Er ist ein bekannter Mann in der Szene. Nicht nur weil er weit schlagen kann, sondern auch weil er mit Leib und Seele Hornusser ist. Für den 46-jährigen Christof Aebi von der HG Gerlafingen-Zielebach gibt es, wie er selber sagt, nur Familie, Beruf und Hornussen. Aebi ist Mitglied in der Nachwuchskommission des Eidgenössischen Verbandes, Nachwuchsobmann des Emmentalischen Verbandes sowie Nachwuchschef seiner Gesellschaft.

Im NLA-Match am 4. Mai in Epsach wurde der dreifache Familienvater beim Abtun im Ries von einem Nouss im Auge getroffen. Aebi trug keinen Helm. Ein Kopf- und Gesichtsschutz ist nur für Aktive mit Jahrgang 1984 und jünger vorgeschrieben. Seit Kurzem steht fest, dass Christof Aebi auf dem rechten Auge blind bleibt.

Christof Aebi, wie gehen Sie mit Ihrem Schicksal um?

Christof Aebi: Ich bin grundsätzlich ein positiv eingestellter Mensch. Ich sage oft: Was hinten dran ist, ist gemäht. Jammern nützt niemanden, auch wenn es sicher Tage gibt, an denen ich hadere und es mir – auf Berndeutsch gesagt – verschissen geht. Es wäre ja auch nicht normal, wenn das nicht so wäre.

Was genau ist passiert?

Mein Vordermann beim Abtun im Ries wusste von meinen Schulterschmerzen und wollte mich im Spiel gegen Epsach bei einem heranfliegenden Nouss unterstützen. Dabei streifte der Nouss dessen Schaufel so unglücklich, dass er mir direkt ins rechte Auge flog. Ich möchte ausdrücklich betonen, dass meinen Vordermann nicht die geringste Schuld trifft.

Kommen solche Querschläger häufig vor?

Wir Hornusser wissen alle, dass so was passieren kann. Es kommt fast in jedem Spiel vor, dass abspritzende Nousse an einen vorbeifliegen oder einen treffen. Meist eben da, wo es eben nur blaue Flecken gibt. Dann sagt man jeweils: Schwein gehabt. Diesmal hatte ich eben kein Schwein.

Können Sie sich an den Moment erinnern, als Sie vom Nouss getroffen wurden?

Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben richtig Angst. Gedanken kamen reihenweise hoch. Gedanken wie: Ich habe mein Auge verloren, wie reagiert meine Familie, kann ich am Montag noch arbeiten, kann ich meinen Beruf überhaupt noch ausüben, kann ich je wieder hornussen und all meine Ämter weiter ausüben, und so weiter.

Blieben Sie bei Bewusstsein?

Ja, die ganze Zeit. Aber mir war nicht bewusst, dass es derart starke Schmerzen überhaupt gibt. Ich sackte zusammen. Ich muss meinen Mannschafts-Kollegen danken, dass ich mein Auge überhaupt noch habe, auch wenn ich nie mehr sehen werde damit.

Was passierte, nachdem Sie getroffen worden waren?

Meine Kollegen haben mich optimal gelagert, mir einen Druckverband gemacht und sofort die Ambulanz aufgeboten. Hätten meine Kollegen nicht so reagiert, hätte ich mein Auge wohl noch auf dem Platz verloren.

Wie oft wurden Sie inzwischen operiert?

Seit dem Unfall wird es morgen zum vierten Mal sein – dann sollte es diesbezüglich ruhiger werden. An meinem Auge war so ziemlich alles kaputt, was kaputt sein kann. Hinzu kamen noch etliche Knochenbrüche.

Für den Nachwuchs sind Helme seit Jahren obligatorisch. Warum trugen Sie als engagierter Nachwuchsförderer keinen?

Da gibt es wohl nur ein Wort – Dummheit. Zudem war es verantwortungslos gegenüber allem, was mir nahesteht.

Trugen Sie jemals einen Helm?

Ja, ich hatte mal einen. Den habe ich seinerzeit einem Kollegen ausgeliehen, der es mal mit Helm probieren wollte. Seither trägt er einen Helm und ich keinen mehr …

Ihr Unfall dürfte dafür sorgen, dass künftig auch bei den älteren Hornussern mehr Helme getragen werden?

Was mir passiert ist, muss keinem anderen Hornusser mehr passieren. Ich hoffe, dass alle wachgerüttelt wurden. Man muss sich bewusst sein, dass bei so einem Unfall auch das Umfeld mitleidet. Manchmal hatte ich das Gefühl, fast mehr als ich. Ein Sekundenbruchteil verändert dein ganzes Leben. Wie sehr es mein Leben letztlich verändern wird, wird sich noch herausstellen. Ich appelliere darum an die Vernunft und sage: Kluge Köpfe schützen sich.

Sie haben das Umfeld angesprochen, wie haben Familie, Freunde und Kollegen reagiert?

Es ist einfach überwältigend, welche Anteilnahme und wie viele Hilfsangebote und Aufmunterungen ich von allen Seiten erfahre. In jeder erdenklichen Form. Ich glaube jemand, der kein so super Umfeld hat wie ich, würde in dem Moment viel, viel mehr leiden. Ich bin überzeugt, dass ich auch auf Hilfe zählen kann, wenn wieder der Alltag einkehrt.

Wie sieht Ihr Alltag denn im Moment aus?

Ich sehe ständig meinen Nasenspitz und ich muss vieles wieder lernen, was vorher normal war. Distanzen abschätzen etwa oder etwas in ein Glas einschenken. Ein Teil des Blickfeldes fehlt, darum habe ich mir schon ein paar Mal den Kopf gestossen, weil ich den Kopf nicht oder zu wenig nach rechts drehte, um mir den vollen Überblick zu verschaffen.

Ist es für einen so aktiven Menschen wie Sie nicht einfach, wieder vieles lernen zu müssen?

Früher war ich ständig unterwegs und es war immer etwas los. Jetzt muss ich lernen, geduldig zu sein. Ich kann mich zwar zu Fuss bewegen, aber Autofahren geht im Moment natürlich nicht. Meine Frau und meine Freunde und Kollegen helfen mir da aus.

Sie arbeiten als Werkhof-Mitarbeiter in Kirchberg. Können Sie diesen Job noch ausführen?

Ich hoffe es. Mir gefällt der Job ausgezeichnet und man hat mir gesagt, ich könnte wieder kommen. Aber ob es wirklich geht, wird sich erst rausstellen. In diesem Job muss man Fahrzeuge bewegen können und bekommt es ab und zu mit Ästen, wegspritzenden Steinchen oder Dreck zu tun – alles Dinge, die ins Auge gehen können. Mir ist es wichtig, dass ich mein zwar seit je punkto Sehkraft eingeschränktes linkes Auge nicht auch noch gefährde und natürlich will ich auch sonst niemanden gefährden, wenn ich arbeite.

Ihr linkes Auge ist beeinträchtigt?

Eine ganz normale Sehschwäche, die ich seit je habe. Ich habe vieles mit dem rechten Auge ausgeglichen, jetzt muss eben das linke vermehrt ran … Es dünkt mich, es hat sich effektiv schon gebessert.

Sie wirken sehr gefasst und bemerkenswert positiv.

Ich sage mir: Das, was mir passiert ist, ist wirklich schlimm. Aber es gibt andere, denen geht es noch schlimmer und die würden gerne tauschen mit mir. Und eben, hadern darf man und soll man auch ab und zu, aber grundsätzlich bringt es nichts. Es reisst nur alle mit nach unten. Es ist so, wie es ist. Ich und mein Umfeld müssen damit leben lernen. Ich bin sehr glücklich und dankbar, dass ich eine so tolle Familie und so viele gute Freunde und Kollegen habe. Ich weiss gar nicht, wie ich denen allen jemals danken soll.

Hornussen wird garantiert auch weiterhin Ihr Leben wesentlich bestimmen, nicht wahr?

Ganz klar. Sobald ich das Okay vom Arzt bekomme, schraube ich ein Träf an meinen Stecken und gebe wieder so gut es geht Vollgas. Und auch alle meine Ämter werde ich mit Leib und Seele weiterführen.