Fussball
Der neue Wangen-Trainer will die Kritiker verstummen lassen

Der zweifache Schweizer Meister und Fussball-Lehrer André Fimian hat beim FC Wangen das Zepter übernommen.

Raphael Wermelinger
Drucken
Teilen
Der Deitinger André Fimian hat noch exakt 37 Tage Zeit, Wangen auf das erste Rückrundenspiel vorzubereiten.

Der Deitinger André Fimian hat noch exakt 37 Tage Zeit, Wangen auf das erste Rückrundenspiel vorzubereiten.

BRUNO_KISSLING;Bruno Kissling;

Wieso nimmt Trainer André Fimian auf dem Schleudersitz Chrüzmatt Platz? Diese Frage sei dem 52-Jährigen in den letzten Tagen oft gestellt worden. «Ich mag Herausforderungen», lautet seine Antwort. «Und ich mag es, wenn ich mir Sachen beweisen kann und auch gewissen Kritikern beweisen kann, dass man auf Spieler eingehen muss, wenn man alles aus ihnen herausholen will.»

Es sei nun an ihm, aus dem vorhandenen Spielermaterial ein funktionierendes Gebilde zu basteln. «Dafür werde ich in den nächsten Wochen sicher viel herumschrauben müssen», weiss Fimian. «Am Schluss werden beim ersten Rückrundenspiel elf Mann auf dem Platz stehen und sieben, acht hintendran, die hoffentlich alle darauf brennen, ihr Bestes für den FC Wangen zu geben.»

Rücktritt mit 26 Jahren

André Fimians eigene Fussballkarriere war kurz, aber intensiv. Er wurde bei den Grasshoppers ausgebildet und lief bereits 1981 als 16-Jähriger erstmals für die Zürcher in der NLA auf. In seinen zwei Saisons im GC-Fanionteam gewann Fimian zwei Meistertitel und einmal den Schweizer Cup. Es folgten drei «geile Jahre» in St. Gallen, ein Abstecher zum FC Grenchen und vier Spielzeiten bei den Berner Young Boys. Als ein neuer Trainer kam, der nicht auf ihn setzte, beendete Fimian seine Karriere als 26-Jähriger. «Ich wurde wie so oft in meiner Karriere von einem Trainer übergangen. Obwohl ich davor der beste Torschütze des Teams war, erhielt ich kein Vertrauen mehr. Da verlor ich auch die Lust», blickt er zurück.

Diesen drastischen Schritt bereut er bis heute nicht: «Es musste wohl einfach so sein. Was ich in meinen zehn Jahren als Profi erlebt habe, kann mir niemand mehr nehmen.» Spiele im Wembley in London, im San Siro in Mailand oder im Olympiastadion in Kiew blieben besonders in Erinnerung. Er sei der Proletarier gewesen auf dem Fussballfeld, sagt er über sich selbst: «Ich war eine Kampfsau, ein Brecher im Angriff.»

Seine Fussballschuhe hängte Fimian nach der YB-Zeit aber nicht gleich an den Nagel, sondern führte danach Bümpliz als Spielertrainer in die NLB. Laufen, Sursee und Zofingen hiessen die folgenden Stationen seiner Trainerlaufbahn. Dann arbeitete er lange Zeit im Nachwuchsbereich: zuerst beim FC Solothurn, dann beim FC Wacker Grenchen. Seit 2004 leitet Fimian zusammen mit seiner Lebengefährtin eine eigene Fussballschule. «Im Kanton Solothurn ist wohl jeder Trainer schon irgendwann bei mir gewesen», sagt er stolz und erklärt: «Wir bilden aber nicht nur Trainer aus, sondern bieten auch Fussballcamps und Lehrgänge an und organisieren grössere Fussballturniere in der Region.»

In der Kennenlernphase

Aufgrund der langjährigen Erfahrung als Instruktor bezeichnet sich André Fimian als Fussball-Lehrer. So hat er auch eine ganz klare Philosophie, was den Trainer-Job anbelangt: «Am wichtigsten ist, dass die Spieler dem Trainer vertrauen. Das heisst, als Trainer muss ich die Spieler von meiner Fach- und Sozialkompetenz überzeugen können.» Die Spieler sollen sich nicht dem Trainer anpassen, sondern umgekehrt, ist Fimian überzeugt. Vor allem was das Spielsystem angeht: «Ich muss für jeden Spieler die optimale Rolle im Team finden. Die Rolle, die seinem Naturell und seinen Fähigkeiten entspricht.» Das Kennenlernen der Spieler sieht er im Moment denn auch als seine Kernaufgabe. «Ich muss ihre Stärken, aber auch ihre Schwächen kennen und wissen, welcher Spieler wie geführt werden muss.»

Anfang Woche leitete Fimian sein erstes Training auf der Chrüzmatt. Der erste Eindruck: «Ich hatte Mitleid mit den Spielern. Weil wir so spät in die Rückrundenvorbereitung gestartet sind und vor allem, weil wir momentan praktisch nur laufen können, etwas anderes ist bei dem Schnee kaum möglich.» Nicht nur die äusseren Gegebenheiten bescherten ihm Sorgenfalten, sondern auch die Grösse des Kaders. Dieses soll bis zum Rückrundenstart definitiv noch verbreitert werden, sagt Fimian: «15 Spieler sind einfach zu wenig. Ich denke wird brauchen 18 bis 20 Spieler im Team. Wir sind dran, führen viele Gespräche, doch die Situation auf dem Markt ist schwierig.»

Fimian spricht nicht von Verstärkungen, sondern «adäquaten Ergänzungen», damit die Konstanz gegeben sei: «Ein Spieler, den ich einwechsle, muss für einen Ruck im Team sorgen und nicht das Ganze verschlimmbessern.» Fimian zeigt sich skeptisch, dass mit kurzfristigen Transfers die Qualität am Ende auch in der Breite stimme, doch er stellt klar: «Ich will in der 1. Liga nicht mit 13 oder 14 Spielern an ein Meisterschaftsspiel fahren müssen. Das ist peinlich.»

In der Vorrunde noch Gegner

Dies war beim FCW in der Vorrunde teilweise der Fall. Fimian sah dies mit eigenen Augen. Als Trainer von Wangens Ligakonkurrenten FC Black Stars. Das Duell endete für die Wangner mit einer 1:8-Klatsche. «Wir erwischten Wangen an diesem Tag eiskalt. Sie hatten praktisch keine Ersatzspieler und keinen Ersatzgoalie dabei», erinnert sich Fimian. «Es war deutlich zu spüren, dass dieser Verein, diese Mannschaft beissen muss. Ich hatte Bedauern mit den FCW-Spielern und ihrem Trainer.»

Dass Fimian die Fronten wechselte, rührte daher, dass sich der FC Black Stars im Winter von ihm trennte. Als Tabellenneunter und damit zwei Ränge vor den Wangnern klassiert. Wieso es bei den Baslern nicht mehr stimmte, sei eine berechtigte Frage, lacht Fimian: «Ich weiss es bis heute nicht. Es gab Machenschaften, auf die ich keinen Einfluss hatte, die aber sicher nicht sportlicher Natur waren.»

Für den FC Wangen könnte diese Trennung nun zum Glücksfall werden. Denn Fimian hat Grosses vor in der Rückrunde. «Wir haben zwölf Spiele und ich will jeden Match gewinnen.» Der Tabellenrang interessiere ihn nicht gross. Sein Ziel sei es, so viele Punkte wie möglich zu holen und guten Fussball zu zeigen. «Ich will die Wangen-Kritiker verstummen lassen und dafür sorgen, dass es heisst, der FC Wangen spielt einen attraktiven Fussball.» Das Potenzial dazu sei jetzt schon vorhanden, auch ohne die möglichen Wintertransfers. «Die individuelle Klasse ist definitiv da, das habe ich bereits gesehen. Es hat ein paar ganz gute Kicker in dieser Mannschaft.»

Auf die Wangen-Spieler warten bis zum Rückrundenstart am 5. März intensive Wochen. Dies verspricht der neue Trainer: «Sobald ich herausgefiltert habe, welches System am besten zu den Spielern passt, werden wir an der Taktik feilen.» Was für die Spieler vor allem im mentalen Bereich eine Herausforderung sein werde. Doch der Aufwand ist nötig, weiss Fimian: «Neben dem FC Aarau, dem FC Solothurn oder auch einem finanzstarken FC Schötz wird es für einen Dorfklub wie Wangen immer schwieriger, in der 1. Liga zu bestehen. Wir müssen uns nach der Decke strecken und versuchen, das Beste herauszuholen.»

Aktuelle Nachrichten