Michael Schenk «Wenn da, wo Red Bull drinstecken sollte, im entscheidenden Moment Gurkensaft rauskommt, nützt alles nichts.»

Michael Schenk «Wenn da, wo Red Bull drinstecken sollte, im entscheidenden Moment Gurkensaft rauskommt, nützt alles nichts.»

Der TVS lieferte während der letzten Wochen und Monate ein beeindruckendes Stück Handball. Ab dem zweiten Spieltag führte die junge Truppe von Coach Matthias Heger die Tabelle an und blieb in der Folge auch anlässlich der ersten drei Aufstiegsspiele siegreich. Ja, wenn es erst einmal lief und jeder Spieler innerlich überzeugt war, diesen oder jenen Match unmöglich mehr zu verlieren, dann konnten die Solothurner sogar zaubern. Dann liessen sie ihrem Potenzial freien Lauf und boten «Spectacolo».

Ist die Konstellation nicht, wie sie sein sollte, droht der Kollaps

Unter gewissen Umständen war und ist man also fähig, Vollgas zu spielen. Wobei diese «gewissen Umstände» durchaus mit «ungefährdeter Ausgangslage» ersetzt werden könnten. Ist die Konstellation jedoch nicht, wie sie sein sollte, oder lässt sich aus eigener Kraft nicht zur Komfortzone umbauen, dann droht die vollkommene Bauchlandung. So wie zuletzt in den zwei abschliessenden Aufstiegsrundenspielen. In dem Sinn ist der TV Solothurn mental grandios gescheitert. Ein Fall fürs Poesiealbum. Zehn schwarze Minuten führten im Spiel der ersten Chance, den Sack zuzumachen, in die Niederlage. 9:8 führte man nach 20 Minuten gegen Pilatus – 12:18 hiess es zehn Minuten danach zur Pause.

Das alles nützt wenig, wenn Ende Saison Frust dominiert

Im alles entscheidenden Spiel auswärts gegen Wädenswil lag man phasenweise gar mit vier Toren vorn und konnte den geforderten Kurs «Sieg oder Remis» bis in die Schlussphase halten. Dies, um dann im Endspurt alles zu «verjassen». Und zwar nicht mit Pech, sondern hochkant und heftig. Je nach mentaler Kraft wirken Druck und Stress schädlich oder anregend. Für den TV Solothurn traf heuer definitiv Ersteres zu. Hier gilt es den Hebel also künftig anzusetzen. Erfolg entscheidet sich im Kopf – und zwar je höher die Liga, desto konsequenter. Die ganze Aufbauarbeit, sei es punkto Teamformierung und -building, Trainerfrage oder Entwicklung professioneller Strukturen ist schön und gut. Beim TVS hat man diesbezüglich zuletzt auch einen guten Job gemacht und die Lehren aus den beiden dieser Spielzeit vorausgehenden NLB-«Knorz»-Saisons gezogen. Das alles nützt freilich wenig, wenn Ende Saison Frust dominiert, weil der Kopf am Tag X versagt hat. Wenn da, wo Red Bull drinstecken sollte, im alles entscheidenden Moment Gurkensaft rauskommt. Weil die «Angst vor dem Sieg» die «Lust vor dem Sieg» besiegt.

An Gutes muss man sich schliesslich erst gewöhnen

Nun, die Erfahrung, Favorit und die Gejagten zu sein, so wie heuer, ist für einen Grossteil des TVS-Kaders eher neu. Eine Erfahrung, an der man reifen kann. Auch an Gutes muss man sich schliesslich erst gewöhnen. Darum lohnt es sich für diese TVS-Equipe, den eingeschlagenen Weg erhobenen Hauptes fortzusetzen. Ein zweites Mal wird man sich die Butter garantiert nicht mehr so einfach vom Brot nehmen lassen.