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EHCO-Präsident Marc Thommen: «Ich habe viele Sachen angetroffen, die ich so nicht erwartet hätte»

Der neue EHCO-Präsident Marc Thommen spricht in seinem ersten grossen Interview nach der Amtsübernahme im Juli über seine ersten Amtshandlungen, finanzielle Herausforderungen und offene Baustellen und sagt: «Vieles ist neu. Ich muss noch viel lernen.»

Silvan Hartmann und Marcel Kuchta
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Der neue EHC-Olten-Präsident Marc Thommen ist auch über das Sportliche bestens informiert.

Der neue EHC-Olten-Präsident Marc Thommen ist auch über das Sportliche bestens informiert.

Bruno Kissling

Marc Thommen, bald ist die Hälfte der Qualifikation gespielt. Welche Schulnote würden Sie der Mannschaft geben?

Marc Thommen: (überlegt) Wir haben viele neue Spieler, hatten viele Verletzte zu beklagen und das Umfeld hat sich verändert. Vieles ist daher nicht wie geplant verlaufen. Unter Berücksichtigung aller Fakten würde ich sagen: Eine 4–5.

Etwas mehr als genügend.

Ja – und zwar, weil das Team riesiges Potenzial hat. Nun muss man es noch aufs Eis bringen. Resultatmässig ist schon sehr viel für uns gelaufen. Wenn man wenige Sekunden vor Schluss ausgleicht und in der Verlängerung eine Sekunde vor dem Penaltyschiessen zum Sieg trifft, dann hat man das Glück auf seiner Seite. Und wenn man unseren zweiten Rang anschaut, haben sehr viele sehr vieles richtig gemacht. Aber seien wir ehrlich: Am Schluss zählen die Resultate, so hart es klingt. Wenn wir all die engen Spiele verloren hätten, wären wir vielleicht Siebter oder Achter, dann wäre ein Aufschrei im Gange und alle würden beginnen, diesen oder jenen zu hinterfragen.

Zur Person

Marc Thommen ist seit Juli 2017 der neue Verwaltungsrats-Präsident der EHC Olten AG. Er hatte das Präsidium von Benvenuto Savoldelli übernommen.

Thommen ist Präsident und Delegierter des Verwaltungsrates des Architektur- und Planungsbüros W. Thommen AG in Olten. Er ist 48 Jahre alt, verheiratet und Vater von zwei Söhnen. Er lebt in Hägendorf.

Haben Sie in diesen Saisonspielen mehr Freud oder mehr Leid erlebt?

Es gibt immer zwei Seiten, ob man den Hut des Präsidenten oder denjenigen des Fans trägt. Wir haben ganz klar das Ziel, in den Playoffs Heimrecht zu geniessen, sprich Rang 1 bis 4. Ich hätte nie gedacht, dass wir schon vor der Nati-Pause den zweiten Rang belegen – also aus Präsidenten-Perspektive haben wir die Ziele übertroffen.

Und mit Fan-Hut?

Nun, ich finde, es ist deutlich besser als letzte Saison. Da haben wir Spiele erlebt, die eine pure Katastrophe waren, man kann es nicht anders sagen. Ich war manchmal an einem Punkt angelangt, an dem ich während des Spiels rausgehen musste.

Das können Sie jetzt nicht mehr.

(lacht) Ja, vielleicht leide ich stattdessen etwas mehr. Nein, aber im Ernst: Das mache ich auch nicht mehr, weil ich mehr Verständnis aufbringen kann und mehr Hintergrundinfos habe als vorher. Man schaut dann gewisse Sachen differenzierter an. Und erfreut sich dann über Lichtblicke, die es immer wieder gibt.

Suchen Sie als Präsident bewusst die sportlichen Informationen?

Ich sage es mal so: Ich bin im Moment viel tiefer drin, als ich das angestrebt hatte, vor allem auch durch den Austausch mit der Geschäftsleitung. Da ich neu im Amt bin, muss ich sehr viel lernen, das ich bislang nicht gekannt habe. Aber ich nehme mir diese Zeit gerne. Vielleicht sind diejenigen, die es verfolgen, etwas überrascht, wie präsent ich bin. Ich muss aber auch sagen: Die Rolle eines Präsidenten ist ja nicht, dass er vor dem Geschäftsführer herläuft und die Fahne hochhält, sondern viel eher die Strategie definiert und die Leitplanken setzt. Aber in einer ersten Phase ist das etwas anders und ich habe das Gefühl, in der Geschäftsleitung sind sie glücklich damit.

Haben Sie vielleicht insgeheim den Arbeitsaufwand unterschätzt?

Ich habe gedacht, es sei weniger. Das gebe ich offen zu. Ich habe auch viele Sachen angetroffen, die ich so nicht erwartet hätte.

Zum Beispiel?

Ich hätte gedacht, dass gerade die AG besser strukturiert ist, dass das von den Abläufen her geregelter läuft. Aber da sind wir auf gutem Weg, das braucht Zeit und ich kann auf einen super Verwaltungsrat zurückgreifen. Wir treffen uns zurzeit rund einmal im Monat, das ist intensiv, aber es stimmt so. Jeder zieht am Strick und verfolgt seine Aufgaben. Wenn ich alles selber stemmen müsste, wäre es ein Vollzeit-Job – und das ist nicht möglich. Aber mit einem solchen Team macht es viel Freude.

Können Sie Punkte benennen, bei denen Sie deutlich mehr Zeit investieren mussten?

Ein sehr wichtiges Thema ist die Aktienkapitalerhöhung, das ich bewusst an mich gezogen und zur Chefsache erklärt habe. Da streben wir eine Erhöhung um 468'700 Franken auf 1'406'200 Franken an. Der Klub kommt damit der Vorgabe des Verbandes nach, wonach das Eigenkapital 15 Prozent des Budgets zu betragen hat. Ich habe das Traktandum übernommen, damit ich die Geschäftsleitung entlasten kann.

Nach der Aufstockung auf zehn Verwaltungsräte hat man sich gefragt: Kann das funktionieren? Gibt es nicht häufiger Diskrepanzen?

Man wusste zu Beginn tatsächlich nicht, ob es funktioniert. Es hat Leute im Verwaltungsrat, die ich persönlich auch nicht sehr gut gekannt hatte. Aber bislang führen wir sehr konstruktive Diskussionen, der Austausch ist sehr rege. Das ist wichtig, schliesslich verfolgen wir alle ein Ziel.

Im Sport sind viele Emotionen im Spiel. Bekommen Sie auch Feedbacks vom Volk auf der Strasse?

Wichtig sind mir die Feedbacks, die konstruktiv sind. Diese sind ein Geschenk, damit kann ich etwas anfangen. Mit negativen Rückmeldungen muss man umgehen können. Manchmal muss man eingestehen: «Ja, da haben Sie recht, das ist nicht gut.»

Die Oltner Anhänger gelten generell als besonders kritisch...

Ja, das sagt man den Oltnern nach. Handkehrum haben wir in Olten ein sehr treues Publikum. Das ist gewiss auch fordernd, aber wo erlebt man das heutzutage noch? Ich sah Anfang Saison ein Spiel des SC Bern, der das Spiel fahrlässig aus den Händen gegeben hatte, und da hat es also nicht anders getönt als im Kleinholz. Emotionen gehören dazu, das ist das Schöne am Sport.

Lassen Sie sich von Emotionen leiten?

Ich bin eher eine Person, die vor einer Entscheidung noch eine Nacht darüber schläft. Oder wenn ich ein E-Mail vor mir habe und ich mich nerve, schreibe ich vielleicht am Abend eine erste Fassung, schicke sie dann aber erst am Morgen, wenn sich die Emotionen gelegt haben, zurück. Ich bin in dieser Beziehung sehr rational.

Welches sind die grössten strukturellen Baustellen des EHC Olten?

Wichtig erachte ich grundsätzlich, dass wir die personellen Ressourcen sicherstellen können, die es braucht, um einen Klub zu führen. Wir müssen nicht riesig aufgestellt sein, aber wir müssen die Arbeit zeitgerecht und mit der nötigen Qualität ausführen können. Gerade auf der Geschäftsstelle sind wir im Vergleich mit anderen Klubs sehr schlank aufgestellt. Da haben wir gehandelt, sodass wir auf Anfang Jahr eine Verstärkung erhalten.

Was haben Sie sonst denn sonst auf dem Radar?

Die Finanzplanung – ein sehr grosses Thema. Da wurde ich überrascht.

Inwiefern?

In einem Unternehmen hat man monatliche Kennzahlen. Ich kann im Geschäft auf den Knopf drücken und habe etliche Zahlen vor mir liegen. Der EHC Olten hat bislang nicht schlecht gearbeitet, aber war eben auch etwas einfacher gestrickt organisiert. Das ist überhaupt nicht abschätzig oder böse gemeint, das ist auch nachvollziehbar, wenn man die Vergangenheit anschaut. Aber es zeigt: Wir haben viel zu tun.

Muss man sich punkto Finanzen Sorgen machen um den EHCO?

Ganz und gar nicht. Wir sind sehr positiv. Man muss aber sehen: Scheidet der EHCO schon im Viertelfinal aus, hat das enorme finanzielle Folgen. Wichtig ist, dass man diese verkraften kann. Dafür braucht es ein gesundes Polster.

Schirjajew, McClement: Der EHC Olten hat im Kader bereits grosse Investitionen getätigt. Kann man das verkraften?

Diese Transfers sind sehr gut überlegt und wir hätten sie nicht getätigt, könnten wir es uns nicht leisten. Schirjajew war längst ein Wunschspieler, ein dritter Ausländer war auf Anfang Jahr geplant. Mit den vielen Verletzten hat sich dann ein Türchen geöffnet. Aber es ist klar, dass wir unsere Limiten haben.

Einen Sportchef suchen Sie noch?

Es ist nicht so, dass die Zeit drängt. Wir haben heute eine Lösung, die funktioniert. Es muss eine Person sein, die das Eishockey kennt und lebt, muss nicht mal ein Spitzenspieler gewesen sein, aber muss das Know-how mitbringen. Wir lassen uns Zeit, die geeignete Person zu finden.

Eine grosse Baustelle ist auch das Catering der Migros.

Verwaltungsrat Marius Studer betreut das Catering, er ist als Gastrounternehmer prädestiniert dazu. Es ist bekannt – und das weiss die Migros auch selber –, dass sie schlecht gestartet ist. Aber sie hat sich sukzessive verbessert. Das Ziel ist, dass wir eine Dienstleistung anbieten können, die zufriedenstellt. Aber allen werden wir es nie recht machen können.

Beim Stadion stehen grosse Investitionen an.

Da ist die Situation komplexer, weil mit der Sportpark AG, der Stadt Olten und Vereinen viele Parteien beteiligt sind. Wir haben einen regen Austausch mit der Sportpark AG und sitzen im gleichen Boot. Dass die Sportpark AG nicht auf Rosen gebettet ist, wissen wir alle. Ich kann sagen, dass die Sportpark AG und wir Projekte verfolgen.

Ein Beispiel?

Konkret möchten wir auf der Höhe des Restaurants einen Balkon mit zusätzlichen Sitzplätzen anbauen.

Wie hoch wären die Kosten?

Diese liegen bei rund 400 000 Franken für 120 zusätzliche Sitzplätze. Eine Summe, die man mit diesem Angebot aber schnell amortisiert hätte.

Das Limit im Sponsoring hat der EHCO in der Region ausgeschöpft. Mit Ihnen am Ruder erhofft man sich, diese noch stärker zu öffnen. Wie sehen Sie das?

Der EHC Olten darf mit Stolz sagen, dass man auf die Unterstützung von 90 Toppartnern zählen darf. So breit aufgestellt sind nicht viele andere Klubs in der Schweiz, auch im Vergleich zur National League nicht. Da hat Geschäftsführer Peter Rötheli viel dazu beigetragen. Aber ich gebe Ihnen recht: Wir haben nun einen breiten Verwaltungsrat, der ein ganz anderes Netzwerk mitbringt. Haben wir die Kraft, diese Netzwerke zu bündeln, eröffnen sich mit der gesunden Basis, die wir haben, neue Möglichkeiten.

Aber der nächste Schritt ist schwierig. Viele Sponsoren sagen sich: Wir kommen erst, wenn ihr aufsteigt.

Das ist die grosse Herausforderung, diese bereits heute dazu überzeugen zu können, um diesen Schritt zu schaffen. Wir halten an unserer Strategie fest. Ich gebe aber auch zu bedenken: Wenn sportlich der Aufstieg erreicht sein sollte, muss allen bewusst sein, dass die Arbeit damit nicht getan ist und noch grössere Herausforderungen anstehen. Dazu zählt auch, dass die Fans geduldig sein müssen. Es ist noch ein langer Weg, aber daran arbeiten wir kräftig – mit Überstunden und Verlängerungen (lacht).

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