Dagobert Cahannes, beim Eidgenössischen 1992 in Olten amteten Sie erstmals als Stadionspeaker. Wie kams dazu?

Dagobert Cahannes: Beim Brünig-Schwinget 1989 musste Karl F. Schneider als Reporter für Radio DRS absagen. Die Redaktion beorderte mich mit der Begründung «Du als Judo-Spezialist wirst wohl vom Schwingen eine Ahnung haben» auf den Brünig. Das war mein erster Kontakt mit dem Schwingen. 1992 wurde ich von OK-Präsident Rolf Büttiker angefragt, mit Hans Jucker durchs Eidgenössische zu führen. Wir haben uns zum Ziel gesetzt, jeden Kampf kurz und sec anzusagen, genauso die Sieger. Unser Ehrgeiz war es, das Publikum professionell zu führen. Scheinbar haben wir den Ton getroffen.

Wie sieht denn Ihre Vorbereitung fürs Eidgenössische vom 31. August und 1. September in Burgdorf aus?

Die Vorbereitungen beginnen in den beiden vorangehenden Jahren. Ich besuche in dieser Zeit viele Schwingfeste. Ich führe einen Ordner mit aktuellen Statistiken. Es kommen Sitzungen mit den Veranstaltern hinzu. Seit SRF die Schwingfeste live überträgt, mache ich auch einen detaillierten Regieplan für den Ablauf in der Arena. Da muss alles auf die Minute genau geplant sein. Zudem erstelle ich präzise Anforderungsprofile für die Arbeitsplätze und rekrutiere den zweiten Speaker, die Regieperson und die Funker. Sogar eine mobile Toilette muss in der Nähe sein. 1992 musste ich beispielsweise eine halbe Stunde anstehen, ehe ich auf die Toilette konnte. Das geht nicht.

Sind Sie trotz minutiöser Vorbereitung mal in ein Fettnäpfchen getreten?

Zum guten Glück noch nicht. Kleine Fehler sind schon passiert. Ich bin jedoch eher «gefürchtet» für meine Sprüche. In Frauenfeld begann das Publikum bei einer umstrittenen Entscheidung im Kampf zwischen Thomas Zindel und Jörg Abderhalden, lautstark zu pfeifen. Das ist ein No-Go an einem Schwingfest. Deshalb sagte ich: «Am Nachmittag spielt der FC Zürich. Wenn ihr wollt, organisiere ich Billette für euch.» Dafür erhielt ich Applaus, und die Pfiffe blieben fortan aus.

Haben Sie schon mal den Zorn eines Schwingers auf sich gezogen?

Nein. Denn ich beleidige niemanden. Es gibt aber sicher Sprüche, die ich heute an einem Schwingfest machen darf, die ich zu Beginn meiner Speakerkarriere noch nicht hätte bringen dürfen. Am letzten Unspunnenfest sagte ich an eine Frau gewandt, sie solle doch bitte den Schirm zumachen, ansonsten merke auch der Hinterste und Letzte, dass sie zum ersten Mal an einem Schwingfest sei. Es erfordert die sogenannte sittliche Reife. Bislang hatte ich dieses «Gspüri».

Sie haben bereits sieben Eidgenössische als Speaker erlebt. Gibt es einen prägenden Moment?

Ja. Ein trauriger Anlass. Das war 2007 in Aarau, als der Schwinger Peter Gasser am Samstagnachmittag verstarb. Sein Herz versagte. Imfeld, ein guter Freund von Gasser, ebenfalls ein Schwinger, begleitete ihn ins Spital. Dummerweise wurde mir das nicht mitgeteilt, und ich rief die beiden mehrmals aus. Das ärgerte mich fürchterlich.

Wie gingen Sie damit um?

Ich hatte eine schlaflose Nacht, weil ich überlegte, wie ich am Sonntag reagieren sollte. Ich entschied, keine Musik zu spielen und zur Eröffnung am Morgen frei zu reden. Zudem erklärte ich den Zuschauern, dass Imfeld seinen Gang nachholen muss. Und ich sagte, dass ich mich aus Respekt dem Verstorbenen und seiner Familie gegenüber nicht als Pausenclown aufführen werde. Als ich anfing, zu reden, sind alle Leute aufgestanden. Das «tschuderet» mich heute noch. Und als Imfeld seinen nachgeholten Gang gewann, ging ein Applaus durchs Stadion, der wie ein warmer Regen war. Mir wurde bewusst: Das ist die Schwingerfamilie.

Wer ist denn für Sie der grosse Favorit in einem Monat in Burgdorf?

Es kommen etwa zehn Schwinger für den Königstitel infrage – etwa Arnold Forrer, Matthias Sempach oder Kilian Wenger. An einem Eidgenössischen spielt es eine grosse Rolle, was für ein Team man hat und wie gut sich der jeweilige Technische Leiter bei der Einteilung durchsetzen kann. Bruno Gisler muss man auch ganz klar auf der Rechnung haben. Die Frage aber lautet: Haben die Nordwestschweizer genügend Spitzenschwinger, um Gisler zu unterstützen? Es wird höllisch spannend, davon bin ich überzeugt.

Das vollständige Interview finden Sie in der OT-Ausgabe vom Sonntag.