Fussball
Die Unglaubliche und wunderbare Beziehung Latours mit seinem FCS

Der FC Solothurn, die «Öufi-Stadt» und Hanspeter Latour – das passt für die Ewigkeit. Diesen Verein liebt er genau so sehr, wie Sommervögel, die durch Schweizer Landschaften tanzen.

Michael Schenk
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Hanspeter Latour fühlt sich mit «em Stedtli wunderhübsch, am blaue Aarestrand» wie es im Solothurner Lied steht sehr verbunden.

Hanspeter Latour fühlt sich mit «em Stedtli wunderhübsch, am blaue Aarestrand» wie es im Solothurner Lied steht sehr verbunden.

Marcel Bieri

«Der besonnene Bürger mit einer Neigung zur Philosophie und derselbe, als Trainer am Spielfeldrand, bis zur letzten Sehne seines Körpers engagiert und meist fast am Durchdrehen...», so kennt der Solothurner Schriftsteller Peter Bichsel Hanspeter Latour. Die kollegiale Beziehung zu FCS-Fan Bichsel ist etwas, das Latour bis heute mit Solothurn verbindet. «Wir telefonieren ab und zu miteinander», sagt der 67-Jährige. Über das Leben und seine Karriere als Goalie und Fussballtrainer und Fussball-Experte und Referent in Sachen Teambildung, Motivation, Organisation sowie seiner Liebe zu Schmetterlingen ist aktuell ein Buch erschienen. Bichsel benützt die zitierten Worte in seinem Vorwort.

Hans Dampf in allen Gassen

Der FC Solothurn füllt in besagtem Buch mit dem Titel: «Das isch doch e Gränni», Latours Spruch für die Ewigkeit, mehr als 20 Seiten. Bei 248 Seiten – abzüglich der Bilder – mehr als zehn Prozent. Die 13 Jahre, die Hanspeter Latour von 1983 bis 1996 beim FCS mit Leib und Seele tätig war, sind dies fraglos wert. Beim FCS erhielt der smarte Schaffer, nachdem er den Klub einst vor dem Fall in die 2. Liga bewahrt hatte, 1988 seinen ersten Profivertrag. Als erster 1.-Liga-Trainer der Weltgeschichte und erst noch über drei Jahre. «Unvorstellbar eigentlich», sinniert Latour da in der berühmten Suteria im Stedtli am Aarestrand.

Später führte er den Klub in die NLB und erreichte mit dem FCS in der Saison 1994/95 gar die Aufstiegsspiele zur NLA. Allein, in «Soleddurn» hat sich Latour um weit mehr als die taktische und technische Ausbildung seiner Kicker gekümmert: Hier war er der Master Blaster – hat Flyer kreiert, verteilt so Junioren angeworben, seine Anliegen bei potenziellen Sponsoren und Politikern in seinem unverwechselbar kernigen und pointierten Berndeutsch persönlich vorgetragen; das bis heute vorbildlich funktionierende, kantonale Nachwuchskonzept erschaffen; sich um den Ausbau der Infrastruktur gekümmert und, und....

In «Soloddurn» war Latour Trainer, Manager, Betreuer, Fahrer, Seelenmasseur, Revolutionär, Lobbyist, Visionär, Gründer und Baumeister. «Es war darum auch meine emotionalste Station als Trainer», hält der bodenständige Naturmensch unumwunden fest. Dank dem Vertrauen, das die seinerzeitigen Präsidenten Erich Egli und später dessen Nachfolger André Miserez in Latour setzten, konnte dieser mit seiner Familie Anfang der 90er-Jahre in die St.-Ursen-Stadt umziehen und eine Eigentumswohnung kaufen. «Meine Kinder gingen in Solothurn zur Schule und haben beide eine tolle Ausbildung genossen.» Yves und Jeanine haben später an der HSG in St. Gallen studiert. «Wenn wir damals im Berner Oberland geblieben wären, wer weiss, hätten sie vielleicht einen ganz anderen Weg eingeschlagen...»

Orientieren steht fix am Anfang

Hanspeter Latour hat dem FC Solothurn viel zu verdanken, und der FC Solothurn hat Hanspeter Latour viel zu verdanken. «Ein Berner Oberländer wie er», erzählt er, würde sich nur dann mit Leib und Seele und so ganzheitlich für eine Sache einsetzen, «wenn er ein echter Teil davon ist.» In Solothurn war Latour das und hat den Klub so dank seiner Schaffenskraft und seines Enthusiasmus gesellschaftlich in allen «Ligen» positioniert und ihm auch bei Amt- und Würdenträgern zu Akzeptanz verholfen. Stets seiner Maxime folgend: Orientieren, Motivieren, Organisieren. «Und zwar exakt in der Reihenfolge, das ist matchentscheidend», insistiert der Kult-Trainer. In der Praxis lautet die Reihenfolge leider meist: Organisieren, Verunsichern und notdürftig Informieren.

Für FCS sicheren Job aufgegeben

Später bei den Topklubs GC oder dem 1. FC Köln war so ein universelles Tun weder möglich noch nötig. «Ich wusste, dass man mich beim FC Solothurn nie fallen lässt», erinnert sich der begehrte Referent. Darum sei er seinerzeit auch – mit dem Segen seiner Frau Thilde – das Risiko eingegangen und habe einen sicheren Job beim Bund gegen einen Zeitvertrag beim Erst

ligisten FCS «eingetauscht». Wenn man heute zurückblickt, «was ich eigentlich nicht so gerne tue», sagt Latour, könnte man zum Schluss kommen, dass die Verbindung von ihm und dem FC Solothurn, die vor 30 Jahren weder naheliegend noch zwingend plausibel war, kein Zufall gewesen sein kann. «Man muss aufpassen, dass man in solche Hypothesen nichts reinprojiziert», sagt Latour. Aber ich denke manchmal schon auch, dass das irgendwie so kommen musste.» Die damalige strukturelle und sportliche Baustelle FC Solothurn und der damalige Trainer des Erstligisten FC Thun, ein Mann, der viel mehr ist als ein Fussball-Fachidiot, finden sich ...

Ein Vortrag im Altersheim

«Ich bin dem FC Solothurn mein Leben lang dankbar», sagt Hanspeter Latour. Wer weiss, wenn er aufs nächste Jahr hin plant, seine fussballerische Vergangenheit in allen geldbringenden Belangen – also auch in Form von Vorträgen oder Experten-Einsätzen – gänzlich einzustellen, liegt es sogar drin, «dass ich mir unter der Woche wieder mal ein Spiel in Solothurn anschaue.» Bei Bratwurst, Senf und Brot. Einige seiner seinerzeitigen Spieler, der heutige Nachwuchschef Ronny Vetter etwa, sind ja nach wie vor dabei.

Ansonsten aber soll künftig das 2000 Quadratmeter grosse Anwesen im Eriz das Vollblut-Einsatzgebiet von Hanspeter Latour werden. Mit einer leistungsstarken Fotoausrüstung bewaffnet, plant der Power-Rentner alles, was in seinem Revier kriecht, fliegt, läuft und wächst fotografisch festzuhalten und zu dokumentieren. «Vielleicht werde ich später einmal im Altersheim einen Vortrag über diese Arbeit halten», schmunzelt Latour. Wenn er über seine Liebe zu Fauna und Flora berichtet, wird sogar der kalte Kaffee im Tassli vor ihm wieder heiss. Auf gelungene Schnappschüsse eines Tannennähers etwa, einem Vogel, der sinnbildlich für Symbiosen in der Natur steht und darum das Logo des Nationalparks ziert, ist Latour stolz wie Oskar. Nicht selten legt er sich dafür stundenlang auf die Lauer.

Es ist dieses fühlbare, innere Feuer, diese Begeisterung des Hanspeter Latour, die seinerzeit auch die Verantwortlichen des FC Solothurn überzeugt hat. Diese Flamme, die in ihm für eine Sache, die ihm am Herzen liegt, lodert. Etwas, das ihn unvergleichlich macht – ob in Thun, Köln oder Solothurn.

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