Schwingen
Doping-Sünder Bruno Gisler: «Habe wohl den falschen Spray erwischt»

Der Nordwestschweizer Bruno Gisler wird am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest positiv auf Doping getestet. Gisler wird für sechs Monate gesperrt. Der Solothurner spricht von einem Missgeschick.

Adriana Gubler
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Bruno Gisler hält die beiden verschiedenen Sprays in der Hand. Die will er verwechselt haben. Dopingmittel enthalten aber beide nicht.

Bruno Gisler hält die beiden verschiedenen Sprays in der Hand. Die will er verwechselt haben. Dopingmittel enthalten aber beide nicht.

Keystone

Immer wieder starrt er ins Leere und legt Sprechpausen ein. Er wirkt noch ruhiger als sonst: Spitzenschwinger Bruno Gisler war an der Medienkonferenz in Egerkingen, an der er sich zum Dopingvorwurf äusserte, ein Abbild seiner selbst. «Es ist für mich und meine Familie keine einfach Zeit, die ganze Situation belastet uns sehr», sagte er vor den zahlreich erschienenen Medien.

Bruno Gisler wurde am Eidgenössischen Schwing- und Älplerfest Ende August, Anfang September positiv auf Doping getestet. Bei Kontrollen von Antidoping Schweiz konnte die verbotene Substanz Nikethamid festgestellt werden. Bruno Gisler machte sich damit des Verstosses gegen das Dopingreglement des Eidgenössischen Schwingerverbandes schuldig.

Ihm wird als Folge davon der Eidgenössische Kranz von Burgdorf aberkannt und zudem eine Sperre von sechs Monaten auferlegt, während der er an keinen Schwingfesten teilnehmen darf. Die Sperre hat am 26. November begonnen und dauert bis am 25. Mai 2014. «Ich übernehme die volle Verantwortung für das Vergehen und akzeptiere das Urteil», gab Gisler gestern bekannt.

Der dritte, prominente Fall

Bruno Gisler, der Leader der Nordwestschweizer, dürfte mit Blick in die Zukunft nicht der letzte überführte Topschwinger sein. Von weniger bekannten Namen, die sich durch den Einsatz von unterstützender Chemie den Sprung an die neuen Hönigtöpfe versprechen, ganz zu schweigen. So lieferte beim Bernisch Kantonalen im August 2012 in Herzogenbuchsee der Berner Kranzer Stefan Marti einen positiven Befund. Ihm wurde, wie jetzt bei Gisler, die Einnahme einer psychostimulierenden Substanz (Modafinil) nachgewiesen. Zuvor waren es Beat Abderhalden (2001) und Thomas Wittwer (2005), in deren Proben noch Anabolika festgestellt worden war. Und jetzt also Gisler. Die Substanz Nikethamid, die beim diesjährigen, unwiderstehlichen Sieger auf dem Weissenstein und dem Innerschweizerischen gefunden wurde, hat unter anderem eine Art Weckwirkung. Die Leistungsfähigkeit kann merklich gesteigert werden - vorab die Motorik. Die Kadenz positiver Befunde scheint also zuzunehmen.

Den falschen Spray erwischt

Der Solothurner Spitzenschwinger machte ein Missgeschick für die Dopingeinnahme geltend: «Für uns gibt es nur eine mögliche Erklärung», sagte der 30-jährige Rumisberger an der Pressekonferenz. Weil er kurz vor dem Eidgenössischen Grippemerkmale aufwies, habe er einen homöopathischen Resistenzspray benutzt. Im Badzimmerkästchen stand dieser neben einem Spagyrik-Spray seiner Frau. «Durch die Unachtsamkeit meinerseits habe ich offensichtlich mehrmals den Spray meiner Frau genommen. Wie oft das vorkam, kann ich nicht sagen.» Er sei ein entschiedener Doping-Gegner und habe nie eine Leistungssteigerung herbeiführen wollen, fügte er an.

Fahrlässiges Verhalten

Die Dopingkommission des Schwingerverbandes ist von dieser Erklärung überzeugt und glaubt Gisler, dass er sich mit der Einnahme keinen Vorteil verschaffen wollte, wie es in einer Medienmitteilung des Eidgenössischen Schwingerverbandes heisst.

«Benutzte er anstelle des Resistenzsprays – den eigentlich für seine Frau bestimmten Spray – so erfolgte dies sicher unbewusst, jedoch unentschuldbar.»

Allerdings hält die Dopingkommission auch fest: «In der Verhaltensweise von Gisler liegt zumindest ein leicht fahrlässiges und demnach schuldhaftes Verhalten.» Dies, weil er den in einem Merkblatt auferlegten Verantwortlichkeiten zu wenig Rechnung getragen habe. Der Verbandsarzt der Nordwestschweizer Schwinger Urs P. Martin hält die Erklärung für «medizinisch plausibel.»

Er beschrieb vor den Medien den Wirkstoff Nikethamid als atmungsanregend und kreislaufstimulierend, der nachgewiesene Wert war bei Gisler rund 40-mal höher, als er hätte sein sollen. «Es kann bei hoher Dosierung zu Symptomen wie etwa Schweissausbrüche und Müdigkeit kommen», so Martin. Genau diese Symptome habe Gisler während des Eidgenössischen Schwingfests in Burgdorf verspürt. Verbandsarzt Martin bestätigt: «Gisler wirkte beim Eidgenössischen alles andere als aufgeputscht.»

Ein Comeback Ende Mai

Nach all den Blicken zurück in die jüngste Vergangenheit warf Bruno Gisler gestern auch einen nach vorne: «Ich wusste am Anfang nicht, ob ich nun die Schuhe an den Nagel hängen muss. Nun kann ich aber mitteilen, dass ich meine Schwingkarriere im Mai nach Ablauf der Sperre fortsetzen werde.» Bei zwei Kranzfesten wird er passen müssen, danach will er wieder im Sägemehlring stehen.

Kommentar: Doping und Geld sind ein Paar

Ob es nun am Anti-Übelkeits-, statt dem grippevorbeugenden Spagyrik-Spray lag, der Zahnpasta oder ob es der Schmutzli war, der dem Gisler Bruno ein Psychostimulanz-verseuchtes Mandarinli untergejubelt hat, spielt am Ende gar keine Rolle. Fakt ist: Schwingen hat seine Unschuld längst verloren. Mit dem Einzug von Profi-Vermarktern und Big Playern der Wirtschaft, für die das Brauchtum letztlich vor allem ein Profit versprechendes Business wie andere auch ist, steht inzwischen sehr viel Geld auf dem Spiel. Die Zeiten, da es für die Besten um eine Kuh, Treichel oder einen Staubsauger ging, sind passé. Den Siegern winken heute hoch dotierte Werbeverträge. Ein König kann finanziell praktisch aussorgen. Auch darum ist es möglich, dass ein Schwingerkönig, wie Matthias Sempach heuer in Burgdorf, den Siegermuni behält und sich gegen den Gegenwert in bar entscheidet. Sempach wird die 20000 Franken, die ihm der Muni eingebracht hätte, während seiner Regentschaft x-fach verdienen. Logisch also nur, dass Doping vermehrt zum Thema im Schwingen wird. Der punkto Unschuld doch etliche Fragezeichen hergebende Fall Gisler ist insofern Teil einer neuen Realität. Der Reiz, leistungsfördernde Mittel zu benutzen, wächst relativ zum Geld, das fliesst. Allein, weil die Schwinger nicht zu Swiss Olympic gehören, fallen die Kontrollen noch viel geringer aus, als wenn Antidoping Schweiz die Sache in Eigenregie in die Hand nähme. Die Chance, erwischt zu werden, ist folglich kleiner - die Verlockung es zu probieren, grösser. Eine Öffnung des Marktes bringt es mit sich, dass man Kontrolle zumindest teilweise abgibt. Für eineTreichel greift kaum einer in den auch gesundheitsgefärhdenden Chemiekasten - für einen lukrativen Werbevertrag dagegen...? Für die Schwinger ist die Zeit gekommen Swiss Olympic beizutreten, und die Causa Doping in professionelle Hände zu geben. Ansonsten wird sich die heile ganz schnell in eine ganz scheinheilige Welt verwandeln.