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Die Radfahrer erhalten in Grenchen ein neues Wohnzimmer

Nationalmannschaftsmitglieder fuhren am Freitagabend die ersten Runden im Velodrome Suisse. «Wie auf einem Billardtisch» lautete das Urteil vom vierfachen Weltmeister Franco Marvulli. Auch Strassenfahrer Mathias Frank wagte sich auf die Bahn.

Patrick Pensa
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Das U23-Bahnvierer-Nationalteam absolvierte zwei Kilometer mit fliegendem Start unter zwei Minuten. Foto: Keystone/Peter Klaunzer

Das U23-Bahnvierer-Nationalteam absolvierte zwei Kilometer mit fliegendem Start unter zwei Minuten. Foto: Keystone/Peter Klaunzer

KEYSTONE

50 Meter sind für Radfahrer eigentlich nichts. Sie hätten Fabian Cancellara im Frühling kaum an seinem Triumph bei der «Ronde van Vlaanderen» gehindert. Der Klassiker von Brügge nach Oudenaarde erstreckt sich über mehr als 256 Kilometer. 50 Meter mehr – dem Berner wäre es wohl nicht einmal aufgefallen. In der Halle, auf der Bahn sind 50 Meter aber alles. Sie entscheiden darüber, ob eine Bahn einfach eine nette Trainingsmöglichkeit ist oder ob auf ihr Weltcups oder sogar Weltmeisterschaften ausgetragen werden können. 50 Meter, das ist der Unterschied zwischen der Bahnlänge in Aigle und dem Oval im neuen Velodrome Suisse in Grenchen.

Schweizer Bahnfahrer testen das Oval

Nachdem am Donnerstag die Bahn vom internationalen Radverband abgenommen und für WM-tauglich eingestuft wurde, konnte gestern Mitglieder der Schweizer Rad-Elite erste Runden darauf drehen. Neben vielen Bahnspezialisten wie Junioren-Weltmeister Tom Bohli, WM-Bronzegewinner Stefan Küng oder dem Bahnspezialisten schlechthin, Franco Marvulli, waren das auch vier Strassenfahrer des BMC-Teams. Besonders im Fokus Mathias Frank, der vor einer Woche an der Tour de Suisse lange Zeit Leader war.

Strassenreflexe gefährlich auf Bahnrad

Am Freitagabend ging es ihm nicht um die Führung, sondern eher darum, das Showrennen heil zu überstehen. «Meine Strassenreflexe funktionieren hier nicht. Bahnräder haben keine Bremsen und keinen Leerlauf. Deswegen werde ich das Rennen eher konservativ angehen», sagte der 26-jährige Radprofi. Dies umso mehr, weil am Sonntag die Schweizer Meisterschaften auf der Strasse anstehen.

Cancellara hält sich zurück

Aus diesem Grund verzichtete Fabian Cancellara ganz auf einen Start auf Holz. Auch vom Moderator liess er sich nicht aus der Reserve locken. Angesprochen, ob er nicht auf dieser Bahn einmal versuchen wolle, den Stundenrekord zu brechen, wich er aus. Es sollen lieber andere erst einmal testen, ob die Bahn wirklich die schnellste der Welt sei, bevor er sich auf einen Rekordversuch einlasse. «Wenn ich einen Versuch starte, dann will ich den Rekord auch schaffen», sagte Cancellara, der aber anfügte, dass er laut seinem Navi nur 33 Minuten entfernt wohne und dies eine sehr gute Voraussetzung wäre.

Bahn eröffnet viele Möglichkeiten

Bahnexperte Franco Marvulli, der am Donnerstag bereits bei der Bahnabnahme dabei war, attestierte dem Grenchner Oval sehr gute Eigenschaften. «Es rollt wir auf einem Billardtisch und es ist die einzige Bahn, bei der es einen richtig aus der Kurve herauskatapultiert», sagte er. Die Schweiz sei früher schon erfolgreich gewesen im Radsport, nicht auszudenken, was mit dieser Bahn alles möglich sei.

Trainingsstätte für nächste Medaillengewinner

Gebaut ist das Velodrome, das auch die Büros von Swiss Cycling beheimatet, für den Schweizer Nachwuchs. Hier sollen zukünftige Medaillengewinner das Handwerk erlernen. Bahnfahrer hätten einen runden Tritt, eine hohe Kadenz und gute Reflexe: Alles Eigenschaften, die man auch auf der Strasse gebrauchen könne, fasste Initiator Andy Rihs zusammen.

Bronzegewinner Küng bald Dauergast

Einer dieser Zukunftshoffnungen ist Stefan Küng. Der 19-jährige Ostschweizer gewann in diesem Jahr bereits Bronze bei der Elite-Bahn-WM und ist Teil des U23-Bahnvierers, der sich für die Olympischen Spiele 2016 qualifizieren soll. «Die Bahn ist fantastisch. Zudem verkürzt sich mein Reiseweg drastisch. Nach Aigle hatte ich jeweils vier Stunden.» Aber auch Küng konzentriert sich zuerst auf das Strassenrennen am Sonntag. Danach geht es aber direkt nach Grenchen zu einem Kaderzusammenzug. Ein Zimmer für das Team sei bereits reserviert.

Marquet gewinnt Ausscheidungsrennen

Im Show-Ausscheidungsrennen gewann übrigens der Walliser Tristan Marquet. Er übersprintete einen Kollegen auf der Zielgeraden. Manchmal sind eben bereits Zentimeter alles.