Familiensache
Der Weg zum Sportler-Ruhm – Welche Rolle übernimmt die Familie?

Eltern sind die ersten Förderer ihrer Kinder, dies birgt Risiken. Wichtig für Eltern: Den richtigen Moment zum Loslassen zu finden. Das Beispiel der Unihockey-Familie Garnier zeigt, wie das Zusammenspiel Eltern/Kinder funktionieren kann.

Daniel Weissenbrunner
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Die Sportfamilie Garnier: hinten Manuel und Sarah, vorne von links Michael, Vater Jacques, Mutter Gabi und Simon.

Die Sportfamilie Garnier: hinten Manuel und Sarah, vorne von links Michael, Vater Jacques, Mutter Gabi und Simon.

Daniel Weissenbrunner

Nicola Spirig, Sarah Meier, Lara Gut. Drei Leuchttürme des Schweizer Sports. Olympiasiegerin, Europameisterin, Weltcupsiegerin. Dass Triathletin Spirig, Eiskunstläuferin Meier und Skiläuferin Gut den Weg an die Spitze geschafft haben, verdanken sie nicht nur ihrem Talent. Massgeblichen Anteil an der Karriereplanung und den Erfolgen fällt den Eltern zu. «Sie sind die ersten Förderer ihrer Kinder», sagt Sportpsychologe Jürg Bühler.

Einen Leitfaden über Chancen, Risiken und Nebenwirkungen einer gezielten Förderung hat Swiss Olympic in einer Ethik-Charta zusammengefasst. Der Dachverband des Schweizer Sports hält im sieben Punkte umfassenden Manifest die Rolle der Eltern explizit fest. Ein Aspekt, der nicht selten zu Problemen führt, ist die Selbstüberschätzung. Wenn Eltern versuchen, ihre sportlichen Kompetenzen zu überschreiten.

Negativ-Beispiele sind vorhanden

«In den Einzelsportarten kommt das häufiger vor als in Teamsportarten», weiss Jürg Bühler, der auch als stellvertretender Ausbildungschef und Mitglied des Kaders Swiss Tennis tätig ist. Gerade im Tennis drangen in der Vergangenheit Fälle an die Öffentlichkeit. Bekannteste Beispiele sind wohl jene von Jennifer Capriati, die in die Drogen abrutschte, und Jelena Dokic, die sich nach Gewaltanwendung von ihrem Vater getrennt hatte.

Familiensache: Die Karriereplanung der Kinder

Die Karriere-Entwicklung von Kindern und Jugendlichen wird entscheidend von den Eltern geprägt. Unterstützen, fördern und im richtigen Moment loslassen, das ist die schwierige Aufgabe der Erziehungsberechtigten, deren Kind im Sport Talent hat. Auf dem Weg vom begabten Kind zum Nachwuchsspitzensportler gibt es eine Reihe von wichtigen Entscheiden zu treffen. (Nch)

In die Rolle reingewachsen

Solche Eskapaden sind den Garniers fremd. Die Familie aus Messen hat scheinbar die richtige Balance zwischen Familie, Ausbildung und Spitzensport gefunden. Jacques (53) und Gabi (50) haben vier Kinder, allesamt sportlich, zwei davon ambitioniert. Michael und Simon Garnier (21) spielen beim Unihockey-Klub Wiler-Ersigen in der Nationalliga A. Der 22-jährige Michael gehört ausserdem zum Kreis der Nationalmannschaft.

Schule/Beruf dürfen nicht leiden

«Eine Karriereplanung im eigentlichen Sinn gab es bei uns aber nicht», sagt Mutter Gabi. «Unsere Kinder haben sich von klein auf gern und viel bewegt. Der Rest hat sich dann ergeben.» Der freie Auslauf ihrer Kinder war bei den Garniers an eine wesentliche Bedingung geknüpft. «Schule und Beruf dürfen wegen des Sports nicht darunter leiden», erklärt Jacques Garnier. Für die Kinder war die Befürchtung des Vaters unbegründet. Michael arbeitet in der Immobilienvermarktung, Simon als Zahntechniker.

Dass es neben dem Spitzensport Raum für die Ausbildung gibt, bewiesen auch Nicola Spirig und Sarah Meier. Spirig schloss ihr Jus-Studium erfolgreich ab und ist mittlerweile selber glückliche Mutter. Meier holte auf dem zweiten Bildungsweg das Sportmanagement Studium nach und besucht heute die Ringier Journalistenschule.

Gefahr von Entwicklungsstörungen

Der Grat zwischen sinnvoller Förderung, wenn es die denn gibt, und überfordern ist indessen schmal. «Das Ziel der Eltern sollte ja sein, dass ihre Kinder selbstständige und glückliche Menschen werden», sagt Jürg Bühler. Dass die Praxis auch anders aussieht, weiss der Sportpsychologe aus seiner Arbeit. «In Einzelsportarten ist die Gefahr grösser, dass es zu Entwicklungsstörungen kommt oder fehlende Sozialkompetenz auftritt.»

Mangelndes Bewusstsein ist bei den Kindern von Gabi und Jacques Garnier nicht auszumachen. Neben Michael und Simon treten auch Manuel (18) und Sarah (15) selbstsicher auf. Die jüngsten Familienmitglieder stehen sportlich zwar im Schatten ihrer Geschwister. Das Familiengefüge und die persönliche Entwicklung wurden dadurch aber nicht beeinträchtigt. Im Gegenteil: Manuel, der als Konstrukteur arbeitet und als Junior ebenfalls Unihockey spielte, trifft man heute mit seinen Brüdern regelmässig auf dem Golfplatz Limpachtal an. Kantischülerin Sarah war bis vor kurzem leidenschaftliche Voltige-Reiterin.

Bei den Garniers versteht man den Sport offensichtlich als Chance, als Lebensschule. «Als gute Basis für kommende Aufgaben», sagt Vater Jacques. Der Rest der Familie nickt zustimmend.

«Eltern sind häufig etwas zu nah dran»

Allan Guggenbühl, gibt es die ideale Förderung für Kinder?

Allan Guggenbühl: Das hängt auch immer davon ab, ob sich ein Kind fördern lässt. Ganz wichtig ist es, herauszufinden, ob ein Kind Potenzial hat.

Wie kann man das feststellen?

Das ist von Kind zu Kind ganz unterschiedlich. Ein wesentlicher Punkt ist aber, dass sich das Kind auf etwas fokussieren kann. Ist das gegeben, geht es darum, dass man mit ihm die Ziele umreisst und so die Förderung angeht.

Sind die Eltern dafür der geeignete Ansprechpartner?

Das kommt einerseits auf das Alter des Kindes und andererseits auf das Fördergebiet an. In gewissen Dingen können die Eltern definitiv eine Rolle spielen. Häufig ist es besser, wenn es eine Person ist, zu der das Kind eine Beziehung hat, die aber trotzdem eine gewisse Distanz hat. Die Eltern sind häufig etwas zu nahe dran.

Das heisst?

Die Gefahr, dass sich die Kinder verweigern, ist so eher gegeben. Mit den Eltern gibt es auch noch andere Themen, die abgehandelt werden. Das kann die Förderung stören.

Was sind die Risiken gezielter Förderung?

Dass man etwas fördern will, wo gar kein Potenzial vorhanden ist. So können Erwartungen entstehen, die das Kind gar nicht erfüllen kann. Auch die Projektion von Zielen und Träumen, die die Eltern selber nicht erreicht haben, ist eine Gefahr für das Kind.

Wie können solche Projektionen verhindert werden?

Die Eltern selber merken das häufig nicht, weil sie eben zu nah dran sind. Teilweise ist es auch so, dass Kinder die Wünsche der Eltern intuitiv übernehmen. Das kann dann aber auch ein enormer Motivationsschub sein, der zu ausserordentlichen Leistungen führen kann.

Der Grat zwischen Ansporn und Überhitzung ist schmal. Worauf muss besonders geachtet werden?

Das Kind muss auch das Recht haben, Kind zu sein. Es ist wichtig, in der Förderung das richtige Mass zu finden. Sonst droht ein kompletter Ausstieg, sobald die Pubertät kommt.

Weshalb in der Pubertät?

Weil die Jugendlichen da so langsam ihre eigenen Zielsetzungen und Ziele entwickeln. Deshalb ist es auch wichtig, dass die mit den Verbänden und Eltern erarbeiteten Förderpläne nicht zu stark auf die mögliche Leistung, sondern eben auch auf den sozialen Reifeprozess des Kindes oder Jugendlichen ausgerichtet sind.

Allan Guggenbühl ist seit 1984 Leiter der Abteilung für Gruppenpsychotherapie für Kinder und Jugendliche an der kantonalen Erziehungsberatung der Stadt Bern und Direktor des Instituts für Konfliktmanagement in Zürich. Daneben ist der 61-Jährige als analytischer Psychotherapeut mit eigener Praxis in Zürich und seit 2002 als Professor an der Pädagogischen Hochschule Zürich tätig.

Interview: Dean Fuss