Kanu

Der Kampf mit dem wilden Wasser geht für Mike Kurt in die nächste Runde

Aufgetaucht: Nach längerer Bedenkzeit hat sich Mike Kurt entschlossen, seine Karriere zu verlängern. Keystone

Aufgetaucht: Nach längerer Bedenkzeit hat sich Mike Kurt entschlossen, seine Karriere zu verlängern. Keystone

Der Solothurner Mike Kurt hat sich entschieden, trotz der Olympia-Enttäuschung vom letzten Sommer, noch mindestens eine Saison weiter zu paddeln. Ob seine Karriere bis Rio 2016 weitergeht, lässt er indes offen.

Nach den emotionalen Flutwellen vor und nach den Olympischen Spielen hat sich der Solothurner Spitzenkanute Mike Kurt entschieden, weiterzufahren. Dies, nachdem er in London alles auf eine Karte gesetzt hatte, sich am Wettkampftag super fühlte, und dann infolge eines Paddelbruchs bei Tor 18 förmlich Schiffbruch erlitt. Kurt verpasste im Lee Valley White Water Centre am 1. August 2012 den angestrebten Final und die anvisierte Medaille. Nach dieser garstigen Havarie brach er seine Saison ab und beabsichtigte reflexartig, seine Karriere zu beenden. «Vor London hatte ich mich aber eigentlich nie mit dem Szenario auseinandergesetzt, was ist, wenn es in London schiefläuft», hält der Weltcup-Gesamtzweite der Jahre 2007 und 2010 fest.

Mit zunehmender Distanz zum Olympia-Untergang indes – und auch mit den dankerfüllten Trainingseinheiten, die er seither in Derendingen regelmässig mit dem regionalen Nachwuchs durchgeführt hat – ist das Kribbeln im Spitzenathlet zurückgekehrt. Damit verbunden auch der Ansporn, eine so lange und erfolgreiche Karriere nicht so zu beenden. Mit einem gebrochenen Paddel und einem geknickten Traum – «versoffen» im Kanal nahe der Themse quasi. «Jetzt habe ich mich entschieden, sicher noch eine Saison anzuhängen», sagt Kurt. «Ob es meine letzte sein wird, werden wir sehen.» Sicher dagegen ist: «Es gibt für mich nur zwei Optionen: Entweder ist es meine letzte Saison oder der Anfang eines neuen Olympiazyklus bis Rio 2016.»

Verarbeitungssaison

Es soll vorab eine Saison der Reflexion werden für Mike Kurt. Eine, der nachhaltigen Bearbeitung der jüngsten Geschehnisse: «Ich habe nach London nicht das Gefühl, mir selber irgendetwas beweisen zu müssen, sondern möchte einfach nochmals ins Renngeschehen eingreifen und mit etwas Abstand spüren, ob ich noch bereit bin. Den enormen Aufwand auf mich zu nehmen, um in der Weltspitze zu sein», sagt der dreifache Olympia-Teilnehmer. Nun, fühlen lässt sich dies nur da, wo die grossen Emotionen zuletzt gespielt haben. Also nicht auf dem weichen Sofa in der warmen Stube oder dem «trümmligen» Bürostuhl vor dem PC, sondern unter physischer Höchstbelastung auf dem Wasser im Karbon-Boot. Da und in Wettkampf, Training und dem entsprechenden Umfeld. «Ich denke, ich werde bald merken, in welche Richtung es geht», meint Kurt.

Insofern ist der 32-Jährige seit Anfang Jahr wieder im Training. Mitte nächster Woche fliegt er für zweieinhalb Wochen ins Trainingslager nach Abu Dhabi. Letzteres noch ohne Coach. Der erste Wettkampf ist dann Ende März/Anfang April in Leipzig geplant. Saisonziel neben den folgenden Weltcups wird die WM in Prag sein. «Dass die WM auf einer meiner Lieblingsstrecken stattfindet, hat meinen Entscheid weiterzumachen, sicherlich bestärkt», sagt Kurt. Mit der Strecke in der «goldenen Stadt» verbinden den Solothurner so viele Spitzenplätze wie mit keinem anderen Kanal auf dieser Erde. «Wer weiss», sinniert der zehnfache Schweizermeister, «vielleicht gibt mir die vergangene Saison auch eine gewisse Lockerheit, die sich positiv auswirkt.» Er wäre wahrlich nicht der erste, bei dem das genau so der Fall wäre.

Hoffen auf Kulanz

Derzeit ist Mike Kurt dabei, mit Verband und Swiss Olympic die Modalitäten der Fortsetzung seiner Karriere zu verhandeln und zu definieren. Der erfolgreichste Schweizer Wildwasser-Kanute des letzten Jahrzehnts will, wenn immer möglich, wieder mit seinem ehemaligen Coach, dem Franzosen Ludovic Boulesteix, arbeiten. «Das ist für mich entscheidend wichtig», sagt Kurt. Gewisse Privilegien seien für ihn einfach notwendig, um den enormen Aufwand, auf sich nehmen. «Ich hoffe sehr, dass sich der Verband diesbezüglich kulant zeigt.» Auf der anderen Seite geht es für Randsportler immer um die Finanzen. Die Unterstützung von Swiss Olympic wird, wenn überhaupt, gewiss nicht mehr so gross sein wie in der Olympia-Saison 2012.

Mehr als 90 000 Franken hat letztere Kurt gekostet. Eine «normale», nicht olympische Saison, kommt das Mitglied der Solothurner Kanufahrer auf rund die Hälfte zu stehen. Eine Investition, die sich indes lohnen könnte: Gut möglich, das Mike Kurt vor der wertvollsten Saison seiner Karriere steht.

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