Radsport
Die etwas andere Ausfahrt an Auffahrt

Extremsportler René Schiegg (60) aus Selzach will sich den Weltrekord im 24-Stunden-Bahnfahren schnappen. Dabei wird er bis zu 70 000 Pedal-Umdrehungen machen, 680 bis 700 Kilometer zurücklegen und 2800-Mal um das 250 Meter lange Oval fahren.

Michael Schenk
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Extremsportler René Schiegg (60) aus Selzach will sich den Weltrekord im 24-Stunden-Bahnfahren schnappen.

Extremsportler René Schiegg (60) aus Selzach will sich den Weltrekord im 24-Stunden-Bahnfahren schnappen.

Michael Schenk

Es gibt Leute, die verbringen ihre Freizeit mit einer idyllischen Bergwanderung, andere treffen sich mit Freunden bei einem feinen Picknick, wiederum andere basteln Modelflugzeuge, oder posaunen in der örtlichen Harmoniemusik. René Schiegg zieht es vor, Triple-Ultra-Triathlons zu bestreiten (11,4 km Schwimmen, 540 km Radfahren, 126,6 km Laufen!), sich solo eine Woche lang während mehr als 80 Stunden durch einen Gigathlon zu „fighten“, oder auch Mal so 500 km im Rahmen des Trans-Swiss-Trial wettzuwandern.

Es ist der Kampf gegen den inneren Schweinehund, das Ausloten und Erweitern eigener Grenzen sowie das Glücksgefühl im Ziel, das Menschen solch gigantische Torturen auf sich nehmen lässt. Dabei fliesst so viel körpereigenes Adrenalin, Dopamin oder Serotonin, dass man förmlich „high“ abhebt. Auch darum kommen viele immer wieder, obwohl sie kurz danach schworen – „nie mehr“. „Man muss es in einem gewissen, positiven Sinn mögen zu leiden“, sagt Schiegg.

„Die Mörderlunge“

Im Rahmen der Grenchner Gewerbeausstellung startet der pensionierte Informatiker an Auffahrt zu seinem, für unsereins, nächsten Horror-Trip. Wie immer betreut und unterstützt von seiner Frau Rita – „sie weiss haargenau wann ich was brauche“ – will der Solothurner den Weltrekord im 24-Stunden-Bahnfahren seiner Altersklasse Ü60 knacken. „Ich bin sehr zuversichtlich, dass es klappt“, sagt Schiegg.

Als Teilzeit-Bahn-Instruktor im Velodrom der anderen beibringt, in einem Oval Velo zu fahren, war der frühere Radrennfahrer hautnah dabei, als Gérald Granger den aktuellen Rekord von 640,758 km markierte. „Das kann ich auch“, hatte er damals gedacht. Die „Mörderlunge von Selzach“, wie ein passender Übername für Schiegg lauten könnte, rechnet mit 680 bis 700 km. „Der 12-Stunden-Test ist gut verlaufen" , hält er fest. Erreicht er sein Ziel, wird er ergo an die 2800-Mal um das 250 m lange Bahn rotiert sein.

Das besondere Velo

Extravagant an diesem Rekord ist der Starrlauf des Bahnvelos. Schiegg hat also keine Chance, die Beine einmal baumeln zu lassen wie bei normalen „Trettferraris“. Jeder Meter geht in Form einer Pedal-Umdrehung – letztlich dürften es so 60 000 bis 70 000 sein – in seine Beine. „Wie gesagt, ich bin zuversichtlich – allerdings weiss man bei solchen Sachen nie genau, wie der Körper nach 15 oder 18 oder 20 Stunden reagieret.“ Alle zwei bis drei Stunden ist ein zwei bis fünfminütiger Blasenentleerungs- und Dehnungs-Stopp vorgesehen. 24 Stunden wachbleiben sind für den Durchalte-Mann kein Problem. „Nein, da sind so viele Hormone im Spiel – die Müdigkeit kommt am Tag danach.“ Wie gesagt – andere machen an Auffahrt ein gemütliches „Velotürli“ oder „Spaziergängli“, oder spielen eine nette Runde Minigolf; einige wenige, wie René Schiegg, kurbeln mit dem Velo um ein Oval, dass jeder Mixer vor Neid erblasst. Doch wie heisst es so schön: „Der einzige Geschmack, der einem Menschen wirkliche Befriedigung geben kann, ist sein eigener.“