Eishockey

Er ist von Natur aus sehr sanft und gutmütig

Emotional immer auf der Überholspur: Kevin Schläpfer, wie leibt und bebt.

Emotional immer auf der Überholspur: Kevin Schläpfer, wie leibt und bebt.

Kevin Schläpfer wird auch 2015 keine Chance haben, Trainer des Jahres zu werden. Das ist ungerecht. Er würde die Auszeichnung verdienen.

Der EHC Biel steht am Sonntag, den 4. Januar 2015 nach wie vor auf einem Playoff-Platz. Vor Kloten, dem Finalisten von 2014 und vor Fribourg-Gottéron, dem Finalisten von 2013. Schaffen es die Bieler im Frühjahr 2015 nach 2012 und 2013 erneut in die Playoffs, dann ist es für die Bieler grösste Sensation seit letzten dem letzten Titelgewinn von 1983.

Der Rohstoff des Trainer-Ruhmes ist immer der erste Platz. Nur wer im Mannschaftsport Meisterschaften gewinnt, kann Trainer des Jahres werden. Die Tapferen, die ihre Männer vor dem Abstieg retten wie es Kevin Schläpfer in Biel 2009 und 2010 in allerhöchster Not getan hat, werden ebenso vergessen wie jene, die Aussenseiter zu aussergewöhnlichen Erfolgen führen. So wie es wiederum Kevin Schläpfer mit der Playoff-Qualifikation von 2012 und 2013 geschafft hat. Und was ihm vielleicht (aber nur vielleicht) auch 2015 gelingen wird.

Die Tour de Suisse und Poesie

Wer ist eigentlich Kevin Schläpfer? Wir kennen die Daten seiner Biografie, des Stürmers aus dem legendären «Kamber-Clan». Die Karriere hat beim EHC Zunzgen-Sissach begonnen. Kevin Schläpfers Schicksal: zu wenig gut für die NLA und fast zu gut für die NLB und eine Tour de Suisse. Basel, Lugano, Zug, Olten, Lausanne, Langnau, Chur, Biel und Langenthal und dann als Sportchef und Trainer schliesslich wieder heim nach Biel. Die beste Beschreibung seiner Persönlichkeit finden wir in der Weltliteratur. Georg Friedrich Kersting hat einmal seinen Freund, den Dichterfürsten Theodore Fontane portraitiert – es ist zugleich das beste Porträt, das es bis heute über Kevin Schläpfer gegeben hat.

«... ein gar prächtiger Kerl, der mit seinem scharfen Verstand, hellem Geist und glühender Phantasie weit über mir steht, er liebt auch das Schöne und die schnelle Pferdekutsche und strebt nach dem Guten, aber sonst ein kurioser Kauz. Um Wissenschaft kümmert er sich gar nicht, Charakter habe ich noch nicht viel bemerkt. Er verteidigt nicht selten die niederträchtigsten Maximen, aber nicht eigentlich, weil sie die seinen seien, sondern weil es ihm Gelegenheit gibt, seinen Scharfsinn glänzen zu lassen. Von Natur aus sehr sanft und gutmütig, kommen da bisweilen sehr jugendlich aussehende Widersprüche zum Vorschein, wie überhaupt sein geistiger Habitus, sehr Schönes, Edles, aber auch manches Unreife zeigt. Eitelkeit ist seine Hauptschwäche.»

Die Berufung als Trainer

Ja, ungefähr so würde heute ein Dichter, der nichts über Eishockey-Trainer weiss und mit Kevin Schläpfer nach einem aufwühlenden Spiel ins Gespräch käme, den Baselbieter wahrscheinlich beschreiben. Kevin Schläpfer mag solche pathetischen Worte ganz und gar nicht. Es stört ihn auch nicht, dass er wahrscheinlich nie Meister und Trainer des Jahres wird. Vielleicht braucht er gerade diesen ewigen Kampf als Aussenseiter, und er wäre nicht mehr der Kevin Schläpfer, den wir kennen, wenn er einmal ganz oben stehen sollte.

Der Beruf des Trainers ist für ihn nicht alleine das Streben nach dem Sieg. Es ist für ihn eine Berufung. Er sagt, er wüsste nicht, was aus ihm geworden wäre, hätte ihm Biel nicht die Chance geboten, Trainer zu werden. Er habe persönlich eine schwierige Zeit durchgemacht (Scheidung, Tod seines Vaters) und die Arbeit als Trainer in Biel sei schon immer so intensiv gewesen und sei es immer noch, dass er bei dieser Arbeit vorübergehend alles ausblenden könne, was ihn sonst beschäftige und belaste.

Der Bieler Arno del Curto

Am ehesten lässt sich Kevin Schläpfer mit Arno Del Curto vergleichen. Beide haben diese bedingungslose Leidenschaft für den Trainerberuf und beide verstehen es, ein Maximum aus einem Spieler herauszuholen. Aber beide wissen auch, dass der Erfolg nur dann möglich ist, wenn alle mitziehen. Im Sinne des Neuen Testamentes: «Wer nicht für mich ist, der ist wider mich» (Matthäus 12, Vers 30). So wie sich Arno Del Curto von Spielern trennt, die nicht mehr mitziehen, so ist auch Kevin Schläpfer konsequent. Er hat sich beispielsweise im Herbst 2011 fristlos von Verteidiger Mario Scalzo getrennt. Der Kanadier hatte seinem Trainer offen widersprochen.

Arno Del Curto ist im Sommer 1995 in Davos Trainer geworden, weil der bisherige Amtsinhaber Mats Waltin zu viel Geld für die Vertragsverlängerung verlangte. Der Engadiner hat diese Chance genutzt und hat den HCD in die Spitzengruppe der Liga und zu fünf Meistertiteln geführt. Auch Kevin Schläpfer ist in Biel unter anderem deshalb zum Cheftrainer befördert worden, weil er viel weniger kostete als die ausländischen Bandengeneräle. Und auch er hat seine Chance genützt. Mit der neuen Arena hat der EHC Biel ab nächster Saison ganz neue wirtschaftliche und damit mittelfristig auch viel bessere sportliche Perspektiven. Es wäre fahrlässig zu wetten, dass Kevin Schläpfer in Biel nie Meister und nie Trainer des Jahres wird.

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