Olten Devils
Die Weltmeister im Einrad-Hockey kennt keiner

Von Xherdan Shaqiri wissen Sie, wo er seine Ferien verbringt und mit wem. Aber Mirco Weingard von den Olten Devils kennen Sie nicht, dabei wurde er eben Weltmeister – als Spielertrainer.

Sébastian Lavoyer
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Das Schweizer Team an den Weltmeisterschaften im Einrad-Hockey
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Die Schweizer gehen als Sieger hervor
So strahlen Weltmeister
Die Schweizer Delegation auf einem Fleck

Das Schweizer Team an den Weltmeisterschaften im Einrad-Hockey

zvg

Als Xherdan Shaqiri & Co. zur EM in Frankreich aufbrachen, folgten ihnen die Medien-Vertreter auf Schritt und Tritt. Schon im Trainingslager in Lugano. Kameras hier, Kameras dort. Die Fussballer als Helden der Gegenwart. Vorbilder für Kinder und Jugendliche, überhäuft mit Geld und Aufmerksamkeit. Da ändert auch das mässige Abschneiden und das Aus im Achtelfinal gegen Polen nichts.

Szenenwechsel. San Sebastián. Einrad-Weltmeisterschaft im Baskenland. Mit dabei auch die Schweiz. Eine Einrad-Nation, wie Mirco Weingard (29) meint. Er ist Nati-Trainer und -Captain im Einrad-Hockey – und eben Weltmeister geworden. Mitbekommen hat das freilich kaum jemand. Einrad-Hockey ist ein Randsport, fernab der öffentlichen Wahrnehmung.

Luxus? Eine Wohnung für sechs

Während die Fussballer im Luxushotel hausen und selbst ihr Mittagessen eine News-Meldung wert ist, teilen sich die Einrad-Cracks zu sechst eine Wohnung. Zwar sieht der Ernährungsplan für die Sportler ähnlich aus, doch steht bei den Fussballern ein Profi-Koch am Herd, während die Einrad-Hockeyaner ihre Menüs selbst zubereiten. Die Nati flog im edlen Swiss-Flieger nach Frankreich, Weingard fuhr mit ein paar Kollegen in zwei Klein-Bussen mit Anhänger in den Norden Spaniens.

Einräder, Hockeyschläger, Zeitmessungsanlagen – Weingard chauffierte das Material für die ganze Schweizer Delegation nach San Sebastián. Rund 50 Athletinnen und Athleten, noch einmal so viele Helferinnen und Helfer. Darunter auch die Zeitmesser, die auch hier aus der Schweiz kommen. Für die WM mussten die meisten Ferien nehmen, die Reise, die Unterkunft, das alles bezahlen sie selbst.

Rund 50 Mannschaften massen sich im Einrad-Hockey. Eingeteilt in zwei Kategorien. Sie kamen aus Frankreich, Japan, Schweden, Südkorea, Dänemark und natürlich Deutschland. Ein Japaner führte die Deutschen in den 70er-Jahren in den Sport ein. Heute sind sie das Mass der Dinge, von Schweiz 1 im diesjährigen Final mit 6:2 bezwungen.

Mit einer Frau im Tor

Mirco Weingard sass Ende der 90er-Jahre mit 11 Jahren erstmals auf einem Einrad, zwei Jahre später griff er zum Hockeyschläger, gründete anschliessend mit ein paar Kumpels einen der ersten Einrad-Hockey-Vereine der Schweiz und bestritt mit 18 seine erste EM. Erste Teilnahme, erster Titel – der Anfang einer grossen Einrad-Karriere.

Eben hat er seinen vierten Weltmeistertitel im Einrad-Hockey geholt. Daneben staubte er auch schon WM- und EM-Titel im Einrad-Basketball und in der 4×100-m-Staffel ab. Grosse Schlagzeilen hat er damit nicht gemacht. Und die Sponsoren? «Es ist wahnsinnig schwierig, jemanden zu finden. Es braucht viel Goodwill, weil wir schlicht nicht allzu viel bieten können», so Weingard.

Der Kanton Solothurn ist eine Hochburg

Ein Deutscher brachte den Einrad-Hockey-Sport Mitte der 90er-Jahre in die Schweiz. Heute gibt es rund 150 Spielerinnen und Spieler, die sich in drei verschiedenen Ligen à je zirka acht Teams messen. Gespielt wird 5 gegen 5 mit Eishockeyschlägern und einem Tennisball. Meist duellieren sich die Teams in Dreifach-Hallen. Doch die Vorrundenspiele an der WM in San Sebastián wurden auf eisfreien Eishockey-Feldern gespielt. Sowohl Schweiz 1 als auch Schweiz 2 überstanden diese und qualifizierten sich für den Halbfinal. Dort allerdings unterlag das B-Team dem A-Team klar mit 10:2. Schweiz 1 wurde Weltmeister, Schweiz 2 Vierter. Mit grosser Unterstützung aus der Einrad-Hockey-Hochburg Solothurn: Mit Weingard, der zwar in Zofingen wohnt, aber in Olten spielt, seinem Assistenten Christian Peier (wohnhaft in Olten) und Fabio Gianformaggio (Zuchwil) stammt fast die Hälfte des Weltmeister-Teams aus der Region. Und auch im B-Team stellte der Kanton Solothurn mit Christian Jäggi (Zuchwil), Michael Loepfe (Gerlafingen) und Silvan Meier (Gretzenbach) drei Spieler. (sel)

Ausser Leidenschaft, natürlich. Zwei-, dreimal pro Woche trainieren die Nati-Cracks auf dem Einrad. Weingard zusätzlich noch fünf Mal im Kraftraum. «Leider sind da nicht alle gleich fleissig, was man in den Leistungstests jeweils auch sieht», klagt er. Weingard hat mit seiner Leidenschaft eine ganze Region angesteckt.

So stellen die Olten Devils, bei denen er spielt, und die Black Hawks Emmenbrücke LU, wo er bis vor zwei Jahren spielte, das komplette A-Nationalteam im Einrad-Hockey. Unter den vier Spielern aus Olten auch Torhüterin Ramona Hürzeler. «Eine Frau als Feldspielerin im A-Kader ist für mich eigentlich undenkbar – wenigstens beim derzeitigen Niveau», sagt der Nati-Trainer.

Harte Duelle, kaum Verletzte

Zu hart geht es in den Zweikämpfen zu und her. Obschon der Sport theoretisch körperlos ist. Theoretisch. Denn in der Praxis wird mit allen Bandagen gekämpft. Schulter an Schulter mit bis zu 25 km/h rasen die Spieler, Ellenbogen werden ausgefahren, Stockschläge, Rempler. Knieschoner, Handschuhe, Helme – trotz intensiven Zweikämpfen sind sie nicht Pflicht, sondern bloss empfohlen. «Wir hatten noch nie einen schlimmeren Unfall», versichert Weingard. Mal ein verstauchtes Fussgelenk, immer wieder Schürfwunden.

Gejammert wird nicht. Und so sitzt Weingard wenige Tage nach dem Triumph nicht am Strand von Ibiza, sondern bereits wieder in seinem Büro in Bern vor dem Computer. Denn er ist nicht nur Captain und Trainer der Einrad-Hockey-Nati, sondern arbeitet bei den SBB in der Produktionsplanung und -steuerung. Ganz nebenbei.