagt der 52-jährige Solothurner. So kamen und gingen in den letzten zwei Jahren fast ein Dutzend Rösser. Vier von ihnen werden oder wurden unterdessen von Olympiasiegern geritten: «Corbinia» ist im Beritt von Steve Guerdat, «Powerplay» bei Eric Lamaze, «Sixtin» wird von Ben Maher gesteuert und Uli Kirchhoff ritt die legendäre «Carlina». «Das Ganze macht mich eher stolz als traurig», sagt Schwizer. Selbst, wenn es für ihn nicht ganz so einfach wird, konstant auf höchstem Niveau zu reiten. Schliesslich hängt der Erfolg eines Reiters im Springsport oft an einem einzigen Ausnahmepferd. Ist der PS-starke «Hotto-Motor» einmal weg oder verkauft, dreht die Spirale nicht selten Richtung
Keller.

Nummer 18 der Welt

Nicht so bei Pius Schwizer. Hinter seiner unangefochtenen Nummer 1, Wallach Toulago, weiden derzeit rund ein halbes Dutzend jüngere und ältere Artgenossen des 9-jährigen Oldenburgers in der zweiten Reihe. «Viele von ihnen haben die Fähigkeit, schwerste Prüfungen zu gehen», sagt Schwizer. Das wiederum ermöglicht es ihm, seine Position unter den Top 30 der Welt zu halten. Schwizer ist aktuell die Nummer 18. Eine gute Klassierung ist wichtig, weil man nur so regelmässig zu den finanziell lukrativen Turnieren eingeladen wird. Wie etwa an den am Wochenende stattfindenden CHI in Genf. Der Hallen-Concours in der mit 5200 Quadratmeter grössten Arena der Welt zählt wie Aachen und Calgary zum «Rolex Grand Slam of Show Jumping». Entsprechend geht es dabei um fette Checks.

Toulago fliegt wieder

Schwizer wird in Genf wohl versuchen, sich mit «Armani the Gun», «Sibell» und «Chika’s Way» im Weltklassefeld zu behaupten. «Toulago» wird erst im Januar am CHI in Basel wieder durch die Atmosphäre segeln. «Nach der WM in Caen habe ich ihm eine ausgiebige Pause verordnet», sagt Schwizer. «Toulago» habe zwei Monate keinen Sattel mehr getragen und sei erst seit kurzem wieder im Training. «Jetzt geht er ab wie eine Bombe.» Wahrscheinlich wird man vor Schwizers Start in Basel noch nachvermessen müssen, ob die Decke in der St. Jakob Halle hoch genug hängt für ihn und seinen sprunggewaltigen Partner. «Er wird mein Pferd und lässt mich meine verkauften Toppferde vergessen», sagt Schwizer über «Toulago».

Selbst wenn die WM in der Normandie für das Paar enttäuschend verlief. Doch wie sagt Schwizer: «Manchmal zahlt man Lehrgeld, wenn man es eigentlich nicht wirklich will …» Die Atmosphäre im Fussballstadion in Caen habe «Toulago» gar nicht behagt, das sei freilich so nicht vorhersehbar gewesen. «Toulago hat sich richtig klein gemacht damals in der Arena. Üblicherweise aber macht er sich gross», sagt sein Reiter. Tempi passati – in Basel dürfte es wieder anders sein – jetzt fliegt «Toulago» ja wieder.

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