Ein Finalplatz (top 8) lautete das sehr defensiv formulierte Ziel des Schiesssportverbandes (SSV). Null Finals sind es geworden. Am nächsten kam den Einzug in den Medaillenkampf Routinier Marcel Bürge. Im Dreistellungsmatch blieb der 40-jährige Weltmeister von 2002 erst im Stechen auf der Strecke. Schliesslich resultierte Platz 11.

«Von den Ergebnissen her waren wir ganz klar enttäuscht», sagt Ines Michel, die Chefin Spitzensport im SSV. Unzufrieden, weil alle selektionierten Sportlerinnen und Sportler im Vorfeld der Spiele bewiesen hätten, dass sie zu Topklassierungen fähig seien. «Alle haben darum die Teilnahme verdient», sagt die seit einem Jahr beim SSV tätige Deutsche.

Trainer weg – Kader halbiert

Trotzdem bleibt nach den Spielen in London im helvetischen Spitzenschiessen keine Patrone mehr im Lauf. Ähnlich wie nach Peking. Auch 2008 ernteten die helvetischen Olympia-Schützen Spott für ihre Fehlschüsse. Gehen musste schliesslich der damalige Leistungssportchef Michel Ansermet – 2000 in Sydney letzter Schweizer Olympia-Medaillengewinner (25 m Pistole Schnellfeuer).

Diesmal trifft es vorab die Nationaltrainer Gewehr, Wolfram Waibel, und Pistole, Krzystof Kucharczyk. Ihre Nachfolger sind noch nicht bestimmt, da das Bewerbungsverfahren bis Ende Monat läuft. Abgesehen davon werden die Kader drastisch reduziert. Die ehemalige Fünfkämpferin Ines Michel rechnet mit 30 bis 35 Athleten, die nächste Woche, wenn die Kader bekannt sind, noch für die Schweiz zur Waffe greifen dürfen. Heute sind es rund doppelt so viele. Zudem wird es nur noch sechs Kader geben:

A-, B-, Rookie- und Junioren-Kader im olympischen; A- und B-Kader im nichtolympischen Bereich. Massgebend für die Selektion sind fortan nicht mehr Rangierungen und Medaillen, sondern Resultate. «Damit», führt Michel aus, «hat jede und jeder die Chance, sich in ein Nationalkader zu schiessen.»

Allein die Ringzahl entscheidet über die Selektion. Bei den A-Kadern entspricht der Richtwert WM- und Weltcupfinals. Die Chance, sich zu empfehlen, erhält die Gilde der Topschützen, ob alt oder jung, an der sogenannten Shooting Masters, von denen jährlich neun stattfinden.

Sozusagen landesinterne Vergleichswettkämpfe, die geschaffen wurden, um der Elite Wettkampf-Praxis zu verschaffen. Via diese Master wird man sich fortan vor Titelkämpfen quasi für das Selektions-Master qualifizieren können. Die Top 3 pro Disziplin sind dann an der jeweiligen EM oder WM dabei – völlig egal, was der oder die bisher auf dem Schiessstand geleistet hat. Ein knallhartes Trial-System also. Die Schweizer haben jüngst im wichtigsten Moment oft übers oder neben das Ziel geschossen.

Nicht wie Tell also, der einst, mental voll parat, seinen einzigen «olympischen» Pfeil mitten im Herz des Apfels platziert hat. «Genau darum soll es gehen», sagt Michel. «Wir wollen die Sportler mit dem Trial dahin fördern, im entscheidenden Moment Bestleistungen abzurufen.»

Etwas weniger Geld als bislang

«Wir haben aus unserem Abschneiden in London gelernt», sagt Michel. So soll das Geld künftig auf viel weniger Aktive verteilt werden. Man wolle gezielt die Talentiertesten und Besten fördern. Der Rahmenkredit bis Rio 2016 ist leicht tiefer, als in der Vorperiode.

«Wir wollen mit dem Geld primär Initiative und Begabung fördern», sagt Michel. So will sich der Verband fortan an Trainingsaufenthalten oder -lagern seiner Topleute in Spitzennationen essenziell beteiligen. Was nicht heisst, dass die Spitze nun Profi wird. «Ein Ausgleich in beruflicher Hinsicht ist wichtig», hält Michel fest. Zumal es ja just den mental hochgeforderten Schützen besonders gut tut, den Kopf gelegentlich etwas auszulüften.