Fussball 2. Liga
Wenn sich der Kreis schliesst

Janick Kamber, einst U17-Weltmeister, beendet das Kapitel Profifussball und wechselt zurück zu ­seinem Jugendverein FC Mümliswil. Warum ihm das mit 29 Jahren überhaupt nicht schwer fällt.

Silvan Hartmann
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Ist Janick Kamber das Puzzlestück, das dem FC Mümliswil bisher zum grossen Erfolg gefehlt hat?

Ist Janick Kamber das Puzzlestück, das dem FC Mümliswil bisher zum grossen Erfolg gefehlt hat?

zvg

82 Partien in der Super League, 117 Spiele in der Challenge League, dazu noch 54 Nationalmannschaftseinsätze verteilt auf jeglichen Nachwuchsstufen. Mit einem prall gefüllten Rucksack voller wertvoller Erfahrungen zieht Janick Kamber nach einem Jahrzehnt einen Schlussstrich unter seine Profi-Fussballkarriere und wechselt dorthin, wo für ihn alles begann: zurück zu seinem Jugendverein FC Mümliswil.

Zuletzt stand Janick Kamber bis Ende Saison 19/20 bei Neuchâtel Xamax in der Super League unter Vertrag. Doch die Neuenburger steigen ausgerechnet in der aufkommenden Coronapandemie in die Challenge League ab, sämtliche Verträge verlieren ihre Gültigkeit. Der Klub nutzt die Gelegenheit, nicht weniger als 16 Spieler aus dem Kader zu streichen und einen Neuanfang zu begehen.

Auch Kamber gehört zu den Bauernopfern – mit Folgen für ihn: Aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage tun sich die Schweizer Vereine schwer mit Verpflichtungen, es ergibt sich «nichts Schlaues», wie Kamber sagt. Lediglich Vereine aus Polen, der Türkei oder aus Asien klopfen an – mal etwas ernsthafter, viel eher unseriös. Für Kamber, der zum zweiten Mal Vater wird, sind diese Alternativen keine Option.

Am Ende seiner Profikarriere lief Janick Kamber für Xamax auf.

Am Ende seiner Profikarriere lief Janick Kamber für Xamax auf.

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«Da muss man sich auch bewusst sein, dass man mit einem solchen Abenteuer auch nicht zwingend wieder zurück in die Super League kommt». Und ohnehin wäre es ein zu grosses Familienabenteuer geworden, «das hätte keinen Sinn gemacht», sagt Kamber. Ein Engagement im Ausland hätte er sich nur in den USA vorstellen können, «aber auch dort ist es schwierig, einen Vertrag zu bekommen.»

Er hält sich fortan drei Mal die Woche beim Erstligisten Langenthal fit. Als sich die Transferfenster schliessen und sich das Jahr dem Ende zuneigt, findet er sich mit dem Ende des Profiseins ab. Weh, das habe es nicht getan. «Ich vermisse wirklich nicht so viel, aber ich hatte auch genügend Zeit, mich abzunabeln», sagt er. Das fiel ihm mitten in diesem neuen emotionslosen Corona-Fussballalltag mit leeren Stadien und wenig Emotionen überhaupt nicht schwer. «Es ist gut so, wie es ist.»

Zukunft mit Einstieg ins Geschäft des Vaters geregelt

Vielleicht fällt es ihm auch etwas einfacher, weil der 29-Jährige seine Zeit nach der Profikarriere längst geregelt hat. So ist er im Geschäft seines Vaters eingestiegen, das sich auf den Verkauf von Farben und Lack im Innenausbau spezialisiert hat. Die Tage als Geschäftsführer und Aussendienstler in der Region Innerschweiz sind ausgefüllt. Ohnehin hat Janick Kamber nie das klischeehafte Leben eines Fussballprofis geführt. Schon während der Aktivzeit half er seinem Vater, was jeweils einem Pensum von 20 bis 30 Prozent entsprach.

Die Profizeit will er dennoch keineswegs missen. Gerade jetzt im Berufsalltag merke er, dass er durch den Fussball viel gelernt habe. «Die Disziplin, der Durchhaltewille, der Teamgedanke, auch mal aufzustehen, für seine Interessen einzustehen – der Fussball hat mir enorm viel gegeben, es ist eine bereichernde Lebensschule», sagt er. Aber auch das Menschliche, obwohl dem Fussball der Ruf des Oberflächlichen anhaftet, kam bei ihm nie zu kurz. «Man lernt viele Charaktere kennen», sagt er und schmunzelt.

Der Mümliswiler während seiner Zeit beim FC Wohlen, hier im Duell mit dem Aarauer Nuno Da Silva.

Der Mümliswiler während seiner Zeit beim FC Wohlen, hier im Duell mit dem Aarauer Nuno Da Silva.

Freshfocus

Highlights hat er zuhauf erlebt. Allen voran der Weltmeistertitel der U17-Nati. «Ein unvergessliches Erlebnis, das ich für immer behalten werde.» Als prägend beschreibt er auch seine Juniorenzeit beim FC Basel, er durfte mit der 1. Mannschaft mittrainieren, in einer Zeit, in welcher der FCB zweimal Meister und einmal Cupsieger wurde. Aber auch der Aufstieg in die Super League mit Xamax im 2018 zählt er zu den Höhepunkten und schwärmt von seiner Zeit beim FC Wohlen. «Ein kleiner, familiärer Verein, in dem ich einen Zusammenhalt erlebte, der unvergleichlich war. Das war eine coole Zeit.»

Als Tiefpunkte nennt Kamber die Spielzeit bei Lausanne, den Kreuzbandriss im Jahr 2013 sowie den Abstieg zuletzt mit Xamax. «Aber ich kam mental immer gut zurecht damit. Ich sehe bis heute am Ende des Tages den Fussball immer noch als Spiel. Das hilft», so Kamber. Bereuen tut er «überhaupt nichts», obwohl er vielleicht das eine oder andere rückblickend anders gemacht hätte.

Janick Kamber im Dress der U17-Nationalmannschaft.

Janick Kamber im Dress der U17-Nationalmannschaft.



Sportsfile

Nun schliesst sich der Kreis für Janick Kamber, indem er zum FC Mümliswil zurückkehrt. Er freut sich darauf, wieder mit Freunden aus dem Dorf zu spielen. Ein Kulturschock von der Super League in die 2. Liga sei es überhaupt nicht. «Schutte ist Schutte», sagt Kamber. Im Klub freut man sich auf seine Rückkehr. Trainer Remo Bürgi: «Für den Verein ist Janick ein grosses Aushängeschild. Von seiner Erfahrung werden wir im Team enorm viel profitieren können. Er bringt viel Ruhe rein und macht jeden einzelnen Mitspieler besser.»

Trainer: Remo Bürgi
Tor: Fabio Gradwohl (94), Björn Fluri (00). Abwehr: Jérôme Ackermann (87), Nicola Ackermann (91), Robin Disler (93), Adrian Kamber (94), Silvan Nussbaumer (94), Rafael Disler (98), Fabian Bader (99). Mittelfeld: Simon Büttler (87), Dominik Ackermann (90), Andreas Ackermann (92), Janick Kamber (92), Roger Wyser (96), Janik Disler (96), Marco Fluri (97), Florian Arnold (99), Christian Wehrli (00). Angriff: Mario Simic (88), Roger Wehrli (92), Sascha Berger (96), Elia Bader (98). Zuzüge: Berger (FC Klus/Balsthal). Abgänge: keine.

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