«Wie bitte? So ein Angebot schlägt man nicht einfach aus!» Slaviša Stojanovic muss entweder masochistisch veranlagt sein, oder er ist ein Träumer. Vor gut drei Wochen gab der 43-jährige Trainer bei Roter Stern Belgrad seine Unterschrift.

Stojanovic folgte auf Ricardo Silva Sá Pinto, der den Bettel nach nur drei Monaten hingeworfen hatte. Der Portugiese wollte die Mannschaft substanziell verstärken, doch die Vereinsleitung winkte ab. Und das mit gutem Grund: Das Aushängeschild des ehemaligen jugoslawischen Fussballs ist hoch verschuldet. Die Last beläuft sich, je nach Interpretation, zwischen 35 und 50 Millionen Euro. «Unter diesen Umständen bleibt uns nichts anderes übrig, als uns anzupassen», sagt der Pressechef des Klubs, Marko Nikolovski.

Grosse Sprünge, um international in der ersten Reihe mitzuspielen, liegen seit längerem nicht mehr drin. Der Krieg und später die Misswirtschaft haben den Verein an den Rand des Ruins getrieben. Aus dem roten, wurde fast ein toter Stern.

Die von Prosinecki, Savicevic und Co.

Wer sich am Uhrencup umhört, der wird zum Nostalgiker. Anfang der 1990er-Jahre strahlte der Rote Stern um den Fussball-Globus. Am 29. Mai 1991 gewann die Mannschaft unter dem damaligen Trainer Ljupko Petrovic in Bari gegen Olympique Marseille den Cup der Landesmeister, die heutige Champions League.

Marko Nikolovski erinnert sich genau: «Ich war 15 Jahre alt und im Stadion unter den Zuschauern. Während er schwärmt, bekommt er Gänsehaut. «Es war der schönste Tag in meinem Leben, nach der Geburt von meinem Sohn selbstverständlich.» Kurz darauf adelte sich das Wunderteam mit Robert Prosinecki, Dejan Savicevic, Siniša Mihajlovic und Darko Pancev mit dem Gewinn des Weltpokals.

Für ein Spiel nach Belgrad

Der Ruhm ist längt verblasst. Dennoch, die Fans, und die sind in Grenchen zahlreich erschienen, tragen das Tenü mit Stolz und Würde. Zu ihnen zählt auch Bratislav Cvetkovic. Er ist am Samstag zum Spiel gegen die Grasshoppers mit seinem Neffen Alexander Djokic aus dem Zürcher Unterland angereist. Andere fanden aus der Ostschweiz, aus Frankreich und Deutschland den Weg ins Stadion Brühl.

Cvetkovics Zuneigung ging früher so weit, dass er für ein Europacup-Spiel am Dienstag nach Belgrad flog, am Mittwoch sich das Spiel im legendären Marakana-Stadion ansah und am Donnerstag wieder ins Flugzeug in die Schweiz stieg.

Verständlich, dass die Anhänger jenen Zeiten nachtrauern. Die Konkurrenz kommt nicht mehr aus Manchester, Barcelona oder München. Roter Stern wurde in der heimischen Meisterschaft zuletzt, hinter Erzfeind Partizan, sechsmal Zweiter und musste sich mit der Teilnahme an der Euroleague begnügen.

Auch in der kommenden Saison. In zwei Wochen bestreiten die Mannen von Slaviša Stojanovic die unspektakuläre 2. Vorrunde. Der Gegner heisst entweder Vestmannaeyjar aus Island oder Thorshavn von den Färöer-Inseln.

Gazprom als Hauptsponsor

Der Weg zurück an die Spitze ist beschwerlich. Doch die Strategie steht. In 10 Jahren will man wieder der Bel Étage im europäischen Fussball angehören, rechnet Marko Nikolovski. Mit der russischen Gazprom hat man einen potenten Geldgeber an Bord holten können, der diesen ehrgeizigen Plan mitträgt.

An einem Schnupperkurs dürfen die Belgrader heute teilnehmen. Im Spiel um den Turniersieg des Uhrencups trifft Roter Stern auf Champions- League-Vetreter FC Basel. Slaviša Stojanovic sieht der Partie freudig entgegen. Er will den Mythos aufleben lassen. «Fragen Sie immer noch, warum ich das Angebot angenommen habe?»