Es läuft die letzte Spielminute der Saison 2017/18. Ein letztes Mal den Puck behaupten, einen letzten kernigen Check setzen. Dann ertönt die Schlusssirene. Während Rapperswil den Meistertitel feiert, fliessen beim EHC Olten Tränen.

Allen voran bei Marc Grieder. Denn er weiss: Diese vierte Finalniederlage bedeutet für ihn das Karrierenende. Der 33-Jährige hat spielerisch gewiss den Zenit erreicht, aber vielmehr zwingt ihn seine langwierige Knieverletzung zum Rücktritt. «Es hat wehgetan. Nicht nur, weil meine Karriere zu Ende ging, sondern auch, weil wir als Team eine grosse Chance verpasst hatten, Meister zu werden.»

Tränen der Enttäuschung: Marc Grieder nach der Finalniederlage gegen Rapperswil.

  

Einige Wochen später wird Grieder trotz namhafter Mitbewerber zum Sportchef des EHC Olten ernannt, besetzt jene Stelle, die mit der Entlassung von Köbi Kölliker seit März 2017 vakant war. Bereits während der Saison bewarb sich Verteidiger Grieder mit einem vierseitigen Motivationsschreiben blind auf die Sportchef-Stelle, stellte sich vor, obwohl ihn die Empfänger bereits bestens kannten.

Schrieb offenkundig, was er verbessern würde, wo er anpacken und den Verein weiterbringen könnte. Das Schreiben kommt bei der Vereinsführung bestens an. Grieder wird nach dem Saisonende zu einem ausführlichen Bewerbungsgespräch von über 90 Minuten vor dem Verwaltungsrat eingeladen – und überzeugt auch dort.

Zwischen Stuhl und Bank

Als bekannt wurde, dass Marc Grieder EHCO-Sportchef wird, schickt er eine SMS in den Team-Whatsapp-Chat und teilt seinen Kameraden mit, dass er an der Saisonabschluss-Teamreise nach Mallorca nicht teilnehmen werde. «Es war ein klares Zeichen an die Mannschaft, dass ich meinen neuen Job sehr ernst nehme und kein Spielraum für solches bleibt», sagt Grieder heute. Es ist eine klare Botschaft, dass er zwar mit dem Team verbunden bleiben möchte, dem künftigen Alltag aber eben auch eine gesunde Distanz guttun sollte.

Denn als Sportchef wird Grieder, der auf flache Hierarchien schwört, oft zwischen Stuhl und Bank fallen. Es ist eine oder viel mehr die grosse Herausforderung eines Sportchefs, das Bindeglied zwischen Mannschaft, Trainer und Vereinsführung zu sein. Die Gratwanderung zwischen dem netten Kollegen Grieder und dem knallharten Business-Mann Grieder ist schmal. Erste harte Entscheidungen musste Grieder bereits in den Anfangswochen seiner neuen Arbeit fällen, indem er Verteidiger-Kumpel Joel Fröhlicher und Ur-Oltner Cyrill Aeschlimann mitteilen musste, dass es für sie beide keinen Platz mehr im Kader gibt.

Gerade in solchen Fällen setzt Grieder auf das Menschliche: «Ich versuche immer, all meine Mitmenschen so zu behandeln, wie ich selber gerne behandelt werde. Und ich stehe ein für Ehrlichkeit, Geradlinigkeit und Offenheit», sagt er: «Ich habe es auch als Spieler stets geschätzt, wenn ich die Wahrheit zu hören bekommen habe. Manchmal tut sie halt weh, aber ich wusste dann, woran ich bin.»

Vom Eis ins Büro: Marc Grieder arbeitet beim EHC Olten fortan als Sportchef

Vom Eis ins Büro: Marc Grieder arbeitet beim EHC Olten fortan als Sportchef

«Wollen den EHC Olten einen Schritt weiterbringen»

Grieder fordert von seinen Spielern Leidenschaft und Hingabe. Eigenschaften, die er selbst jetzt als Sportchef vorleben möchte. «Ich hatte als Spieler nicht überaus viel Talent. Aber ich verschaffte mir in jeder Garderobe Respekt und Anerkennung, indem ich an jedem einzelnen Tag 120 Prozent Einsatz gab und leidenschaftlich an der Arbeit war.» Man merkt: Wer nicht sein Maximum herauskitzelt, hat es beim neuen Sportchef des EHC Olten schwer.

Mit solcher Einstellung will er auch die Arbeit im Sportchef-Büro erledigen. Schliesslich sitze man im gleichen Boot: «Wir alle wollen den EHC Olten einen Schritt weiterbringen.» Die ersten Tage als Sportchef rund um die Mannschaft seien schon «etwas speziell» gewesen. Beide Seiten hätten sich zuerst an die neue Situation gewöhnen müssen. Doch schon bald habe er es so wahrgenommen, dass er in der Garderobe, beim Trainergespann und der Vereinsführung als Sportchef geschätzt werde und die vollste Anerkennung geniesse.

Der Druck nach Resultaten

Die ersten Monate waren geprägt von Dutzenden Sitzungen und Hunderten Telefongesprächen. Im Vordergrund stand oft das Knüpfen wertvoller Kontakte. «Es geht in diesem Beruf nichts über ein intaktes Netzwerk», sagt er. Heute muss Grieder aber dennoch schmunzeln, als er während seiner ersten Sportchef-Tage überrascht wurde von den unzähligen Anrufen vieler Branchenkenner. Gratulationen, Hilfsangebote oder erste Spielerofferten – das Smartphone glühte. Viele hinterliessen mit unbekannten Telefonnummern Combox-Nachrichten. «Ich kam kaum nach, alle Nummern zu speichern, und musste eine Zeit lang die Combox abschalten.»

Turbulenter Start hin oder her: Marc Grieder konnte bei der Teamzusammenstellung, Ausgabe 18/19, nur punktuell eine erste Handschrift hinterlassen, wie etwa bei den Ausländern oder der einen oder anderen Personalie in der Defensive. Und dennoch steht auch er bereits unter Druck und braucht Resultate. «Natürlich nehme auch ich es persönlich, wenn wir unsere Ziele nicht erreichen sollten.» Denn auch er würde nur zu gerne die letzte Spielminute eines Playofffinals herunterzählen und danach den Meistertitel feiern – jubelnd auf der Tribüne als EHCO-Sportchef.