Fussball
Goalie Raphael Spiegel hat sich bei West Ham als Nummer 2 etabliert

Bei GC hatte er im vergangenen Sommer keine Perspektive mehr. Spiegel ergriff die Flucht. Es folgte der sensationelle Wechsel nach London. Nach neun Monaten haben wir ihn besucht.

Tobias Schalk
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Spiegel im Einsatz für den Londoner Arbeiterklub West Ham.

Spiegel im Einsatz für den Londoner Arbeiterklub West Ham.

Rob Newell/TGSPHOTO

Aus dem Premier-League-Traum ist Wirklichkeit geworden. Letzten Sommer mutete der Sprung von Brühl St. Gallen in der schweizerischen Challenge League in die weltweit beste Fussball-Liga auch dem gebürtigen Langendörfer fast schon unglaublich an. Sportlich gestaltete sich der Start denn auch nicht gerade einfach: «In den ersten Wochen kam ich unter die Räder. Dauernd musste ich hinter mich greifen, um den Ball aus dem Netz zu fischen.» Er habe viel gearbeitet und sich mit der Zeit an das höhere Level gewöhnt. Die Unterschiede bezeichnet Spiegel dennoch als frappant. Neben dem enormen sportlichen Niveauunterschied hat er auch eine Kultur und Leidenschaft für den Fussball kennen gelernt, wie er es aus der Schweiz nicht kennt. «Der Einsatz und der Wille, auch im Training, sind unglaublich. Jeder gibt immer alles. Auch ein Star wie Andy Carroll hängt sich jederzeit voll rein.»

Trikot von Petr Cech

Seine Wohnung in einer kleinen Siedlung nahe Greenwich am Themse-Ufer konnte er sich nach seinen Vorstellungen einrichten. Schon beim Eintritt in die Wohnung wird klar, welcher Berufsgattung der 20-Jährige angehört: An der Wand hängt ein Original-Matchtrikot von Chelsea-Keeper Petr Cech inklusive Grasspuren, welcher in Jugendjahren ein grosses Vorbild Spiegels war. Beim Spiel gegen den Londoner Lokalrivalen konnte er dieses ergattern.

Dem Alltag gewachsen

Die Gewöhnung an den Linksverkehr ging schnell vonstatten. In Sachen Englisch kann er sich ohne Probleme verständigen. Aus eigener Initiative belegt er seit kurzem Englischunterricht, um seine Kenntnisse noch zu verbessern. Zusammenfassend hält Spiegel fest: «Ich bin in London angekommen. Das Ganze ist längst kein Traum mehr, sondern Alltag, dem ich gewachsen bin.» Der Wechsel in die britische Metropole sei richtig gewesen. Sowohl sportlich als auch menschlich könne er sich weiterentwickeln.

Fingerbruch bei U21-Nati-Einsatz

Vorerst ist seine Entwicklung aber gestoppt worden. Bei einem Zusammenzug der Schweizer U21-Nati hat sich Spiegel einen mehrfachen Bruch des kleinen Fingers der rechten Hand zugezogen. Die folgende Operation sei gut verlaufen. Momentan befindet er sich in der Therapiephase, um die Beweglichkeit des Fingers wieder zu erlangen. Die Zwangspause wird voraussichtlich knapp zwei Monate betragen. Befürchtungen, dass er in seiner Entwicklung gebremst wird oder den Platz in der U21-Nati verlieren sollte, teilt er nicht. Auch um seinen Platz als zweiter Goalie bei den «Hammers» fürchtet er nicht.

Goalietrainer ein Fan Spiegels

Denn in der täglichen Arbeit mit West Hams Goalietrainer Martyn Margetson muss Spiegel überzeugt haben. Dieser habe ihm mitgeteilt, dass er grosse Stücke auf ihn halte. Im Herbst wurde sein Konkurrent Stephen Henderson in die zweithöchste Liga zu Ipswich Town verliehen. Seit diesem Zeitpunkt ist der Hüne zur Nummer zwei aufgerückt. Somit setzt er sich als Ersatz des unbestrittenen Stammtorhüters Jussi Jääskelainen auf die Bank. «Auch wenn ich in der Premier League momentan keine Chance auf Einsätze habe, so ist das Kribbeln während der Spiele immer zu spüren. Ich könnte bei einer Verletzung oder einem Platzverweis von Jussi jederzeit eingewechselt werden.»

Einsätze in der Reservenliga

Die Spielpraxis holt sich Spiegel in der sogenannten U21 Premier League. Dies ist eine geschlossene Liga der Vereine aus der höchsten und zweithöchsten Liga für ihre Reserveteams. Dort tummeln sich hoffnungsvolle Talente, Reservisten, aber auch gestandene Stars, welche von einer Verletzung zurückkehren. Spiegel ordnet die Liga auf hohem Challenge-League-Niveau ein.

Leihgeschäft als Alternative

Im Hinblick auf kommende Spielzeit will der Langendörfer mehr als die sporadischen Einsätze im Reserveteam. Ob dies bei West Ham möglich sein wird, ist fraglich. Zwar ist die aktuelle Nummer eins, Jussi Jääskelainen, mit einem Alter von 37 Jahren am Ende seiner Karriere angelangt. Trotzdem ist es unwahrscheinlich, bereits ab nächster Saison als Stammtorhüter gesetzt zu sein. Eine Alternative wären die in England zahlreich existierenden Cupwettbewerbe, welche eine hohe Priorität geniessen. Spiegels Wunsch ist es, in diesen Pokalspielen durchwegs auflaufen zu dürfen. Andernfalls stellt sich die Frage, ob nicht eher ein Leihgeschäft die erhoffte, regelmässige Spielpraxis bieten könnte. Nach Ablauf der Saison wird Spiegel, mit seinem Berater, das Gespräch mit der sportlichen Führung suchen.