Schwingen
Einer allein auf weiter Flur: Christian Stucki gewinnt das Weissenstein-Schwinget

Er ist der Schwinger der Stunde: Christian Stucki gewinnt auf dem Weissenstein zum dritten Mal. Damit schliesst Stucki zu Rekordsieger Matthias Sempach (2006, 2012 und 2014) auf.

Tobias Schenk
Merken
Drucken
Teilen
Christian Stucki, Weissenstein-Schwinget
4 Bilder
Stucki lässt seiner Freude über den Festsieg auf dem Weissenstein freien Lauf.
Stucki: «Passivität kann auch gefährlich werden.»
«Diesmal ist es aufgegangen», so Stucki.

Christian Stucki, Weissenstein-Schwinget

Hansjörg Sahli

Obwohl ihm ein Gestellter gereicht hätte, stürmt Christian Stucki im Schlussgang auf dem Weissenstein wie ein mit Red Bull vollgetankter Panzer los und klebt seinen Gegner Simon Anderegg gleichsam einer Briefmarke ins Sägemehl. Eine Explosivität gepaart mit einer Souplesse, die man so von Stucki noch nicht zu sehen bekam. Der Seeländer feiert seinen vierten Saisonsieg und nach 2008 und 2015 den dritten auf dem Solothurner Hausberg. Damit schliesst Stucki zu Rekordsieger Matthias Sempach (2006, 2012 und 2014) auf.

«Es läuft super, und ich bin echt gut in Form», sagt der Sieger. So super, dass er in einem Schlussgang, in dem er seines Vorsprungs wegen nicht mehr angreifen muss, dennoch lieber angreift, als zu taktieren. «Passivität kann auch gefährlich werden», sagt Stucki. «Und die Fans mögen es auch lieber so.»

Am Berner Kantonalen sei er mit dieser Taktik zwar auf die Schnauze gefallen, als ihn Kilian Wenger im Final konterte. «Diesmal ist es aufgegangen.» Hat seine Topform einen besonderen Grund? «Nein, ich trainiere nicht mehr als in anderen Jahren», sagt der Kilchberg-Sieger von 2008. Eine wesentliche Veränderung jedoch gebe es: «Mental arbeite ich heuer anders.»

Maximalnote mit Ausrufezeichen

Es war ein imponierender Start-Ziel-Sieg, den Stucki auf dem Jura-Rücken hinzauberte. Einer, dem kein Konkurrent gewachsen war. 6 Gänge, 6 Siege – eine Art «Hole in one» und auf jeden Fall eine Gala, die ihn zum Topfavoriten am Unspunnenfest Ende August in Interlaken macht. Wer soll ihn da besiegen? «Ich hoffe niemand», antwortet Stucki.

Christian Stucki: «Ich trainiere nicht mehr als in anderen Jahren. Mental arbeite ich heuer anders.»

Christian Stucki: «Ich trainiere nicht mehr als in anderen Jahren. Mental arbeite ich heuer anders.»

Hansjörg Sahli

Es sind solch sympathische, spontane und naturreine Antworten, die den «Lidl-Werbe-Koloss» für die Fans so beliebt machen. Stucki ist längst der König der Herzen. Spätestens seit seinem Kuss nach der Niederlage im Schlussgang am Eidgenössischen 2013 in Burgdorf auf das Haupt von Bezwinger Sempach.

Der bunte 7. Gang

Diese auch charakterliche Grösse des zwei Meter hohen Lyssers tritt nun im Herbst seiner Karriere mit 32 Jahren immer auffallender zutage und begeistert. Alle wollen sich im 7. Gang des Tages, der Gratulationsrunde, mit dem sanften Hünen ablichten lassen. Stucki hier, Stucki da – und der Turm ist sich dabei für nichts und niemanden zu schade.

Beim älteren Herrn etwa, dem mit dem Arm in der Schlinge, nimmt er das Handy gleich selbst in die Hand und macht ein Selfie von sich und dem strahlenden Besitzer. Bis er von der Medienchefin unter die Dusche geschickt wird, damit er rechtzeitig zur Krönung erscheint, erfüllt der fünffache Eidgenosse jeden Wunsch seiner Fans.

Debakel für Nordwestschweizer

Die Übermacht der Berner war an diesem 66. Weissenstein-Schwinget frappant. Hätten die Könige Matthias Glarner und Matthias Sempach wie geplant auch noch antreten können, wäre es vielleicht zum vollendeten Debakel für die Nordwestschweizer gekommen. So waren es 12 der 14 Kränze, die in den Kanton Bern gingen. Eine neue Rekordmarke. Allein der Aargauer Nick Alpiger und der Solothurner Stephan Studinger konnten sich am Ende unter den Eichenlaubgewinnern einreihen.